Ein Mensch in Deutschland, Österreich oder der Schweiz wird heute im Schnitt über 80 Jahre alt. Diese Zahl klingt beruhigend, sagt aber nichts darüber aus, wie diese Jahre verlaufen. Für viele Menschen beginnen die letzten ein bis zwei Jahrzehnte mit einer chronischen Erkrankung, später kommen weitere hinzu, und irgendwann ist der Alltag ohne Hilfe nicht mehr zu bewältigen. Genau diese Lücke beschreibt der Begriff Healthspan.
Healthspan bedeutet auf Deutsch gesunde Lebensspanne oder Gesundheitsspanne. Gemeint sind die Jahre, in denen Du ohne schwere Erkrankung, ohne Pflegebedürftigkeit und mit erhaltener körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit lebst. In der Longevity-Medizin ist Healthspan die zentrale Zielgröße, weil sie das misst, was Menschen tatsächlich wollen: nicht nur länger leben, sondern länger gesund bleiben. Dieser Beitrag erklärt Dir, was hinter dem Begriff steckt, wie groß der Abstand zur Lebenserwartung in den deutschsprachigen Ländern ist, wie Ärztinnen und Ärzte gesunde Lebensjahre erfassen und was Du selbst beeinflussen kannst.
Das Wichtigste in Kürze
Healthspan ist die Zahl der gesunden, selbstständigen Lebensjahre, Lifespan die Gesamtlebenserwartung. In Deutschland, Österreich und der Schweiz liegt zwischen beiden Größen im Schnitt eine Lücke von rund zehn bis 20 Jahren.
Gesunde Lebensjahre werden über Funktionstests, Biomarker, kognitive Tests und das biologische Alter geschätzt, nicht über eine einzelne Zahl. Bewegung, Nichtrauchen, gut eingestellter Blutdruck und Stoffwechsel, Schlaf und soziale Bindung sind die am besten belegten Hebel.
Was bedeutet Healthspan im Unterschied zur Lifespan?
Lifespan ist die Lebensspanne, also die Zeit von der Geburt bis zum Tod. Statistisch wird sie als Lebenserwartung erfasst und ist leicht zu messen. Healthspan ist die Zeit, die Du bei guter Gesundheit verbringst. Sie ist schwieriger zu fassen, weil es keinen scharfen Übergang zwischen gesund und krank gibt. Eine gut eingestellte Schilddrüsenunterfunktion schränkt kaum ein, eine fortgeschrittene Herzschwäche bestimmt den ganzen Tag. Beides sind chronische Erkrankungen.
In der Forschung gibt es deshalb mehrere Definitionen. Eine systematische Übersichtsarbeit zählte über 30 verschiedene Beschreibungen des Begriffs. Die meisten laufen auf drei Elemente hinaus: das Fehlen schwerer chronischer Erkrankungen, die erhaltene Funktion im Alltag und das subjektive Wohlbefinden. Für Dich als Leserin oder Leser ist die praktische Definition die wichtigste: Healthspan sind die Jahre, in denen Du selbstständig entscheiden und handeln kannst, Dich bewegen kannst, wie Du willst, und Dein Gedächtnis Dich nicht im Stich lässt.
Ein Punkt wird häufig missverstanden. Healthspan ist keine feste Zahl, die irgendwann abläuft, sondern eine Spanne, die sich mit jeder Entscheidung verschiebt. Wer mit 55 Jahren mit dem Rauchen aufhört, verlängert seine gesunden Jahre messbar, auch wenn ein Teil des Risikos bleibt. Genau darin liegt der Wert des Konzepts: Es lenkt den Blick von der Frage, wie alt man wird, auf die Frage, wie gesund man alt wird.
Wie groß ist die Lücke zwischen Lebenserwartung und gesunden Lebensjahren?
Das europäische Statistikamt Eurostat erhebt jedes Jahr den Indikator gesunde Lebensjahre. Er beschreibt, wie viele Jahre ein Mensch ohne Einschränkung bei alltäglichen Tätigkeiten erwarten kann. Für Deutschland liegen die gesunden Lebensjahre bei der Geburt je nach Erhebungsjahr bei rund 60 bis 65 Jahren, bei einer Lebenserwartung von etwa 81 Jahren. Österreich weist ähnliche Werte auf, die Schweiz liegt bei den gesunden Lebensjahren traditionell etwas höher und bei der Lebenserwartung mit rund 84 Jahren an der europäischen Spitze.
Diese Zahlen sind mit Vorbehalt zu lesen. Der Indikator beruht auf einer Selbsteinschätzung in Haushaltsbefragungen. Gefragt wird, ob man seit mindestens sechs Monaten bei gewöhnlichen Tätigkeiten eingeschränkt ist. Wie Menschen diese Frage beantworten, hängt von Kultur, Sprache und Erwartungshaltung ab. Deshalb schwanken die Werte zwischen den Ländern stärker, als es die tatsächliche Gesundheit vermuten lässt, und Deutschland schneidet in dieser Statistik seit Jahren schlechter ab als Nachbarländer mit vergleichbarem Gesundheitssystem. Über den Trend sagen die Zahlen dennoch etwas aus: Die Lücke zwischen Lebenserwartung und gesunden Jahren beträgt in den deutschsprachigen Ländern im Schnitt zehn bis 20 Jahre. Das ist der Zeitraum, in dem Menschen mit Krankheit, Einschränkung und Pflegebedarf leben.
Auffällig ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern. Frauen leben im Schnitt rund vier bis fünf Jahre länger als Männer, verbringen aber nicht entsprechend mehr Jahre in Gesundheit. Ihre Lücke ist also größer. Die Gründe liegen unter anderem in häufigeren Erkrankungen des Bewegungsapparats, in Osteoporose und in einer höheren Demenzrate im hohen Alter.
Warum steigt die Lebenserwartung, aber nicht die Zahl der gesunden Jahre?
Der Anstieg der Lebenserwartung im 20. Jahrhundert beruhte zunächst auf sauberem Wasser, Impfungen, Antibiotika und geringerer Kindersterblichkeit. Seit den 1970er-Jahren kommt der Zugewinn vor allem aus der Behandlung von Erkrankungen im höheren Alter. Herzinfarkte werden überlebt, Krebserkrankungen werden zu chronischen Verläufen, Diabetes lässt sich über Jahrzehnte kontrollieren. Die Medizin ist sehr gut darin geworden, den Tod hinauszuschieben. Sie ist weniger gut darin, den Beginn der Erkrankung hinauszuschieben.
Die Folge ist Multimorbidität, also das gleichzeitige Vorliegen mehrerer chronischer Erkrankungen. In Deutschland lebt mehr als die Hälfte der Menschen über 65 Jahren mit drei oder mehr chronischen Diagnosen. Jede einzelne ist behandelbar, in der Summe kosten sie Lebensqualität, Selbstständigkeit und oft auch die Fähigkeit, die eigenen Medikamente zu überblicken.
Der amerikanische Arzt James Fries hat 1980 dafür ein Gegenmodell beschrieben, die Kompression der Morbidität. Seine These lautet: Wenn es gelingt, den Beginn chronischer Erkrankungen weiter nach hinten zu verschieben als den Tod, dann schrumpft die Phase der Krankheit am Lebensende auf wenige Jahre oder Monate. Die gesunde Lebensspanne wächst, die Lebensspanne bleibt nahezu gleich. Studien mit Menschen, die wenig Risikofaktoren tragen, stützen diese Idee. Nichtraucher mit normalem Gewicht und regelmäßiger Bewegung erkranken nicht nur später, sie verbringen auch weniger Jahre in Abhängigkeit. Das Ziel der Longevity-Medizin ist im Kern nichts anderes als die Umsetzung dieses Modells auf Deine persönliche Biografie.
Wie lässt sich Healthspan messen?
Es gibt keinen Laborwert für gesunde Lebensjahre. Was Ärztinnen und Ärzte stattdessen tun, ist die Erfassung von Funktionsreserven. Der Gedanke dahinter: Erkrankungen entwickeln sich über Jahre im Verborgenen, aber die Leistungsfähigkeit des Körpers lässt sich früher messen als die Krankheit selbst. Aus mehreren Messwerten ergibt sich ein Funktionsalter, das mit dem Kalenderalter verglichen wird.
Ein einfacher und gut belegter Wert ist die Griffkraft, gemessen mit einem Handdynamometer. Sie korreliert erstaunlich eng mit der Gesamtsterblichkeit und dem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, weil sie als Stellvertreter für die gesamte Muskelmasse dient. Ähnlich aussagekräftig ist die Gehgeschwindigkeit über wenige Meter. Wer mit 70 Jahren schneller als etwa ein Meter pro Sekunde geht, hat eine deutlich bessere Prognose als jemand, der langsamer ist. Beide Tests dauern weniger als eine Minute und werden in der geriatrischen Medizin seit Langem eingesetzt.
Der aussagekräftigste einzelne Fitnesswert ist die maximale Sauerstoffaufnahme, kurz VO2max. Sie beschreibt, wie viel Sauerstoff Dein Körper unter Belastung verwerten kann, und bildet damit Herz, Lunge, Gefäße und Muskulatur in einem Wert ab. Große Kohortenstudien zeigen, dass eine niedrige VO2max das Sterberisiko stärker anhebt als Rauchen oder Diabetes. Gemessen wird sie mit einer Spiroergometrie auf dem Fahrrad oder Laufband, geschätzt werden kann sie über Belastungstests oder Wearables.
Zur körperlichen Seite kommt die geistige. Kognitive Kurztests wie der Uhrentest, Wortlisten oder standardisierte Fragebögen erfassen Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Planungsfähigkeit. Sie sind keine Demenzdiagnose, zeigen aber Veränderungen, die Jahre vor spürbaren Symptomen beginnen können. Ergänzt werden sie durch Fragebögen zu Stimmung, Schlaf und Lebensqualität, die in der Forschung als patientenberichtete Ergebnisse oder PROMs bezeichnet werden. Sie erfassen, wie Du Deinen Zustand selbst erlebst, und das ist bei der Frage nach gesunden Jahren kein Nebenaspekt, sondern ein Teil der Definition.
Biomarker aus dem Blut runden das Bild ab. Entzündungswerte, Blutzuckerlangzeitwert, Blutfette, Nierenfunktion und Hormone zeigen, welche Systeme bereits unter Belastung stehen. Aus solchen Werten und aus epigenetischen Markern berechnen Forschende das biologische Alter. Es soll ausdrücken, wie alt Dein Körper funktionell ist, unabhängig vom Geburtsdatum. Die Verfahren sind vielversprechend, aber noch nicht standardisiert. Zwei Anbieter kommen für dieselbe Person zu unterschiedlichen Ergebnissen, und ob ein niedrigeres biologisches Alter tatsächlich mehr gesunde Jahre bedeutet, ist bisher nur in Beobachtungsstudien gezeigt.
Welche Erkrankungen rauben die meisten gesunden Jahre?
Die Weltgesundheitsorganisation und das Statistische Bundesamt erfassen, welche Erkrankungen in den deutschsprachigen Ländern die meisten Lebensjahre mit Einschränkung verursachen. Das Bild ist über Jahre stabil. An erster Stelle stehen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, also Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche und Vorhofflimmern. Sie sind zugleich die häufigste Todesursache und die häufigste Ursache für bleibende Behinderung im Alter.
Krebs folgt an zweiter Stelle. Durch Früherkennung und bessere Therapien sterben weniger Menschen daran, aber mehr Menschen leben mit den Folgen von Operation, Chemotherapie und Bestrahlung. Demenzerkrankungen nehmen mit der steigenden Lebenserwartung zu und sind der häufigste Grund für Pflegebedürftigkeit im hohen Alter. Typ-2-Diabetes wirkt als Verstärker, weil er Gefäße, Nieren, Nerven und Augen gleichzeitig schädigt und das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Demenz verdoppelt.
Weniger im öffentlichen Bewusstsein, aber in den Statistiken ganz vorn, sind Erkrankungen des Bewegungsapparats. Rückenschmerzen, Arthrose, Osteoporose und der altersbedingte Muskelverlust, die Sarkopenie, kosten in Europa mehr gesunde Lebensjahre als jede einzelne Krebsart. Sie töten selten, aber sie nehmen Beweglichkeit und Selbstständigkeit. Die sechste große Gruppe sind psychische Erkrankungen, allen voran die Depression. Sie beginnt oft früh, verläuft über Jahrzehnte und verschlechtert zugleich den Verlauf aller anderen Erkrankungen, weil sie Bewegung, Ernährung und die Einnahme von Medikamenten beeinträchtigt.
Was diese sechs Gruppen verbindet, ist bemerkenswert. Sie teilen sich weitgehend dieselben Risikofaktoren: Bluthochdruck, Bewegungsmangel, Rauchen, Übergewicht, ungünstige Blutfette, Schlafmangel und soziale Isolation. Wer an diesen Faktoren ansetzt, arbeitet also nicht gegen eine Krankheit, sondern gegen alle gleichzeitig.
Was verlängert die gesunde Lebensspanne nachweislich?
Die Evidenz ist bei einigen Maßnahmen so breit, dass sie nicht mehr ernsthaft umstritten sind. An erster Stelle steht Bewegung. Ausdauertraining verbessert die VO2max, Krafttraining erhält Muskelmasse und Knochendichte. Beides zusammen senkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, mehrere Krebsarten, Demenz und Depression. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 150 bis 300 Minuten moderate Ausdauerbelastung pro Woche und mindestens zwei Einheiten Krafttraining. Studien deuten darauf hin, dass der größte Zugewinn beim Schritt von keiner zu wenig Bewegung entsteht. Wer bisher gar nichts tut, profitiert von 20 Minuten zügigem Gehen täglich mehr als ein Sportler von einer zusätzlichen Trainingseinheit.
Nichtrauchen ist der zweite große Hebel und der einzige, der sich in einer einzigen Entscheidung zusammenfassen lässt. Rauchen verkürzt die Lebenserwartung um rund zehn Jahre und die gesunde Lebensspanne noch stärker, weil es Gefäße, Lunge und Krebsrisiko gleichzeitig trifft. Der Blutdruck ist der dritte Faktor. Ein dauerhaft erhöhter Blutdruck verursacht keine Beschwerden, schädigt aber über Jahrzehnte Herz, Gehirn und Nieren. Er lässt sich mit Bewegung, Gewichtsreduktion, weniger Salz und, wenn nötig, Medikamenten gut einstellen, und jede Senkung zählt.
Der Stoffwechsel folgt als vierter Bereich. Insulinresistenz, Bauchfett und erhöhte Blutfette entwickeln sich lange vor der Diagnose Diabetes und sind in dieser Phase durch Ernährung, Gewicht und Bewegung umkehrbar. Schlaf wird oft unterschätzt. Dauerhaft weniger als sechs oder mehr als neun Stunden erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Demenz. Unbehandelte Schlafapnoe ist ein eigenständiger Risikofaktor.
Der sechste Hebel ist sozial. Menschen mit stabilen Beziehungen, regelmäßigen Kontakten und einer Aufgabe leben länger und gesünder. Einsamkeit wirkt in Studien ähnlich stark wie Rauchen. Diese Erkenntnis ist kein weicher Faktor, sondern messbar in Entzündungswerten, Blutdruck und Sterblichkeit. Dazu kommt die Prävention im engeren Sinn: Impfungen, Krebsfrüherkennung und die Behandlung erkannter Risikofaktoren, bevor sie zur Erkrankung werden.
Welche Rolle spielt die Präventionsmedizin dabei?
Die klassische Medizin greift ein, wenn eine Krankheit vorliegt. Präventionsmedizin setzt davor an. Sie erfasst Risikofaktoren, misst Funktionsreserven und leitet daraus Maßnahmen ab, bevor Beschwerden entstehen. Für die gesunde Lebensspanne ist das entscheidend, weil die großen Erkrankungen ihre Vorlaufzeit von zehn bis 30 Jahren haben. Ein Herzinfarkt mit 65 Jahren beginnt mit Gefäßablagerungen in den Dreißigern.
Regelmäßige Check-ups sind der praktische Ort, an dem das geschieht. Ein guter Check-up besteht nicht aus möglichst vielen Untersuchungen, sondern aus den richtigen: Blutdruck, Blutzucker, Blutfette, Nierenfunktion, Gewicht und Bauchumfang, ergänzt um Funktionstests wie Griffkraft und Belastbarkeit und um die Krebsfrüherkennung nach Alter und Geschlecht. Entscheidend ist die Verlaufsbetrachtung. Ein einzelner Wert sagt wenig, ein Trend über Jahre sagt viel. Dein Arzt oder Deine Ärztin kann aus dieser Verlaufskurve ablesen, wo Dein Körper an Reserve verliert, und mit Dir gegensteuern, solange die Reserve noch da ist.
Die Longevity-Medizin erweitert diesen Ansatz um Messungen, die in der Kassenroutine nicht vorgesehen sind: Spiroergometrie, Körperzusammensetzung, erweiterte Blutfette, Entzündungsmarker, biologisches Alter. Ob jede dieser Untersuchungen den Aufwand wert ist, hängt von Deiner Situation ab und sollte ärztlich entschieden werden. Was sich nicht ersetzen lässt, ist die Umsetzung. Die beste Diagnostik verlängert keinen einzigen gesunden Tag, wenn aus ihr keine Änderung folgt.
Was zahlt die Kasse in Deutschland, Österreich und der Schweiz?
In Deutschland übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung ab 35 Jahren alle drei Jahre den Check-up mit Blutdruck, Blutzucker, Blutfetten und Urinuntersuchung, zwischen 18 und 34 Jahren einmalig. Dazu kommen die Krebsfrüherkennungsprogramme für Haut, Darm, Brust, Gebärmutterhals und Prostata nach Alter und Geschlecht. Privatversicherte erhalten je nach Tarif einen erweiterten Umfang. Funktionstests, Spiroergometrie und biologisches Alter sind ohne Erkrankung Selbstzahlerleistungen. Die Kosten reichen von rund 100 Euro für eine einfache Leistungsdiagnostik bis zu mehreren tausend Euro für umfassende Präventionsprogramme.
In Österreich steht jeder versicherten Person ab 18 Jahren einmal jährlich die Vorsorgeuntersuchung mit e-card zu. Sie umfasst Anamnese, körperliche Untersuchung, Laborwerte und ab bestimmten Altersstufen Darmkrebsvorsorge und Mammografie. Sie ist im europäischen Vergleich großzügig und wird trotzdem nur von etwa einem Drittel der Berechtigten regelmäßig genutzt. Erweiterte Diagnostik ist auch hier privat zu zahlen.
Die Schweiz kennt kein einheitliches Vorsorgeprogramm. Die Grundversicherung übernimmt Untersuchungen bei medizinischer Indikation und bestimmte Früherkennungsmaßnahmen wie die Darmkrebsvorsorge ab 50 Jahren oder kantonale Mammografieprogramme. Die Franchise und der Selbstbehalt bedeuten, dass Du einen Teil der Kosten ohnehin selbst trägst. Präventive Untersuchungen ohne Beschwerden sind meist Privatleistung. In allen drei Ländern gilt: Die Basisvorsorge ist gedeckt und wird zu wenig genutzt, alles darüber hinaus ist eine persönliche Investition, die sich lohnen kann, aber ärztlich eingeordnet werden sollte.
Welche Kritik gibt es am Begriff Healthspan?
Der Begriff hat Schwächen, und es ist fair, sie zu benennen. Erstens ist er unscharf. Weil es keine allgemein akzeptierte Definition gibt, lassen sich Studienergebnisse schwer vergleichen. Wer die gesunde Lebensspanne über Selbsteinschätzung misst, kommt zu anderen Zahlen als jemand, der Diagnosen zählt. Zweitens setzt das Konzept gesund mit funktionsfähig gleich. Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung leben oft ein erfülltes, selbstbestimmtes Leben, und eine Statistik, die ihre Jahre als verloren zählt, wird dem nicht gerecht.
Drittens wird Healthspan kommerziell genutzt. Der Begriff taucht auf Nahrungsergänzungsmitteln, in Apps und in Klinikprospekten auf, häufig ohne dass die Angebote belegen könnten, gesunde Jahre zu verlängern. Wer Dir verspricht, Deine Healthspan um eine bestimmte Zahl von Jahren zu steigern, verspricht etwas, das sich individuell nicht messen lässt. Viertens birgt das Konzept die Gefahr, Gesundheit zur persönlichen Pflicht zu erklären und Krankheit als Versagen zu deuten. Gesunde Lebensjahre hängen stark von Einkommen, Bildung und Wohnort ab. In Deutschland unterscheidet sich die Lebenserwartung zwischen dem ärmsten und dem reichsten Zehntel um rund acht Jahre bei Männern, und die gesunden Jahre noch stärker.
Diese Kritik entwertet das Konzept nicht. Sie zeigt, wie es sinnvoll genutzt wird: als Orientierung für Entscheidungen, nicht als Zielwert, und als Aufgabe für das Gesundheitssystem, nicht nur für den Einzelnen.
Wie ordnet sich Healthspan in die Longevity-Medizin ein?
Longevity wird oft mit dem Wunsch verwechselt, möglichst alt zu werden. Die seriöse Longevity-Medizin meint etwas anderes: die Verlängerung der gesunden Lebensspanne durch frühe Erfassung von Risiken und konsequente Prävention. Healthspan ist damit nicht ein Thema unter vielen, sondern der Maßstab, an dem sich jede Longevity-Maßnahme messen lassen muss. Eine Untersuchung, ein Medikament oder ein Lebensstilprogramm ist dann sinnvoll, wenn es plausibel dazu beiträgt, dass Du länger ohne Erkrankung und Einschränkung lebst.
Das erklärt auch, warum sich Ästhetik und Prävention nicht ausschließen. Wer sich mit 50 Jahren um Haut, Haltung und Muskulatur kümmert, tut das selten nur aus Eitelkeit. Dahinter steht meist der Wunsch, lange leistungsfähig und im eigenen Körper zuhause zu bleiben. Genau dieser Wunsch ist der Kern des Healthspan-Gedankens. Der erste Schritt dorthin ist kein Produkt und kein Programm, sondern ein Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt, die Deine Werte über Jahre im Blick behalten und mit Dir gemeinsam entscheiden, wo es sich lohnt anzusetzen.
Quellen
Eurostat: Healthy life years statistics
Kaeberlein M: How healthy is the healthspan concept? GeroScience 2018
Leong DP et al.: Prognostic value of grip strength (PURE study). The Lancet 2015
Robert Koch-Institut: Gesundheit in Deutschland – Gesundheitsberichterstattung des Bundes
WHO: Global recommendations on physical activity for health
Gemeinsamer Bundesausschuss: Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie (Check-up 35)
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