Überbiss

Etwa 60 Prozent aller Kinder und Jugendlichen leiden unter Zahnfehlstellungen. Diese können nicht nur als Schönheitsfehler empfunden werden, sondern auch körperliche Folgeschäden nach sich ziehen. Eine solche Zahnfehlstellung – den Überbiss – möchten wir Dir im Folgenden näher vorstellen.


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Zuletzt aktualisiert: 3. Dezember, 2019



Was versteht die Medizin unter einem Überbiss?

Ein Überbiss beschreibt das Lageverhältnis von Oberkieferfrontzähnen zu Unterkieferfrontzähnen bei geschlossenem Mund. Normalerweise weist das menschliche Gebiss einen physiologischen Überbiss von zwei Millimeter auf. Das bedeutet, dass die oberen Schneidezähne etwas weiter vorne stehen als die unteren Schneidezähne. Stehen die oberen Schneidezähne gegenüber den unteren mehr als zwei Millimeter ab, sprechen Kieferorthopäden von einem pathologischen Überbiss, auch als maxilläre Prognathie bezeichnet. Stehen hingegen die unteren Schneidezähne vor den oberen Schneidezähnen, spricht man von einer mandibulären Prognathie.

Überbiss

Welche Ursachen hat ein Überbiss?

Einem Überbiss kann entweder eine Zahnfehlstellung oder eine Kieferfehlstellung beziehungsweise eine Kombination aus beidem zugrunde liegen. Besteht das Problem auf Zahnebene, stimmen die Achsen der Frontzähne nicht. Das bedeutet, dass die oberen Schneidezähne zu weit nach vorne geneigt sind, die unteren Schneidezähne zu weit zurück. Wenn das Problem hingegen auf Kieferebene besteht, liegt der gesamte Unterkiefer im Verhältnis zum Oberkiefer zurück, woraus auch bei korrekter Zahnstellung ein vergrößerter Überbiss resultiert. Derartige Fehlstellungen können genetisch bedingt sein, aber auch durch schädliche Angewohnheiten wie Daumenlutschen und Lippensaugen entstehen.

Wie diagnostiziert der Arzt einen Überbiss?

Ein Facharzt für Kieferorthopädie kann eine Fehlstellung des Kiefers leicht und schnell diagnostizieren. Dafür untersucht er zunächst die Situation innerhalb der Mundhöhle und analysiert die Stellung der Zähne im Kiefer, deren Größe und Form sowie das Größenverhältnis des Kiefers bezogen auf den Schädel. Für einen genauen Befund können Gipsabdrücke und Röntgenaufnahmen (seitliches Fernröntgen) erfolgen. Sollte Deine Kaufunktion beeinträchtigt sein, der Überbiss sonstige gesundheitliche Probleme mit sich bringen oder Du deshalb mit Deinem äußeren Erscheinungsbild unzufrieden sein, kann Dein behandelnder Arzt daraufhin eine entsprechende Behandlung einleiten.

Wer ist am häufigsten davon betroffen?

Ein Überbiss kommt als Zahnfehlstellung relativ häufig vor und kann prinzipiell jeden Menschen betreffen. In vielen Fällen lässt sich ein Überbiss bereits im Kindesalter im Rahmen zahnärztlicher Kontrolluntersuchungen diagnostizieren und entsprechend korrigieren. Ein erhöhtes Risiko für einen Überbiss tragen Kinder, die Nägel oder Stifte kauen beziehungsweise an ihrem Daumen lutschen.

Welche Schweregrade von Überbiss gibt es?

Zahnfehlstellungen lassen sich in sogenannte Angle-Klassen unterteilen. Die Angle-Klasse I bezeichnet den physiologischen Überbiss bei dem die Höcker der Backenzähne des Ober- und Unterkiefers genau aufeinander passen. In die Angle-Klasse II/1 fällt ein Überbiss, bei dem der Oberkiefer weiter vorsteht als der Unterkiefer. In der Folge ist der vordere Höcker des oberen ersten Backenzahns gegenüber dem Backenzahn des Unterkiefers nach vorne versetzt. In die Angle-Klasse II/2 ordnen Kieferorthopäden einen Überbiss ein, bei dem die oberen Schneidezähne nach innen gekippt sind. Die Angle-Klasse III beschreibt dagegen einen Vorbiss des Unterkiefers, bei dem der Oberkiefer im Vergleich zum Unterkiefer zu klein ist, wodurch die unteren Schneidezähne hervorstehen können.

Welche Folgen hat die Zahnfehlstellung für die Patienten?

Je nach Ausprägung des Überbisses kann die Zahnfehlstellung diverse Folgen haben. Betroffene haben ein erhöhtes Verletzungsrisiko an den oberen Schneidezähnen bei einem Sturz. Weiterhin kann der Biss im Seitenzahngebiet nicht passen, was wiederum Probleme beim Kauen nach sich zieht. Daneben kann auch das Abbeißen mit den Schneidezähnen Schwierigkeiten bereiten. Ebenso kann das Sprechen erschwert sein. Auch berichten Betroffene häufig über Muskelverspannungen, Kopfschmerzen und Konzentrationsprobleme.

Überbiss

Zudem besteht bei Beeinträchtigung des Mundschlusses ein erhöhtes Risiko für Karies, insbesodere der oberen Schneidezähne, da sie nicht mehr ausreichend vom Speichel umspült werden. Kommt es zur ungünstigen Mundatmung, können Erkrankungen der oberen Atemwege die Folge sein. Darüber hinaus beeinträchtigt ein Überbiss auch das Gesichtsprofil, was wiederum negative Auswirkungen auf die Psyche haben kann. So kann ein Überbiss den Eindruck eines sogenannten fliehenden Kinns erwecken.

Welche Behandlungsmethoden gibt es?

Im Kindes- und Jugendalter stellt eine individuell angefertigte Zahnspange eine geeignete Behandlungsmethode dar. Ebenso können funktionskieferorthopädische Geräte eine Alternative sein. Diese bestehen wie andere abnehmbare Zahnspangen aus Kunststoff, in die Drahtelemente eingelassen sind. Im Unterschied zu einer Zahnspange sind sie jedoch nicht über Klammern fest mit den Zähnen verbunden, sondern liegen locker im Mund. Das Wirkprinzip solcher funktionskieferorthopädischer Geräte besteht darin, die beim Schlucken und Sprechen entstehenden natürlichen Kräfte der Mundmuskulatur auszunutzen, um die Zähne und den Kiefer in die korrekte Lage zueinander zu bringen.

Bei Erwachsenen gestaltet sich die Behandlung dagegen komplizierter, da sich der Kiefer nicht mehr so stark verändert wie bei Kindern. Deshalb ist bei erheblichen Kieferfehlstellungen oft ein chirurgischer Eingriff notwendig, der meist in Kombination mit einer kieferorthopädischen Behandlung erfolgt. Unter Umständen, beispielsweise bei einem bestehenden Platzproblem in Deinem Kiefer, kann es auch erforderlich sein, kleine Prämolaren oder Molaren zu ziehen, um die vorstehenden Frontzähne nach hinten bewegen zu können.

Wie verläuft die Behandlung des Überbisses mit der Zahnspange?

Bis kurz vor der Pubertät lässt sich ein Überbiss leicht mit einer Zahnspange korrigieren. Dabei kann Dein Kieferorthopäde die Zahnspange individuell so anfertigen, dass diese Druck auf Deine vorderen Zähne ausübt. Durch das ständige Wachstum des Kiefers während der Kindheit wachsen die betroffenen Zähne wieder in die richtige Richtung. Die Behandlungsdauer ist dabei individuell sehr verschieden und hängt unter anderem von der Ausprägung der Zahnfehlstellung ab, beträgt aber meist einige Monate bis zu drei Jahre.

Wann ist eine Operation sinnvoll?

Da bei Erwachsenen das Kieferwachstum bereits abgeschlossen ist, ist eine kieferorthopädische Behandlung in den meisten Fällen nicht mehr ausreichend. Hierbei kann eine kombinierte kieferorthopädische/kieferchirurgische Behandlung zur Anwendung kommen. Insbesondere, wenn ein Überbiss nicht ausschließlich mit der Stellung der Zähne zusammenhängt, sondern durch eine Anomalie im Skelettaufbau bedingt ist, ist ein chirurgischer Eingriff oft unausweichlich.

Überbiss

Was muss ich vor einer Operation beachten?

Vor der Operation findet eine ein- bis eineinhalbjährige Vorbehandlung durch Deinen Kieferorthopäden statt. Dabei bekommst Du eine feste Zahnspange, die Deine Zähne in die für Dich vorgesehene Position bringt. Nach Erreichen der Normalstellung entwickelt Dein Kieferchirurg anhand von aktuellen Kieferabdrücken, Kunststoffbissabdrücken und Röntgenbildern einen Operationsplan. Er klärt Dich weiterhin über den Operationsablauf, die Nachsorge sowie mögliche Risiken und Komplikationen auf.

Wie verläuft die Operation bei einem Überbiss?

Das Ziel eines operativen Eingriffs bei einem Überbiss ist die richtige Positionierung des Kiefers, insbesondere die des bei einem Überbiss oftmals zu kurzen Unterkiefers. Dafür präpariert der Kieferchirurg Deinen Unterkiefer unter Vollnarkose frei und löst diesen vom Oberkiefer. Dadurch wird der Unterkiefer für den Mediziner beweglich und lässt sich in die gewünschte Position bringen, sodass die Zähne der oberen und unteren Reihe gut aufeinander zu liegen kommen.

Mittels Schrauben und kleinsten Platten fixiert er die korrekte Einstellung des Unterkiefers. Darüber hinaus verbindet er Ober- und Unterkieferknochen miteinander, wofür Gummizüge in die im Knochen verankerten Funktionsschrauben eingehängt werden. Dies dient der Sicherung der Unterkieferposition. Je nach angewandter Technik kann der chirurgische Eingriff teilweise unterschiedlich ablaufen.

Was muss ich nach der Operation beachten?

Der Eingriff ist mit einem bis zu einwöchigen stationären Aufenthalt verbunden. Auch nach der Operation ist die Behandlung noch nicht endgültig abgeschlossen. Innerhalb eines halben Jahres erfolgt eine kieferorthopädische Feinjustierung mit einer festsitzenden Zahnspange. Die während der Operation eingesetzten Platten entfernt Dein Kieferchirurg in einem zweiten Eingriff nach Abschluss der Knochenheilung. In Abhängigkeit des Ausprägungsgrades des Überbisses kann die gesamte Dauer der Behandlung somit zwei bis drei Jahre dauern.

Welche Risiken und Komplikationen können auftreten?

Wie bei anderen operativen Eingriffen können auch bei einer Operation eines Überbisses Komplikationen auftreten. Postoperativ sind Blutergüsse, eine Gesichtsschwellung und eine eingeschränkte Mundöffnung möglich, die sich allerdings in der Regel innerhalb von zehn bis vierzehn Tagen vollständig zurückbilden. Kühlmasken, Lymphdrainagen und Physiotherapie können dabei Besserung herbeiführen. Zu weiteren Risiken zählen Zahnwurzelverletzungen, Nervenschädigungen, Fehlpositionierungen und Beschwerden des Kiefergelenks.

Bei einer Fehlpositionierung kann gegebenenfalls eine Neupositionierung erforderlich sein. Kiefergelenksbeschwerden lassen sich mit Physiotherapie und einer Aufbissschiene behandeln. Bei etwaigen reversiblen Sensibilitätsstörungen im Bereich der Gesichtshaut und des Zahnfleisches, hervorgerufen durch eine Nervendehnung, kann die Substitution von Vitamin B12 zu einer Beschleunigung der Regeneration führen.

Überbiss

Kann ich den Überbiss vorbeugen?

Einer genetisch bedingten Kieferfehlstellung lässt sich nicht vorbeugen. Vorbeugende Maßnahmen können jedoch bei einem erworbenen Überbiss getroffen werden, indem Du bei Deinem Kind den Gebrauch von Schnullern und ein dauerhaftes Nuckeln einschränkst. Zudem ist eine frühzeitige und regelmäßige Mundhygiene wichtig. Diagnostiziert ein Zahnarzt im Kindesalter bereits ansatzweise einen Überbiss, kann eine Zahnspange der Zahnfehlstellung entgegenwirken.

Übernehmen die Krankenkassen die Kosten?

Bei Kindern und Jugendlichen übernehmen die Krankenkassen bei einem IOTN (Index of Orthodontic Treatment Need) 4 oder 5 vollständig die Kosten für Behandlungsmaßnahmen. Ob bei Erwachsenen eine Kostenübernahme erfolgt, hängt vom Tarif der Krankenkassen und der medizinischen Notwendigkeit der Therapie ab.


Dauer Dauer

Ca. 2 Stunden

Ausfallzeit Ausfallzeit

Bis zu 3 Wochen

Stationärer Aufenthalt Stationär

5-7 Tage

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Das Wichtigste zusammengefasst

Ein Überbiss bezeichnet eine Zahn- beziehungsweise Kieferfehlstellung, bei der die oberen Schneidezähne gegenüber den unteren mehr als zwei Millimeter abstehen


Ein Überbiss kann genetisch bedingt sein, aber auch durch schädliche Angewohnheiten wie Daumenlutschen und Lippensaugen entstehen


Als Behandlungsmethoden kommen das Tragen einer Zahnspange oder funktionskieferorthopädischer Geräte sowie eine operative Kieferumstellung infrage


Eine operative Kieferumstellung erfolgt meist vor und nach der Operation in Kombination mit einer kieferorthopädischen Behandlung mittels Zahnspange

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