Mit 70 hast Du die meisten Vorsorgeprogramme schon einige Male durchlaufen. Trotzdem stellt sich die Frage neu, welche Untersuchungen jetzt noch sinnvoll sind. Manche Screenings enden in diesem Alter offiziell, andere werden gerade jetzt wichtig, und einige Angebote bringen Dir in dieser Lebensphase weniger, als ihr Preis vermuten lässt.
Der Grund liegt in einer einfachen Verschiebung: Bis 60 geht es in der Vorsorge vor allem darum, Krankheiten zu entdecken, die in 20 oder 30 Jahren Probleme machen würden. Ab 70 verschiebt sich der Blick auf die kommenden fünf bis 15 Jahre und auf die Frage, was Deine Selbstständigkeit bedroht. Ein Sturz mit Oberschenkelhalsbruch, ein unbemerkter Hörverlust, eine schleichende Nierenschwäche oder eine Lungenentzündung nach einer Grippe verändern den Alltag schneller als ein langsam wachsender Tumor. Genau deshalb sieht eine gute Vorsorgeuntersuchung ab 70 anders aus als mit 50.
Diese Seite erklärt, welche Untersuchungen in dieser Altersgruppe tatsächlich Entscheidungen verändern, welche Krebs-Screenings weiterlaufen, was Impfungen leisten und wie die Krankenkassen in Deutschland, Österreich und der Schweiz damit umgehen. Die Auswahl der Untersuchungen und die Einordnung der Befunde gehören in ärztliche Hände. Hier bekommst Du die Informationen, mit denen Du das Gespräch mit Deinem Hausarzt oder Deiner Hausärztin vorbereiten kannst.
Das Wichtigste in Kürze
Ab 70 zählt weniger die Frage, ob Du 90 wirst, sondern wie selbstständig Du die nächsten 20 Jahre lebst. Blutdruck, Blutzucker, Nierenwerte, Knochendichte, Muskelkraft, Hören, Sehen und Gedächtnis sind die Kernbereiche der Vorsorge in dieser Lebensphase.
Impfungen gegen Grippe, Pneumokokken, Gürtelrose, RSV und COVID-19 verhindern in dieser Altersgruppe mehr Krankenhausaufenthalte als die meisten Screenings. Der jährliche Medikamentencheck beim Hausarzt gehört zu den unterschätztesten Vorsorgeleistungen überhaupt.
Warum verändert sich die Vorsorge ab 70?
Die meisten Vorsorgeprogramme wurden für Menschen zwischen 35 und 65 entwickelt. In dieser Zeitspanne lohnt es sich, Risikofaktoren früh zu erkennen, weil sie über Jahrzehnte wirken. Ab 70 gilt eine andere Rechnung. Eine Untersuchung ist nur sinnvoll, wenn ein auffälliger Befund auch eine Behandlung nach sich zieht, die Dir in Deiner verbleibenden Lebenszeit mehr nützt als schadet. Fachleute sprechen hier vom Zeithorizont bis zum Nutzen: Bei einer Darmspiegelung dauert es im Schnitt etwa zehn Jahre, bis der Vorteil der Früherkennung den Aufwand und die Risiken des Eingriffs überwiegt. Bei Blutdruckkontrolle, Impfungen oder einem Sturzrisiko-Check sind es dagegen Wochen bis Monate.
Dazu kommt, dass Menschen ab 70 sehr unterschiedlich altern. Der eine läuft mit 75 noch Halbmarathon, die andere ist im selben Alter auf Hilfe im Haushalt angewiesen. Deine Ärztin wird deshalb weniger auf das Kalenderalter schauen als darauf, wie fit Du bist, welche Erkrankungen bestehen, welche Medikamente Du nimmst und wie Du selbst über Eingriffe denkst. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen bleiben wichtig, sie werden aber individueller.
Welche Herz-Kreislauf-Untersuchungen sind ab 70 sinnvoll?
Herz-Kreislauf-Erkrankungen bleiben die häufigste Todesursache im deutschsprachigen Raum, und mit 70 hat fast jeder zweite Mensch einen behandlungsbedürftigen Bluthochdruck. Die Blutdruckmessung ist deshalb die wichtigste und zugleich einfachste Untersuchung. Sinnvoll sind Messungen bei jedem Arztbesuch und ergänzend zu Hause, weil viele Menschen in der Praxis höhere Werte haben als im Alltag. Der Zielbereich ist ab 70 etwas großzügiger als bei Jüngeren, weil ein zu stark gesenkter Blutdruck Schwindel und Stürze begünstigt. Welcher Wert für Dich passt, hängt von Deiner Gesamtsituation ab und wird ärztlich festgelegt.
Besonders wichtig ist die Suche nach Vorhofflimmern, einer Herzrhythmusstörung, die ab 70 bei etwa jedem zehnten Menschen auftritt und häufig unbemerkt bleibt. Sie ist eine der Hauptursachen für Schlaganfälle im Alter, lässt sich aber mit Gerinnungshemmern gut behandeln. Pulsfühlen bei der Vorsorge, ein EKG bei Verdacht und Uhren mit Rhythmusfunktion helfen, sie zu entdecken, wobei ein Uhrenbefund immer ärztlich bestätigt werden muss. Wer schon Cholesterinsenker nimmt, sollte sie nach heutiger Studienlage in der Regel weiter einnehmen. Männer erhalten in Deutschland ab 65 einmalig einen Ultraschall der Bauchschlagader, um ein Bauchaortenaneurysma auszuschließen, und können das nachholen lassen.
Welche Laborwerte sollten ab 70 regelmäßig kontrolliert werden?
Der Blutzucker bleibt ein Kernwert, weil ein Typ-2-Diabetes im Alter oft ohne typische Beschwerden verläuft. Sinnvoll ist neben dem Nüchternblutzucker der Langzeitwert HbA1c, der die Zuckerbelastung der vergangenen zwei bis drei Monate abbildet. Auch hier gilt: Bei bestehendem Diabetes sind die Zielwerte ab 70 weniger streng als bei Jüngeren, weil Unterzuckerungen in diesem Alter gefährlicher sind als leicht erhöhte Werte.
Die Nierenfunktion wird über das Kreatinin und die daraus berechnete Filtrationsrate beurteilt. Weil das Kreatinin von der Muskelmasse abhängt, kann es bei älteren Menschen mit wenig Muskeln eine gesunde Niere vortäuschen. Dein Arzt kann ergänzend Cystatin C bestimmen oder den Urin auf Eiweiß untersuchen. Die Nierenwerte sind ab 70 auch deshalb wichtig, weil viele Medikamente über die Niere ausgeschieden werden und bei nachlassender Funktion niedriger dosiert werden müssen.
Die Schilddrüse wird über den TSH-Wert geprüft. Eine Unterfunktion macht müde und vergesslich und wird im Alter leicht mit einer beginnenden Demenz verwechselt, eine Überfunktion begünstigt Vorhofflimmern und Knochenabbau. Bei Vitamin D und Vitamin B12 ist die Bestimmung ab 70 gut begründet: Die Haut bildet im Alter weniger Vitamin D, und die Aufnahme von B12 sinkt, besonders bei Einnahme von Magensäureblockern oder Metformin. Ein B12-Mangel kann Nervenschäden und Gedächtnisstörungen verursachen, die bei rechtzeitiger Behandlung rückbildungsfähig sind. Ein Blutbild zur Erkennung einer Blutarmut rundet die Laborkontrolle ab.
Wie erkennt man Osteoporose und ein erhöhtes Sturzrisiko rechtzeitig?
Ein Drittel der Menschen über 65 stürzt mindestens einmal im Jahr, ab 80 ist es die Hälfte. Stürze sind die häufigste Ursache für Verletzungen und Pflegebedürftigkeit im Alter. Deshalb gehört die Frage nach Stürzen im vergangenen Jahr zu jeder Vorsorgeuntersuchung ab 70. Bewährt sind der Aufsteh- und Gehtest, bei dem die Zeit für Aufstehen, drei Meter Gehen und Zurücksetzen gemessen wird, der Stuhl-Aufstehtest mit fünfmaligem Aufstehen ohne Armhilfe und die Messung der Handkraft. Diese Tests dauern wenige Minuten und sagen mehr über Dein Sturzrisiko aus als ein ganzes Laborblatt.
Die Knochendichte wird mit der DXA-Messung bestimmt, einer Röntgenuntersuchung mit sehr geringer Strahlenbelastung. Für Frauen ab 70 und Männer ab 80 wird sie unabhängig von weiteren Risikofaktoren empfohlen. Wer schon einen Knochenbruch nach einem harmlosen Sturz hatte, Kortison einnimmt oder mehr als vier Zentimeter an Körpergröße verloren hat, sollte unabhängig vom Alter gemessen werden.
Der Muskelabbau im Alter, die Sarkopenie, hängt eng mit Osteoporose und Sturzrisiko zusammen. Beides lässt sich beeinflussen: Krafttraining verbessert in jedem Alter Muskelkraft und Gleichgewicht, und die Behandlung einer Osteoporose senkt das Bruchrisiko innerhalb von ein bis zwei Jahren. Deshalb zählt dieser Bereich zu den lohnendsten in der gesamten Vorsorge ab 70.
Warum gehören Hören und Sehen zur Vorsorge?
Etwa zwei Drittel der Menschen über 70 hören schlechter, aber nur ein kleiner Teil nutzt ein Hörgerät. Eine unbehandelte Schwerhörigkeit gilt heute als einer der wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren für Demenz, weil das Gehirn ohne Höreindrücke weniger gefordert wird und Betroffene sich sozial zurückziehen. Eine Hörprüfung beim HNO-Arzt alle ein bis zwei Jahre ist deshalb sinnvoll, auch wenn Du selbst kein Problem bemerkst.
Beim Sehen stehen ab 70 drei Erkrankungen im Vordergrund. Der graue Star, die Trübung der Augenlinse, ist gut operierbar. Der grüne Star, das Glaukom, schädigt den Sehnerv durch einen zu hohen Augeninnendruck und bleibt lange unbemerkt, weil zuerst das Gesichtsfeld am Rand ausfällt. Die altersbedingte Makuladegeneration betrifft die Stelle des schärfsten Sehens und ist die häufigste Ursache für schweren Sehverlust im Alter. Eine augenärztliche Untersuchung mit Augendruckmessung und Blick auf den Augenhintergrund alle ein bis zwei Jahre erkennt alle drei rechtzeitig. Die Augeninnendruckmessung ist in Deutschland ohne Verdacht eine Selbstzahlerleistung, in Österreich mit e-card möglich, in der Schweiz zahlt die Grundversicherung bei ärztlicher Indikation. Gutes Sehen beeinflusst außerdem Sturzrisiko und Fahrtauglichkeit.
Wann ist ein kognitives Screening sinnvoll?
Ein Gedächtnistest für alle Menschen ab 70 ohne Beschwerden wird von den Leitlinien nicht empfohlen, weil er zu viele falsch auffällige Ergebnisse erzeugt. Anders sieht es aus, wenn Du selbst oder Deine Angehörigen Veränderungen bemerken: Termine werden vergessen, vertraute Wege fallen schwer, oder der Umgang mit Geld und Medikamenten klappt nicht mehr. Dann ist ein kurzer Test in der Hausarztpraxis der richtige erste Schritt, etwa der Uhrentest, der Mini-Mental-Status-Test oder das Montreal Cognitive Assessment, das leichte Einschränkungen besser erfasst.
Ein auffälliger Test ist keine Diagnose. Depression, Schwerhörigkeit, Schilddrüsenunterfunktion, B12-Mangel und vor allem Medikamente können eine Demenz vortäuschen und sind behandelbar. Deshalb gehören zur Abklärung immer Laborwerte und ein Blick auf die Medikamentenliste. Frühes Erkennen lohnt sich auch bei einer tatsächlichen Demenz: Du kannst Vollmachten regeln, Unterstützung organisieren und mit Bewegung, sozialer Aktivität und Behandlung der Gefäßrisikofaktoren den Verlauf beeinflussen.
Welche Impfungen sind ab 70 besonders wichtig?
Impfungen sind in dieser Altersgruppe die Vorsorgemaßnahme mit dem besten Verhältnis von Aufwand und Nutzen, weil das Immunsystem im Alter schwächer auf Infektionen reagiert und Lungenentzündungen, Gürtelrose oder eine schwere Grippe häufig der Auslöser für einen dauerhaften Verlust an Selbstständigkeit sind. Die Ständige Impfkommission in Deutschland, der österreichische Impfplan und die Schweizer Impfempfehlungen sind sich in den Kernpunkten einig.
Die jährliche Grippeimpfung wird ab 60 empfohlen, für ältere Menschen mit einem Hochdosis-Impfstoff, der die schwächere Immunantwort ausgleicht. Die Impfung gegen Pneumokokken, die häufigsten Erreger der bakteriellen Lungenentzündung, wird ab 60 mit einem Konjugatimpfstoff empfohlen, in der Regel einmalig. Gegen Gürtelrose gibt es einen Totimpfstoff in zwei Dosen im Abstand von zwei bis sechs Monaten, empfohlen in Deutschland ab 60 und in Österreich ab 50. Gürtelrose kann im Alter monatelange Nervenschmerzen hinterlassen. Neu ist die Impfung gegen das RS-Virus, das bei älteren Menschen ähnlich schwere Atemwegsinfekte verursacht wie die Grippe. Sie wird in Deutschland seit 2024 ab 75 empfohlen, bei chronischen Erkrankungen ab 60, und gilt derzeit als einmalige Impfung. Die COVID-19-Impfung wird ab 60 jährlich im Herbst aufgefrischt, meist zusammen mit der Grippeimpfung. Die Auffrischung gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten alle zehn Jahre wird im Alter häufig vergessen.
In Deutschland sind alle von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen Kassenleistung, in Österreich sind Grippe-, Pneumokokken- und Gürtelrose-Impfung im öffentlichen Impfprogramm für ältere Menschen kostenlos oder vergünstigt, in der Schweiz übernimmt die Grundversicherung die empfohlenen Impfungen abzüglich Franchise und Selbstbehalt. Die RSV-Impfung wird in Österreich und der Schweiz derzeit noch nicht flächendeckend erstattet. Frag bei der Vorsorgeuntersuchung nach Deinem Impfstatus.
Welche Krebs-Screenings laufen ab 70 weiter und welche enden?
Bei der Krebsfrüherkennung gilt ab 70 die Regel, dass ein Screening nur sinnvoll bleibt, wenn die Lebenserwartung noch etwa zehn Jahre beträgt und eine Behandlung tragbar wäre. Die Programme der Krankenkassen ziehen deshalb Altersgrenzen, die keine Verbote sind, sondern Erfahrungswerte. Dein Arzt oder Deine Ärztin kann mit Dir individuell entscheiden.
Das Mammographie-Screening für Frauen wurde in Deutschland 2024 von 69 auf 75 Jahre verlängert, Du wirst also bis 75 alle zwei Jahre eingeladen. In Österreich ist das Brustkrebs-Früherkennungsprogramm bis 74 mit automatischer Einladung vorgesehen, darüber hinaus auf Wunsch weiterhin möglich. In der Schweiz hängt es vom Kanton ab, meist läuft das Programm bis 74. Nach dem Ende des Programms ist eine Mammographie bei Beschwerden oder auf ärztliche Empfehlung weiterhin Kassenleistung.
Die Darmkrebsvorsorge läuft in Deutschland ohne feste Obergrenze: Der Stuhltest auf verstecktes Blut wird ab 55 alle zwei Jahre angeboten, die Darmspiegelung zweimal im Abstand von zehn Jahren. Wer mit 65 eine unauffällige Darmspiegelung hatte, braucht mit 75 meist keine mehr. In Österreich ist die Koloskopie ab 50 alle zehn Jahre Teil der Vorsorgeuntersuchung, in der Schweiz übernimmt die Grundversicherung Stuhltest und Koloskopie zwischen 50 und 69, danach nur auf ärztliche Indikation. Das Screening auf Gebärmutterhalskrebs endet nach mehreren unauffälligen Befunden meist um 65.
Der PSA-Test beim Mann ist in allen drei Ländern keine Screening-Leistung der Kassen. Ab 70 wird er ohne Beschwerden von den Leitlinien ausdrücklich nicht mehr empfohlen, weil ein langsam wachsender Prostatakrebs in diesem Alter selten lebensbestimmend wird und die Folgen einer Behandlung schwerer wiegen. Anders beim Hautkrebs-Screening: Es läuft in Deutschland ab 35 alle zwei Jahre ohne Altersgrenze weiter, weil der weiße Hautkrebs gerade ab 70 stark zunimmt und gut behandelbar ist. In Österreich und der Schweiz ist die Hautkontrolle beim Dermatologen mit Überweisung oder auf eigene Initiative möglich. Für Raucher und ehemalige Raucher kommt in Deutschland seit 2025 die Lungenkrebs-Früherkennung mit Niedrigdosis-CT zwischen 50 und 75 Jahren hinzu.
Was bringt ein Medikamentencheck bei Polypharmazie?
Jeder zweite Mensch über 70 nimmt fünf oder mehr Medikamente dauerhaft ein. Ab dieser Zahl spricht man von Polypharmazie, und das Risiko für Wechselwirkungen, Stürze, Verwirrtheit und Krankenhausaufenthalte steigt deutlich. Viele Medikamente wurden irgendwann sinnvoll verordnet, sind aber nie wieder überprüft worden. Beruhigungsmittel, starke Schmerzmittel, bestimmte Blasenmedikamente und ältere Antidepressiva stehen auf Listen potenziell ungeeigneter Wirkstoffe für ältere Menschen, die Hausärzte als Orientierung nutzen.
Ein Medikamentencheck bedeutet, dass Du alle Präparate mitbringst, auch rezeptfreie Schmerzmittel, Nahrungsergänzungsmittel und pflanzliche Mittel, und Dein Arzt jedes einzelne auf Notwendigkeit, Dosierung und Wechselwirkungen prüft. Oft lässt sich die Liste kürzen. In Deutschland hast Du ab drei dauerhaften Medikamenten Anspruch auf einen bundeseinheitlichen Medikationsplan und auf eine Medikationsanalyse in der Apotheke. In Österreich sieht der Hausarzt die Verordnungen über die e-Medikation ein, in der Schweiz bieten Apotheken den Polymedikations-Check als Leistung der Grundversicherung an. Setze nie selbst ein Medikament ab, aber frag nach, ob jedes noch gebraucht wird.
Was ist ein geriatrisches Assessment?
Das geriatrische Assessment ist eine strukturierte Untersuchung, die nicht einzelne Organe prüft, sondern Deine Fähigkeiten im Alltag: Gehen, Gleichgewicht, Kraft, Gedächtnis, Stimmung, Ernährungszustand, Hören, Sehen, Kontinenz und die Frage, wie Du zu Hause zurechtkommst. Ziel ist, Probleme zu finden, bevor sie zum Notfall werden, etwa eine beginnende Mangelernährung, die im Blutbild noch nicht sichtbar ist, oder eine depressive Verstimmung, die als Vergesslichkeit erscheint.
In Deutschland ist das hausärztlich-geriatrische Basisassessment ab 70 zweimal jährlich Kassenleistung, wenn ein Anlass besteht, etwa eine Erkrankung oder eine Einschränkung. In Österreich ist es Teil der geriatrischen Versorgung in Krankenhäusern und Ambulanzen und wird von manchen Hausärzten angeboten. In der Schweiz übernimmt die Grundversicherung die Untersuchung bei ärztlicher Indikation. Für viele Menschen ab 75 ist dieses Assessment die wichtigere Vorsorgeuntersuchung als jeder Bluttest, weil es genau die Bereiche prüft, die über Selbstständigkeit entscheiden.
Welche Vorsorgeuntersuchungen zahlt die Krankenkasse in Deutschland, Österreich und der Schweiz?
In Deutschland haben gesetzlich Versicherte ab 35 alle drei Jahre Anspruch auf den Gesundheits-Check-up beim Hausarzt mit Gespräch, körperlicher Untersuchung, Blutdruck, Blutzucker, Blutfetten, Urintest, Impfstatus und Beratung. Einmalig im Rahmen des Check-ups wird ein Screening auf Hepatitis B und C angeboten. Dazu kommen die Krebsfrüherkennungsprogramme, das Hautkrebs-Screening alle zwei Jahre, der Ultraschall der Bauchschlagader für Männer ab 65 und alle Impfungen nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission. Das geriatrische Basisassessment ist bei Anlass ebenfalls Kassenleistung. Privat Versicherte haben je nach Tarif meist einen vergleichbaren oder größeren Leistungsumfang.
In Österreich steht allen Versicherten ab 18 die kostenlose Vorsorgeuntersuchung zu, ab 40 wird sie jährlich empfohlen. Du brauchst nur Deine e-card und einen Termin beim Hausarzt oder einer Vorsorgestelle. Sie umfasst Gespräch, körperliche Untersuchung, Blutdruck, Laborwerte zu Blutzucker, Blutfetten, Leber und Nieren, einen Harntest und Beratung zu Bewegung, Ernährung, Alkohol und Rauchen. Ab 65 kommt ein Hör- und Sehtest hinzu. Koloskopie, Mammographie-Programm und Gebärmutterhalsabstrich sind ebenfalls Kassenleistung, die Impfungen laufen über das öffentliche Impfprogramm.
In der Schweiz gibt es keine allgemeine Vorsorgeuntersuchung als Leistung der Grundversicherung. Präventive Untersuchungen werden bezahlt, wenn eine ärztliche Indikation oder ein erhöhtes Risiko besteht, dazu die Screenings im Leistungskatalog wie Mammographie in kantonalen Programmen, Darmkrebsvorsorge zwischen 50 und 69 und die empfohlenen Impfungen. Bei allen Leistungen zahlst Du zuerst die gewählte Franchise und danach zehn Prozent Selbstbehalt bis zur jährlichen Obergrenze. Wer ab 70 regelmäßig Arztkosten hat, fährt mit der niedrigsten Franchise meist besser.
Was bedeutet Longevity ab 70 im Alltag?
Longevity bedeutet in dieser Lebensphase nicht, das Altern anzuhalten, sondern die Jahre in Gesundheit und Selbstständigkeit zu verlängern. An erster Stelle steht Krafttraining. Ab 70 verlierst Du ohne Gegenmaßnahmen jedes Jahr ein bis zwei Prozent Muskelmasse, und mit ihr Kraft, Gleichgewicht und Stoffwechselreserve. Zwei bis drei Einheiten pro Woche mit Gewichten, Bändern oder dem eigenen Körpergewicht kehren diesen Prozess auch mit 80 noch um. Gleichgewichtstraining wie Tai Chi reduziert Stürze, zügiges Gehen stärkt Herz und Kreislauf.
An zweiter Stelle steht Eiweiß. Ältere Menschen brauchen mehr davon als jüngere, weil der Muskel schlechter auf den Reiz reagiert. Empfohlen werden etwa ein bis eineinhalb Gramm pro Kilogramm Körpergewicht am Tag, verteilt auf alle Mahlzeiten. Eine ungewollte Gewichtsabnahme ist ab 70 nie harmlos und gehört abgeklärt.
An dritter Stelle steht soziale Teilhabe. Einsamkeit erhöht das Sterberisiko in einem Ausmaß, das mit Rauchen vergleichbar ist, und beschleunigt den geistigen Abbau. Ehrenamt, Vereine und regelmäßige Verabredungen wirken wie ein Medikament ohne Nebenwirkungen. Auch Schlaf, Nichtrauchen und ein maßvoller Umgang mit Alkohol gehören dazu, denn Alkohol wird im Alter schlechter abgebaut und erhöht Sturz- und Demenzrisiko. Ein Gesundheitscheck kann all das nur erfassen, umsetzen musst Du es selbst.
Was bringen Selbstzahler-Angebote ab 70 und was nicht?
Nicht alles, was Dir an zusätzlicher Vorsorge angeboten wird, nützt in dieser Altersgruppe. Sinnvoll können Untersuchungen sein, die eine Lücke der Kassenprogramme schließen: die Augeninnendruckmessung, eine Knochendichtemessung ohne Vorbefund, ein Hörtest, die Bestimmung von Vitamin D und B12 ohne Beschwerden oder ein Ultraschall der Halsschlagadern bei mehreren Risikofaktoren. Diese Leistungen kosten in Deutschland meist zwischen 20 und 100 Euro, in Österreich und der Schweiz ähnlich viel.
Weniger sinnvoll sind ab 70 Leistungen, deren Nutzen erst nach vielen Jahren eintritt oder die vor allem Befunde erzeugen, die dann abgeklärt werden müssen. Dazu gehören Ganzkörper-MRT ohne Fragestellung, Tumormarker ohne Verdacht, der PSA-Test ohne Beschwerden, große Nahrungsergänzungspakete, Gentests auf Alterskrankheiten und Bluttests auf viele Krebsarten gleichzeitig, deren Studienlage noch dünn ist. Gentests gehören ohnehin nicht in den Direktvertrieb, weil das Gendiagnostikgesetz in Deutschland, das Gentechnikgesetz in Österreich und das Gesetz über genetische Untersuchungen beim Menschen in der Schweiz eine ärztliche Beratung vorschreiben. Ein guter Grundsatz ist: Lass nur untersuchen, was bei einem auffälligen Befund eine Konsequenz hätte, die Du auch tragen willst.
Wie bereitest Du Dich auf die Vorsorgeuntersuchung ab 70 vor?
Der Nutzen einer Vorsorgeuntersuchung hängt stark davon ab, was Du mitbringst. Sammle vorab alle Medikamente, auch rezeptfreie, und nimm Impfpass und Vorbefunde mit. Schreib Dir auf, was sich im letzten Jahr verändert hat: Stürze, Schwindel, Gewichtsverlust, Schlaf, Vergesslichkeit, Stimmung, Hören, Sehen, Blasenkontrolle, Schmerzen. Viele Menschen erwähnen solche Dinge nicht, weil sie sie für normales Altern halten. Genau diese Beobachtungen sind aber die wertvollsten Hinweise für Deine Ärztin.
Kläre auch vorab, was Du selbst willst. Wer sich mit 78 sicher ist, keine Chemotherapie mehr machen zu wollen, braucht kein Krebs-Screening, das genau darauf hinausliefe. Wer fit ist und noch viel vorhat, sollte auch mit 80 nicht vorschnell auf sinnvolle Untersuchungen verzichten. Nach der Untersuchung solltest Du wissen, welche Werte auffällig waren, was daraus folgt und wann die nächste Kontrolle ansteht. Bei Bedarf hilft Dir das Ärzteverzeichnis auf dieser Plattform, eine Praxis mit geriatrischem oder präventivmedizinischem Schwerpunkt in Deiner Nähe zu finden.
Quellen
Gemeinsamer Bundesausschuss: Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie
Robert Koch-Institut: Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO)
Gemeinsamer Bundesausschuss: Krebsfrüherkennungs-Richtlinie
Dachverband Osteologie: S3-Leitlinie Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose 2023
Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin: S3-Leitlinie Multimedikation
Deutsche Gesellschaft für Urologie: S3-Leitlinie Prostatakarzinom
Österreichische Gesundheitskasse: Vorsorgeuntersuchung
Bundesministerium für Gesundheit Österreich: Impfplan Österreich
Bundesamt für Gesundheit Schweiz: Schweizerischer Impfplan
Lancet Commission on dementia prevention, intervention, and care 2024
Stell sie anonym. Die MOOCI-Redaktion prüft jede Frage und holt die Antwort einer Fachärztin oder eines Facharztes ein. Beantwortete Fragen erscheinen hier auf der Seite, ohne Namen. Bei akuten Beschwerden wende Dich bitte direkt an Deine Praxis oder den ärztlichen Notdienst.
Häufige Fragen
Dieser Beitrag wurde von der internen MOOCI-Redaktion erstellt, inhaltlich geprüft und freigegeben. Bei der Recherche und Aufbereitung setzen wir auch KI-gestützte Werkzeuge ein; jeder Text wird vor der Veröffentlichung von unserer Redaktion fachlich gegengelesen. Die redaktionelle Verantwortung trägt Nadja Sukalia, Content Managerin bei MOOCI. Die medizinische Prüfung erfolgt durch Ärztinnen und Ärzte aus unserem Fachnetzwerk.
