ICD-10-GM-2020 F40
Was ist eine Phobie?
Bei einer Phobie fürchtet sich ein Mensch vor einer bestimmten Situation oder einem gewissen Objekt. Im Grunde stellen diese, objektiv gesehen, keine Bedrohung dar, jedoch ist es für die betroffenen Personen kaum ertragbar, sich den jeweiligen Situationen auszusetzen. Das heißt, die Angstpatienten versuchen die Orte oder Objekte vollkommen zu vermeiden. Dadurch ziehen sie sich vermehrt zurück und können das Ausmaß der Angst nicht mehr kontrollieren. So entsteht ein hoher Leidensdruck, der meist mit körperlichen Symptomen wie Herzrasen, Schweißausbrüchen und Zittern einhergeht.
Wenn die jeweilige Phobie besonders stark ausgeprägt ist, befürchten einige Betroffene sogar, an den körperlichen Auswirkungen zu sterben. Es gibt verschiedene Arten von Phobien und Ängsten, die entweder allein oder in Kombination erscheinen können.
Was versteht man unter Agoraphobie?
Agoraphobie ist eine Angststörung, bei der Betroffene insbesondere Angst vor großen Menschenmengen und weiten, offenen Plätzen haben. Das Gefühl, inmitten vieler Menschen eingezwängt zu sein und keinen schnellen Fluchtweg zu finden, kann extrem belastend sein. In manchen Fällen beginnt die Angst sogar schon zu Hause, sodass es den Betroffenen schwerfällt, ihre eigenen vier Wände zu verlassen.
Besonders betroffen sind Menschen, die auch vor Reisen Angst haben – unabhängig davon, ob sie mit dem Auto, dem Zug oder einem anderen Verkehrsmittel unterwegs sind und ob sie Begleitung haben oder nicht.
Solange die Betroffenen in solchen Situationen noch Ruhe bewahren können, wird diese Angst nicht als krankhaft betrachtet. Eine Agoraphobie liegt erst dann vor, wenn Menschen beginnen, Menschenansammlungen vorsorglich zu meiden oder unter plötzlichen Panikattacken zu leiden. In extremen Fällen kann die Agoraphobie so weit gehen, dass sich die Betroffenen vollkommen von der Außenwelt isolieren.
Wie äußern sich die Symptome einer Agoraphobie?
Die Symptome einer Agoraphobie sind oft körperlich stark spürbar und können die Lebensqualität erheblich einschränken. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Herzrasen
- Schwindel
- Atemnot
- Schweißausbrüche
- Ohnmachtsgefühle
- Brustschmerzen und ein beklemmendes Gefühl in der Brust
Diese körperlichen Reaktionen gehen oft mit einer intensiven, panischen Angst einher.
Aus Angst vor einem erneuten Angstanfall meiden Betroffene oft die Orte, an denen sie solche Symptome schon einmal erlebt haben. Das führt dazu, dass sie zunehmend Orte und Situationen meiden, die mit der Angst verbunden sind, was die Symptome noch verstärken kann. Häufig zieht sich die betroffene Person aus Sicherheitsgründen immer mehr zu Hause zurück.
Ein weiteres häufiges Verhalten bei Agoraphobie ist die Angst, sich in bestimmten Situationen nicht schnell genug in Sicherheit bringen zu können. Die Betroffenen fürchten, in Notsituationen keine Hilfe zu bekommen oder sogar in der Öffentlichkeit zusammenzubrechen und sich zu blamieren.
Wie hängen die Agoraphobie und die Panikstörung zusammen?
Agoraphobie und Panikstörungen gehören beide zu den Angststörungen, aber sie zeigen sich auf unterschiedliche Weise. Bei der Agoraphobie haben die Betroffenen vor bestimmten Orten oder Situationen Angst, beispielsweise in großen Menschenmengen oder bei Reisen. Sie meiden diese Orte dann oft, um der Angst aus dem Weg zu gehen. Eine Panikstörung hingegen äußert sich durch plötzlich auftretende Panikattacken, die oft ohne Vorwarnung auftreten. Hier können auch ganz alltägliche Situationen plötzlich extreme Angst auslösen, ohne dass es einen klaren Grund dafür gibt. Das macht die Panikstörung besonders herausfordernd.
Was ist der Unterschied zwischen Klaustrophobie und Agoraphobie?
Der Begriff ‚Platzangst‘ wird oft fälschlicherweise für beide Phobien verwendet, doch es gibt einen klaren Unterschied zwischen Agoraphobie und Klaustrophobie. Agoraphobie betrifft weite, offene Räume sowie Menschenmengen oder Reisen in öffentlichen Verkehrsmitteln, während Klaustrophobie mit engen, geschlossenen Orten verbunden ist. Menschen mit Klaustrophobie fühlen sich in beengten Umgebungen wie Aufzügen, kleinen Zimmern oder Flugzeugen eingeengt und erdrückt.
Wie ist der Verlauf einer Agoraphobie?
In den allermeisten Fällen beginnt die Phobie mit einem Angstanfall an einem öffentlichen Ort. So verläuft die Angst oftmals chronisch und vergeht nur selten von alleine. Je länger die Angststörung besteht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich noch weitere psychische Störungen entwickeln. Im Grunde verläuft die Agoraphobie in Phasen, so können die Anzeichen beispielsweise auch nach einer langen beschwerdefreien Zeit wieder auftreten.
Was sind die Ursachen einer Agoraphobie?
Angst zu haben gilt als normale Reaktion des Körpers, denn so kannst Du möglichen Gefahren rechtzeitig aus dem Weg gehen. In einigen Fällen entwickelt sich jedoch eine krankhafte Angst, die oft unbegründet ist. Häufig treffen allerdings mehrere Faktoren zusammen.
Zu den Ursachen zählen:
- Erlerntes Verhalten
- Traumatische oder frühere Erlebnisse
- Genetische Veranlagung, durch Anfälligkeit für psychische Erkrankungen
Oftmals leiden Betroffene aber genauso unter weiteren psychischen Störungen wie etwa Depressionen oder anderen Ängsten. Wobei sich bei den jeweiligen Personen durch die Erwartungsangst ebenso ein Teufelskreis entwickeln kann. Denn wenn eine Person in einer Menschenmenge Kreislaufprobleme hat, dann bringt sie diese Beschwerden mit der Situation in Verbindung und versucht diese in Zukunft zu vermeiden.
Wer ist am häufigsten von Agoraphobie betroffen?
Im Grunde sind Angststörungen weit verbreitet, wobei Frauen dreimal so häufig von einer Agoraphobie betroffen sind wie Männer. Dabei beginnt sie meist schon im jungen Erwachsenenalter. Allerdings leiden die meisten Betroffenen nicht nur unter einer reinen Agoraphobie, vielmehr entwickeln sich durch die Platzangst auch Depressionen, Persönlichkeits- oder Angststörungen.
Welche Folgen kann die Agoraphobie für die Betroffenen haben?
Durch die Platzangst versuchen betroffene Menschen die unangenehmen und angstauslösenden Situationen mehr und mehr zu vermeiden. Anfangs entsteht zwar ein erlösender Effekt, langfristig kann sich diese starke Angst jedoch verstärken. Diese Furcht kann so stark ausgeprägt sein, dass sich die Betroffenen gar nicht mehr aus dem Haus trauen. Dadurch kann es zu sozialen Einschränkungen kommen. Zusätzlich können somit psychische Folgeerkrankungen wie beispielsweise Depressionen entstehen.
Wann sollte ich bei einer Agoraphobie einen Arzt aufsuchen?
Wenn einzelne Anzeichen für eine Platzangst sprechen, solltest Du auf jeden Fall zu einem Psychotherapeut gehen. So kann der Spezialist erkennen, ob tatsächlich eine Agoraphobie oder Panikstörung vorliegt. Bestimmte Fragebögen helfen dem Therapeuten abzuklären, ob weitere psychische Erkrankungen vorliegen.
Wie wird eine Agoraphobie diagnostiziert?
In erster Linie ist eine gründliche medizinische Untersuchung notwendig, damit der behandelnde Arzt körperliche Erkrankungen ausschließen kann. Denn es gibt einige körperliche Krankheiten, die zu den ausgeprägten Angstzuständen führen können. Hierzu gehören unter anderem Herzprobleme, Gleichgewichtsstörungen und Schilddrüsenerkrankungen.
Zusätzlich zu einem ausführlichen Gespräch erfolgt eine Blutuntersuchung und ein EKG des Herzens. Der Arzt kann jedoch bei Bedarf noch weitere Untersuchungen vornehmen.
Insbesondere ein Psychotherapeut oder Psychologe kann eine genaue Diagnose stellen und anhand eines Fragebogens erkennen, welche psychischen Störungen genau vorliegen. Ebenso kann ein Angsttagebuch dem Therapeuten bei der Diagnose helfen. Hierzu schreibst Du Dauer und Art Deiner Angstzustände so genau wie möglich auf und zeigst sie Deinem Arzt beim Gespräch.

Wie lässt sich die Agoraphobie behandeln?
Je früher Du mit der Behandlung der Agoraphobie beginnst, desto besser sind die Chancen, die Angststörung erfolgreich zu überwinden. Wartest Du jedoch zu lange, kann sich die Phobie verstärken und einen Teufelskreis der Angst erzeugen. Wenn die Symptome Deine Lebensqualität stark beeinträchtigen, kann die Behandlung länger dauern.
Es gibt verschiedene Therapieansätze, die je nach Stadium der Agoraphobie unterschiedlich ausfallen können.
Psychotherapie
In vielen Fällen kann eine Psychotherapie hilfreich sein, um die zugrunde liegenden Ursachen der Angst zu erkennen. Oft vermutet der Therapeut ungelöste Konflikte, die die Phobie auslösen. Indem Du Dich diesen Konflikten stellst und sie bearbeitest, können die Angstzustände vermindert werden. So kann es etwa darum gehen, unterdrückte Gefühle wie Ärger oder ungelöste Trennungsängste zu identifizieren und aufzuarbeiten.
Kognitive Verhaltenstherapie
Eine sehr effektive Methode ist die kognitive Verhaltenstherapie. Dabei wirst Du Schritt für Schritt mit den angstauslösenden Situationen oder Orten konfrontiert. Ziel ist es, die negativen Gedankenmuster zu ändern und die Vermeidungsstrategien abzubauen. Dies erfordert viel Mut, da Du Dich intensiv mit Deinen Ängsten auseinandersetzen musst. Doch genau das ist der Schlüssel zur Überwindung der Angst: Die Konfrontation mit den eigenen Ängsten.
Expositionstherapie
Diese Konfrontation nennt man Expositionstherapie. Sie hilft dabei, die Angst zu verringern, indem Du Dich gezielt den Situationen aussetzt, die Dir Angst machen. Durch diese schrittweise Konfrontation lernt Dein Gehirn, dass diese Ängste nicht so gefährlich sind, wie Du sie wahrnimmst. Zu Beginn wirst Du mit weniger belastenden Situationen konfrontiert. Diese steigern sich dann allmählich in ihrer Intensität, sodass Du Dich nach und nach auch den wirklich angstauslösenden Momenten stellen kannst. Ein Beispiel: Du beginnst mit einer kleinen Menschenmenge und steigst dann schrittweise auf größere Gruppen oder weite Plätze um. Wichtig ist, dass Du während der Exposition Deine körperlichen Reaktionen beobachtest. Du wirst feststellen, dass Symptome wie Herzrasen oder Schwindel nach kurzer Zeit wieder nachlassen – und dass sie nicht lebensbedrohlich sind. Das hilft Dir, die irrationale Angst zu erkennen und besser zu verstehen. Mit jeder Konfrontation wirst Du feststellen, dass die Situationen immer weniger Angst auslösen. Die Expositionstherapie hilft Dir, Vermeidungsverhalten abzubauen und immer mehr Orte und Situationen ohne Panik zu erleben.
Medikamentöse Behandlung
In manchen Fällen wird die Therapie durch Medikamente ergänzt. Häufig verordnen Ärzte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) oder Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRIs). Diese Medikamente sorgen dafür, dass die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin länger im Gehirn aktiv bleiben, wodurch das chemische Gleichgewicht wiederhergestellt wird.
Trizyklische Antidepressiva kommen seltener zum Einsatz, da sie stärkere Nebenwirkungen haben können, wie Übelkeit, Erbrechen oder sexuelle Funktionsstörungen.
Wie ist die Prognose bei einer Agoraphobie?
Die Prognose bei einer Platzangst ist recht gut, denn je früher der Arzt die Phobie erkennt, umso schneller kannst Du Deine Angst loswerden. So sind die Heilungschancen deutlich besser, wenn Du so früh wie möglich eine therapeutische Hilfe in Anspruch nimmst. Daher solltest Du bereits kleinste Anzeichen ernst nehmen. Nur so kann ein geeigneter Therapieweg gefunden werden, der Dir einen langen Leidensweg erspart. Insbesondere die Konfrontationstherapie hilft vielen Betroffenen dabei, ihre Phobie zu bewältigen. Im Laufe der Zeit kann eine Phobie auch schlimmer werden, wenn sie beispielsweise unbehandelt bleibt oder Folgeerkrankungen nach sich zieht.
Was kann ich selbst bei einer Agoraphobie machen?
Wenn sich die ersten Symptome der Phobie bemerkbar machen, solltest Du auf jeden Fall schnell reagieren. Denn so kann der Spezialist verhindern, dass sich die Ängste weiterentwickeln und Dich im alltäglichen Leben einschränken.
Bei eher leichten Symptomen können vor allem Entspannungstechniken helfen, um die Angst zu reduzieren, damit Du Dich in angespannten Situationen besser rational verhalten kannst. Das kannst Du auch mit Meditation, autogenem Training und Yoga trainieren. Außerdem solltest Du Dich gesund ernähren und auf ausreichend Bewegung achten, denn all dies wirkt sich positiv auf Deine psychische Verfassung aus.
Was kostet die Behandlung der Agoraphobie?
Die Kosten für eine Therapie zur Behandlung der Agoraphobie variieren, abhängig vom Therapeuten sowie dem Ort. Im Durchschnitt liegt der Preis für eine Therapieeinheit (50 Minuten) zwischen 80 und 120 Euro.
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für die Behandlung der Agoraphobie?
Die Krankenkasse übernimmt nicht immer die gesamten Kosten für eine Therapie, aber in vielen Fällen ist ein Kostenzuschuss möglich. Der Zuschuss hängt von Deiner Krankenkasse und Deinem individuellen Zustand ab. Die Höhe des Zuschusses liegt meist zwischen 30 und 50 Euro pro Sitzung.
Wenn eine psychische Erkrankung vorliegt und Du Anspruch auf Psychotherapie als Kassenleistung hast, übernimmt die Krankenkasse in der Regel einen Teil der Kosten. Voraussetzung dafür ist eine ärztliche Untersuchung, die den Bedarf für eine psychotherapeutische Behandlung bestätigt.
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