Autoimmunerkrankung

Das menschliche Immunsystem dient der Abwehr von Bakterien, Viren, Pilzen und Parasiten. Zur korrekten Durchführung dieser Aufgabe muss es in der Lage sein, zwischen körperfremden und körpereigenen Strukturen unterscheiden zu können. Ist diese Differenzierung nicht mehr möglich, kann es zu einem Angriff des Immunsystems auf körpereigenes Gewebe kommen, was meist gravierende Schäden im Körper hervorruft und für Betroffene mitunter einen lebensbedrohlichen Zustand darstellen kann.


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Zuletzt aktualisiert: 4. Juni, 2020



Was versteht die Medizin unter einer Autoimmunerkrankung?

Eine zentrale Bedeutung zur Abwehr von Krankheitserregern haben spezielle Immunzellen, die sogenannten T-Lymphozyten. Der Buchstabe „T“ steht dabei für den Thymus, ein Organ des menschlichen Körpers, der für die Reifung der T-Lymphozyten in der frühen Kindheit verantwortlich ist. In dieser Lebensphase erlernen die Immunzellen in mehreren immunologischen Prozessen sich nicht gegen gesunde körpereigene beziehungsweise ungefährliche körperfremde Strukturen zu wenden. T-Lymphozyten, die nicht zwischen körpereigenen und körperfremden Strukturen unterscheiden können, werden dagegen eliminiert.

Autoimmunerkrankung

Gleiches gilt für solche Immunzellen, die zwar eine Differenzierung treffen können, aber dermaßen stark an körpereigene Strukturen binden, dass sie aktiviert werden. Das Ergebnis dieser Reifungsprozesse nennen medizinische Experten Selbst- beziehungsweise Immuntoleranz. In manchen Fällen ist diese Immuntoleranz allerdings fehlgeleitet. Das Immunsystem hält bestimmte körpereigene Strukturen irrtümlich für fremd und leitet verschiedene Abwehrmechanismen ein. In der Folge kann es zu Entzündungsreaktionen und Gewebeschädigungen kommen. Derartige Prozesse bezeichnen Mediziner als Autoimmunerkrankungen.

Wie sehen die Symptome einer Autoimmunerkrankung aus?

Die Symptome einer Autoimmunerkrankung können sich von Krankheitsbild zu Krankheitsbild komplett unterschiedlich darstellen und hängen unter anderem davon ab, welches Organ oder Gewebe betroffen ist. Mitunter treten erste körperliche Veränderungen sehr schnell auf, bei anderen Erkrankten wiederum entwickeln sie sich so langsam, dass die Betroffenen kaum bemerken, dass sie erkrankt sind. 
Zu möglichen Symptomen zählen beispielhaft Juckreiz, Hautausschlag, Schuppen, trockene Augen, Mundtrockenheit, Bauchschmerzen, Durchfall, Fieber, Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen, Nierenschmerzen, Bauchschmerzen sowie Blut im Stuhl oder Urin.

Welche Ursachen hat die Autoimmunerkrankung?

Die genauen Ursachen für Autoimmunerkrankungen sind bislang nicht vollständig geklärt. Medizinische Experten sind sich jedoch sicher, dass ein Zusammenwirken einer genetischen Veranlagung und äußerer Einflüsse wie Infektionen, Giftstoffe, bestimmte Medikamente, Schwangerschaft und Stress bei der Krankheitsentstehung eine Rolle spielt.

Welche Arten von Autoimmunerkrankungen gibt es?

Mediziner differenzieren Autoimmunerkrankungen in organspezifisch und systemisch. Organspezifisch bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sich das Immunsystem selektiv gegen ein bestimmtes Organ, beispielsweise Schilddrüse, Darm, Bauchspeicheldrüse oder Haut, richtet. Darunter fallen unter anderem Colitis ulcerosa, Morbus Basedow und Diabetes Mellitus Typ 1. Bei einer systemischen Autoimmunerkrankung greift das Immunsystem hingegen verschiedene Organsysteme an, richtet sich also gegen das gesamte System. Beispiele hierfür sind Lupus erythematodes, Sjögren-Syndrom und Rheumatoide Arthritis. Mitunter liegen auch Misch- oder Übergangsformen beider Arten vor, wobei Mediziner dann von einer intermediären Autoimmunerkrankung sprechen.

Was sind die häufigsten Autoimmunerkrankungen?

Zu den häufigsten Autoimmunerkrankungen zählen unter anderem die chronische Entzündung der Schilddrüse (Hashimoto-Thyreoiditis), Schuppenflechte (Psoriasis), Typ-1-Diabetes, chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn, Multiple Sklerose, Glutenunverträglichkeit (Zöliakie), Rheumatoide Arthritis, Lupus erythematodes, Myasthenia gravis, Morbus Bechterew, Autoimmunhepatitis, Sjögren-Syndrom und Guillain-Barré-Syndrom.

Autoimmunerkrankung

Wie diagnostiziert der Arzt eine Autoimmunerkrankung?

Zunächst erfolgt ein persönliches Gespräch mit Deinem behandelnden Arzt, in dem dieser Dich unter anderem über Deine Beschwerden, Krankengeschichte und Erkrankungen innerhalb Deiner Familie befragt. Anhand der dadurch gewonnenen Informationen kann der Mediziner bereits eine Verdachtsdiagnose stellen. Anschließend folgt eine Blutuntersuchung, die dem Nachweis möglicher Autoantikörper im Blut dient. Dabei gibt es verschiedene Autoantikörper, die für bestimmte Autoimmunerkrankungen charakteristisch sind, wodurch Dein Arzt feststellen kann, um welche Art von Autoimmunerkrankung es sich handelt. Wichtige Autoantikörper, die sich im Blut bestimmen lassen, sind unter anderem Aktin-Antikörper, Rheumafaktor, antinukleäre Antikörper (ANA), antimitochondriale Antikörper (AMA), antizytoplasmatische Antikörper (ANCA), Antiphospholipid-Antikörper und Acetylcholinesterase-Rezeptor-Antikörper.

Sind Autoimmunerkrankungen ansteckend oder vererbbar?

Autoimmunerkrankungen sind nicht ansteckend. Bei vielen Autoimmunerkrankungen sind jedoch familiäre Häufungen zu finden. Geschwister von Betroffenen erkranken wesentlich häufiger an einer solchen Erkrankung als die restliche Bevölkerung. Autoimmunerkrankungen werden dabei nicht direkt vererbt, sondern es besteht eine Veranlagung. Mediziner sprechen hierbei von einer genetischen Prädisposition. Das bedeutet, dass Betroffene durch eine Modifikation bestimmter Gene anfälliger für Autoimmunerkrankungen sind, diese Veränderung allein jedoch meist nicht für den Ausbruch verantwortlich ist. Hierfür sind zusätzlich äußere Einflüsse verantwortlich.

Wer ist am häufigsten davon betroffen?

Weltweit sind derzeit etwa fünf bis acht Prozent der Bevölkerung von Autoimmunerkrankungen betroffen. Sie bilden damit nach Herz-Kreislauf- und Tumorerkrankungen die dritthäufigste Erkrankungsgruppe. Frauen leiden weitaus häufiger unter Autoimmunerkrankungen als Männer. Etwa 80 Prozent aller Erkrankten sind weiblich. Bei bestimmten Autoimmunerkrankungen zeigt sich dabei der Unterschied besonders deutlich. Von der Schilddrüsenentzündung Hashimoto-Thyreoiditis sind etwa fünfzigmal mehr Frauen als Männer betroffen. Der systemische Lupus erythematodes oder die rheumatoide Arthritis kommen bei Frauen etwa neunmal häufiger vor. Die Gründe hierfür liegen möglicherweise in Schwankungen des Hormonhaushalts sowie einer immunhemmenden Wirkung weiblicher Hormone.

Autoimmunerkrankung

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Die Behandlung von Autoimmunerkrankungen ist individuell verschieden und hängt unter anderem davon ab, welches Organ oder Organsystem betroffen ist. Um eine weitere Zerstörung körpereigenen Gewebes zu verhindern, können entzündungshemmende Medikamente (nichtsteroidale Antirheumatika, Glukokortikoide), Immunsuppressiva (Methotrexat, Ciclosporin A) oder immunmodulierende Substanzen (Antikörper gegen regulierende Faktoren des Immunsystems wie TNF-alpha oder Interleukin-1) zur Anwendung kommen. Problematisch bei diesem Therapieansatz ist jedoch, dass neben der Herabsetzung unerwünschter Aktivitäten des Immunsystems auch essenzielle Schutzmechanismen des Abwehrsystems, beispielsweise gegenüber Krankheitserregern, beeinträchtigt werden. Um die körpereigene Abwehr nicht zu stark zu inhibieren, erfolgt die Therapie von Autoimmunerkrankungen daher nach einem Stufenschema, das Dein behandelnder Arzt individuell für Dich anpasst.

Weiterhin besteht die Möglichkeit bei einer eingeschränkten Organleistung körpereigene Hormone wie beispielsweise Schilddrüsenhormone bei Hashimoto-Thyreoiditis zu substituieren. Bei bestimmten Autoimmunerkrankungen kommt die sogenannte Plasmapherese zum Einsatz. Dieses umgangssprachlich auch als „Blutwäsche“ bezeichnete Verfahren dient dazu, schädigende Autoantikörper vorübergehend aus dem Blut zu entfernen. Liegt eine organspezifische Autoimmunerkrankung vor, kann zudem das geschädigte Organ in einem operativen Eingriff ersetzt werden, beispielsweise durch eine Nierentransplantation oder eine Knie-Endoprothese. Außerdem können bei Autoimmunerkrankungen, die die Haut betreffen, Behandlungsmethoden wie Lasertherapie, Lichttherapie oder photodynamische Therapie infrage kommen.

Sind Autoimmunerkrankungen heilbar?

Die Prognose von Autoimmunerkrankungen ist individuell sehr unterschiedlich und hängt unter anderem von Art und Schweregrad der Erkrankung ab. Eine Heilung bei Autoimmunerkrankungen würde bedeuten, dass beschädigtes Gewebe sich bis auf den Ausgangszustand wieder komplett regenerieren kann, was jedoch nicht immer möglich ist, wie zum Beispiel bei Hashimoto-Thyreoiditis. Ziel der Therapie ist daher die sogenannte Remission, eine vorübergehende oder dauerhafte Abschwächung der Symptome. In vielen Fällen können entsprechende Behandlungsmaßnahmen zu einer lebenslangen Symptomfreiheit, Reduktion von Entzündung und teilweisen Regeneration des betroffenen Gewebes führen. Eine Heilung im Sinne von Ursachenbeseitigung ist derzeit jedoch nicht möglich.

Kann ich Autoimmunerkrankungen vorbeugen?

Da die genauen Ursachen von Autoimmunerkrankungen bislang nicht vollständig geklärt sind, ist keine sichere Vorbeugung möglich. Zudem besteht häufig eine genetische Prädisposition, was bedeutet, dass manche Menschen eine erhöhte Anfälligkeit für die Entstehung von Autoimmunerkrankungen aufweisen, diese Neigung den Betroffenen aber mitunter bis zum Ausbruch der Erkrankung nicht bekannt ist. Empfehlenswert ist dennoch eine Stärkung Deines Immunsystems durch eine gesunde Lebensweise, die eine ausgewogene Ernährung mit Obst und Gemüse, viel Bewegung und möglichst wenig Stress beinhaltet.

Autoimmunerkrankung

Übernehmen die Krankenkassen die Kosten?

Die Krankenkassen übernehmen im Normalfall die Kosten aller notwendigen und zweckmäßigen Therapiemaßnahmen. Solltest Du Dir trotzdem unsicher sein, welche Therapien Dein Versicherungsträger übernimmt, dann frage am besten bei Deiner Krankenkasse nach oder kontaktiere unsere Spezialisten.


Dauer Dauer

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Ausfallzeit Ausfallzeit

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Stationärer Aufenthalt Stationär

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Das Wichtigste zusammengefasst

Unter einer Autoimmunerkrankung verstehen Mediziner eine Fehlregulation des Immunsystems, wodurch dieses nicht mehr zwischen körpereigenen und körperfremden Strukturen unterscheiden kann. In der Folge kommt es zu einer Entzündungsreaktion und Gewebeschädigung, der Körper greift sich selbst an


Die Ursache liegt wahrscheinlich in einem Zusammenwirken einer genetischen Veranlagung und äußerer Einflüsse


Zu den häufigsten Autoimmunerkrankungen zählen unter anderem Hashimoto-Thyreoiditis, Psoriasis, Typ-1-Diabetes, Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, Multiple Sklerose, Zöliakie, Rheumatoide Arthritis, Lupus erythematodes, Myasthenia gravis, Morbus Bechterew, Autoimmunhepatitis, Sjögren-Syndrom und Guillain-Barré-Syndrom


Als Behandlungsmethoden stehen Betroffenen je nach Erkrankung grundsätzlich entzündungshemmende beziehungsweise ins Immunsystem eingreifende Medikamente, eine Plasmapherese, Lasertherapie, Lichttherapie, photodynamische Therapie, Hormonsubstitution und Organtransplantation zur Verfügung

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