Craniomandibuläre Dysfunktion

Du leidest immer wieder an Verspannungen der Muskulatur, Kopfschmerzen, Zahnproblemen und bist müde und unkonzentriert? Du hast Schmerzmittel eingenommen und gehofft, dass die Symptome von selbst wieder verschwinden, dem ist allerdings nicht so? Eine craniomandibuläre Dysfunktion – ein Überbegriff für Kiefererkrankungen von sehr unterschiedlicher Art und Ursächlichkeit – könnte dahinterstecken!


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Zuletzt aktualisiert: 19. März, 2020



Was versteht die Medizin unter einer Craniomandibulären Dysfunktion?

Unter dem Begriff der craniomandibulären Dysfunktion (CMD) versteht der Mediziner eine sehr komplexe und multifaktoriell bedingte Fehlfunktion und –regulation des Kauorgans, bestehend aus Gebiss, Kiefergelenk und umliegende Muskulatur. Es handelt sich um einen Sammelbegriff mehrerer muskuloskelettaler Krankheitsbilder, die als Kiefererkrankungen zusammengefasst werden können und die zu sehr unterschiedlichen, den gesamten Körper betreffenden Symptomen führen.

 

Unter dem Begriff der craniomandibulären Dysfunktion (CMD) versteht der Mediziner eine sehr komplexe und multifaktoriell bedingte Fehlfunktion und –regulation des Kauorgans, bestehend aus Gebiss, Kiefergelenk und umliegende Muskulatur

 

Welche Ursachen gibt es für die Craniomandibuläre Dysfunktion?

Faktoren, die die Entstehung der zur CMD zählenden Krankheitsbilder begünstigen, sind anatomischer, psychischer, traumatischer und biochemischer Natur. Im Vordergrund stehen meist chronische Über- und Fehlbelastungen in Kombination mit psychischem Stress, die zu Muskelverspannungen und strukturellen Veränderungen des Kiefergelenks führen. Ursprung der Problematik können dabei sowohl Zähne und Kiefergelenk selbst als auch Muskel- und Gelenksysteme des ganzen Körpers sein. Es wird daher zwischen absteigender Symptomatik (von Zähnen und Kiefer ausgehende Ausbreitung auf den gesamten Körper) und aufsteigender Symptomatik (Fehlhaltungen in Hüft-, Nacken- und Schultergelenken, Fehlfunktion von Wirbelsäule oder Haltemuskulatur) unterschieden. 

Grundsätzlich lässt sich die CMD in Störungen der Kauflächen, Störungen der Kaumuskulatur und Störungen des Kiefergelenkes einteilen:

Störungen der Kauflächen

Hierunter fallen einerseits unnatürliche Abnutzungserscheinungen der Zahnflächen, andererseits Fehlstellungen der Zähne oder Zustand nach Operationen / dem Ziehen von Zähnen, die ein gleichmäßiges Schließen des Kiefers und Aufeinandertreffen der oberen und unteren Zahnreihen, verhindern. Durch solche Fehlstellungen und ungleiche Zahnhöhen werden Kiefergelenke und damit in Verbindung stehende Gelenke des Kopfes und Nackens unterschiedlich stark beansprucht. Häufigste Auslöser ist neben angeborenen oder erworbenen Fehlstellungen das chronische, meist unbewusst und nächtlich auftretende Zähneknirschen (Bruxismus).

Störungen der Kaumuskulatur

Hierbei ist vor allem eine unphysiologische (zu kräftig, zu schnell, zu oft) Beanspruchung der Muskulatur gemeint. Ein wichtiger Faktor dabei ist zum Beispiel die Kaubewegung bei exzessivem Kaugummikauen.

Störungen des Kiefergelenks

Dazu zählen alle pathologischen Veränderungen und Verlagerungen des Gelenks aus seiner Verankerung im Schläfenbein. 
Am häufigsten sind dabei Positionsveränderungen, bei denen der Gelenkkopf aus der Pfanne verschoben wird, was nicht nur Knorpel, sondern auch umgebende Bänder, Faszien und Haltemuskeln überbelastet. Außerdem fallen Gelenkentzündungen in diese Kategorie, wobei diese sowohl durch mechanische Reizung, als auch durch Infektionen, Verletzungen oder Autoimmunreaktionen ausgelöst werden kann. Bei lang anhaltenden Entzündungserscheinungen werden Knorpel und Knochen schrittweise zerstört und versteifen. Auch eine Überbeweglichkeit des Gelenks, die auf eine Überdehnung der Bänder zurückzuführen ist, kann Ursache sein, wenn durch die fehlende Stützfunktion eine Verlagerung begünstigt wird.

Craniomandibuläre Dysfunktion

Welche Symptome treten bei einer Craniomandibulären Dysfunktion auf?

Je nach Ursache, Zustand des Gelenks, Begleiterkrankungen und psychischer Verfassung kann sich die CMD anhand einer Vielzahl von unterschiedlichen Symptomen manifestieren:

  • Myofasziale Schmerzen, die vom Kiefer ausgehend in Gesicht, Nacken, Schulter, Rücken, Wirbelsäule ausstrahlen
  • Kopfschmerzen, Migräne
  • Einschränkung / Schmerz bei der Kieferöffnung
  • Verstärktes Knacken des Kiefergelenks
  • Schwindel
  • Konzentrationsschwäche
  • Tinnitus, Ohrenschmerzen
  • Brustschmerzen, Herzrhythmusstörungen

Wie diagnostiziert der Arzt eine Craniomandibuläre Dysfunktion?

Da es sich um ein sehr heterogenes Krankheitsbild mit unterschiedlichen Ausprägungen und Symptomen handelt, kann sich eine korrekte Diagnosestellung in die Länge ziehen. Oftmals bedarf es einem Zusammenspiel mehrerer Fachbereiche, um zur richtigen Diagnose zu kommen. 
Die Diagnose selbst kann anhand einer körperlichen Untersuchung, genauer Beschreibung der vorliegenden Symptome und Anamnese sozialer und psychischer Gesundheit, Begleiterkrankungen und Stresslevel gestellt werden. Der Spezialist wird die Beweglichkeit des Kiefergelenks und die Druckempfindlichkeit umliegender Strukturen überprüfen und bei Verdacht auf eine Verlagerung oder stark Abnutzung des Gelenks zusätzlich eine bildgebende Methode veranlassen. Um ein nächtliches, unbewusstes Zähneknirschen festzustellen, kann die Überweisung an ein Schlaflabor sinnvoll sein.

Wie kann eine Craniomandibuläre Dysfunktion behandelt werden?

Die Behandlung richtet sich nach der Schwere der Symptome und zugrunde liegender Pathologie. Grundsätzlich sollte ein interdisziplinärer Ansatz und die Kombination aus mehreren therapeutischen Möglichkeiten angestrebt werden. 
Umfangreiche Patientenaufklärung und Hilfe zur Selbsthilfe müssen unbedingt erfolgen. Stressmanagement, Entspannungs- und Dehnungsübungen können Patienten selbstständig durchführen und tragen essenziell zur Symptombesserung bei. 
Besteht der Verdacht auf ein krankhaftes Zähneknirschen mit abgetragenen Zahnflächen oder Fehlstellungen der Zähne, können eine Begutachtung durch den Zahnarzt und eventuelle Zahnsanierungen oder kieferorthopädische Maßnahmen indiziert sein.

Aufbissschienen (auch Okklusionsschienen genannt) werden als häufige therapeutische Maßnahme angewendet. Dabei handelt es sich um dünne Kunststoffschienen, die an Ober- und Unterkiefer angepasst werden und sowohl Zähneknirschen als auch zu starken Druckaufbau unterbinden sollen. In physiotherapeutischen Sitzungen werden gezielte Übungen zur Regulation des Muskeltonus und der Körperhaltung durchgeführt und auch für die Eigenanwendung zu Hause gelernt. Funktionalität von Muskulatur und Faszien sollen so wiederhergestellt werden und der Patient erlangt zusätzlich ein Gefühl für verkrampfende, unphysiologische Bewegungen.

Craniomandibuläre Dysfunktion

Auch die sogenannte Biofeedback-Therapie beruht auf der Möglichkeit, den eigenen Körper bewusster wahrnehmen zu können und Situationen zu erkennen, in denen besonders viel Druck auf den Kiefer ausgeübt wird. Dies erfolgt über eine Sonde am Kaumuskel, die Muskelaktivität und –spannung ableitet und dem Patienten über einen Bildschirm oder akustisch vermittelt wird.
In gewissen Fällen können schmerzstillende oder muskelrelaxierende Medikamente oder bei schmerzbedingten Schlafproblemen auch Schlafmittel kurzfristig notwendig werden.

Sind psychischer und physischer Stress und Überforderung in Beruf, Familie und Alltag in der Anamnese festzustellen, sollte außerdem eine psychotherapeutische Betreuung in Anspruch genommen werden. Gerade nächtliches Zähneknirschen und unwillkürliche chronische Überbelastung des Kiefers sind oftmals Ausdruck von Stress, weshalb hier durchaus ursächlich behandelt werden kann. Die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) wird gelegentlich bei chronischen, schwer zu behandelnden Schmerzsyndromen eingesetzt. Dabei werden über Elektroden elektrische Impulse abgegeben, die Nervenbahnen zum Gehirn ansprechen und modulieren sollen.

Wann ist eine operative Behandlung sinnvoll?

Chirurgische Eingriffe werden dann notwendig, wenn andere Therapien versagt haben, wenn es dem Patientenwunsch entspricht und wenn im Gelenk eine konservativ nicht zu behebende Verlagerung oder eine fortgeschrittene Destruktion durch den Arzt festgestellt wurde. Operativ sind dabei sowohl kleinere, minimal-invasive Eingriffe (zum Beispiel direkte Injektion von entzündungshemmenden Lösungen bei entzündlichen Veränderungen oder arthroskopische Eingriffe) als auch ein kompletter offener Gelenkersatz möglich.

Welche Risiken können während und nach der Behandlung auftreten?

Neben offensichtlichen Nebenwirkungen, die bei jeder Operation bestehen wie beispielsweise Nachblutungen, Schmerzen, allergische Reaktionen auf das Narkosemittel und sichtbare Narben, die vor allem beim offenen Gelenkersatz bleiben können, ist bei kieferchirurgischen Eingriffen vor allem die Verletzung des Gesichtsnervs ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Ein offener Gelenkersatz ist daher stets die letzte Option bei Versagen aller anderen Therapieoptionen.

Muss eine Aufbissschiene für immer getragen werden?

Nein! Die Schiene sollte solange getragen werden, bis die Symptome abklingen, was in der Regel innerhalb von 6 – 8 Wochen der Fall ist. Bei sehr schwerer Symptomatik kann sich dieser Zeitraum allerdings auch verlängern. Damit die Therapie auch nachhaltige Erfolge erzielt, sollte allerdings eine Kombination mit direkt ursachenbekämpfenden Maßnahmen angestrebt werden.

Craniomandibuläre Dysfunktion

Übernimmt die Krankenkasse die Kosten der Behandlung?

Die Beteiligung der Krankenkasse an den Kosten ist von Therapie zu Therapie sehr unterschiedlich. Begutachtungen, Bildgebung und medikamentöse Therapie werden von der Kasse übernommen, zu Physiotherapie, Massage und Psychotherapie wird durch die Krankenkasse meist ein Zuschlag gewährleistet. Die Biofeedback-Therapie, eine Aufbissschiene und TENS-Behandlungen müssen in der Regel selbst bezahlt werden. Operative Eingriffe werden bei eindeutiger medizinische Notwendigkeit ebenfalls von der Versicherung gezahlt.


Dauer Dauer

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Ausfallzeit Ausfallzeit

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Stationärer Aufenthalt Stationär

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Auswahl von Ärzt*innen auf diesem Fachgebiet

MOOCI Siegel
Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Alexander Kübler

Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Alexander Kübler

Facharzt für Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie

Pleicherwall 2 , Würzburg

Das Wichtigste zusammengefasst

Der Begriff der craniomandibulären Dysfunktion umfasst eine Reihe an Kiefergelenkerkrankungen mit sehr unterschiedlichen Symptomen und Verläufen. Die sehr vielfältigen Ursachen können sowohl vom Gelenk selbst ausgehen, als auch durch Fehlfunktionen in Gebiss und Zähnen sowie den ganzen Körper betreffenden muskuloskelettalen Erkrankungen und Haltungsdefiziten entstehen


Die craniomandibuläre Dysfunktion bringt sehr unterschiedliche Symptome mit sich, die Gelenke und Muskeln aber auch innere Organsysteme beeinflussen. Häufigster Symptom ist der Schmerz, der als Schmerz im Kiefergelenk selbst, aber auch als Gesichtsschmerz, Verspannungsschmerz in Nacken- und Schultermuskulatur, Kopfschmerz oder Rückenschmerz erscheint. Weitere Symptome sind beispielsweise Schwindel, Ohrgeräusche und Ohrenschmerzen, Müdigkeit und Konzentrationsschwäche, Schlafprobleme bis hin zu Herzrhythmusstörungen


Es existieren sehr viele unterschiedliche Therapieansätze, von denen einige gezielt ursächlich ansetzen, andere rein symptomatisch, also beispielsweise rein schmerzlindernd wirken. In Frage kommen der Einsatz von Aufbissschienen, physiotherapeutische Maßnahmen, Biofeedbacktherapie, medikamentöse Behandlungen, TENS, chirurgische Maßnahmen und Psychotherapie


Wichtig ist auf jeden Fall, die Symptome nicht lange zu ignorieren, sondern so schnell wie möglich einen Arzt aufzusuchen, der weitere Diagnostik in die Wege leiten kann. Welche Therapie für Dich die Richtige ist, wie viel sie kostet und wo du sie durchführen lassen kannst, sollte mit dem Arzt Deines Vertrauens persönlich besprochen werden

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