Das Wichtigste in Kürze
Osteoporose verursacht meist erst Beschwerden, wenn ein Knochen gebrochen ist. Typisch sind Wirbelkörperbrüche mit Rückenschmerzen, Größenverlust und Rundrücken sowie Brüche an Handgelenk, Hüfte oder Oberarm nach einem leichten Sturz.
Ob eine Behandlung nötig ist, entscheidet heute das persönliche Frakturrisiko und nicht der Knochendichtewert allein. Die deutsche Leitlinie rechnet mit dem Risiko für die kommenden drei Jahre, Österreich und die Schweiz arbeiten mit dem Rechner FRAX.
Bewegung, Krafttraining, Sturzprävention sowie eine ausreichende Versorgung mit Kalzium und Vitamin D bilden die Grundlage jeder Behandlung. Medikamente wie Bisphosphonate, Denosumab oder knochenaufbauende Wirkstoffe kommen bei erhöhtem Risiko hinzu.
Eine Osteoporose-Therapie ist meist langfristig angelegt und braucht geplante Übergänge. Besonders Denosumab darf nicht ohne Anschlussbehandlung abgesetzt werden, weil sonst das Risiko für Wirbelbrüche deutlich steigt.
Osteoporose, im Alltag oft Knochenschwund genannt, ist eine Erkrankung des gesamten Skeletts, bei der die Knochen an Masse und Stabilität verlieren. Viele Betroffene erfahren erst nach einem Knochenbruch von der Diagnose, obwohl sich die Veränderungen über Jahre entwickelt haben. Gleichzeitig gibt es wirksame Medikamente und Leitlinien, die festlegen, wer davon profitiert.
Welche Anzeichen sprechen für eine Osteoporose, und wann solltest Du ärztlichen Rat suchen? Was misst eine Knochendichtemessung, und warum reicht der T-Wert allein nicht für eine Therapieentscheidung? Welche Medikamente stehen zur Verfügung, und was übernehmen die Krankenkassen in Deutschland, Österreich und der Schweiz?
Welche Symptome verursacht Osteoporose?
Osteoporose verläuft über lange Zeit ohne Symptome. Der Knochenabbau selbst schmerzt nicht, und auch eine deutlich verminderte Knochendichte ist von außen nicht zu erkennen. Erste Anzeichen treten meist erst auf, wenn ein Knochen unter einer Belastung bricht, die ein gesunder Knochen ausgehalten hätte.
Welche Knochenbrüche sind typisch?
Am häufigsten betroffen sind die Wirbelkörper, der hüftnahe Oberschenkelknochen, das Handgelenk und der Oberarm nahe der Schulter. Hüftnahe Brüche erfordern fast immer eine Operation und eine längere Rehabilitation.
Auch Brüche des Beckens oder der Rippen können auf eine Osteoporose hinweisen. Die Leitlinie des Dachverbands Osteologie (DVO) aus 2023 wertet grundsätzlich jeden Knochenbruch bei Frauen nach der Menopause und bei Männern ab 50 Jahren als Anlass für eine Abklärung, ausgenommen Finger, Zehen und Schädel.
Welche Anzeichen zeigen sich an der Wirbelsäule?
Wirbelkörperbrüche entstehen oft ohne Sturz, etwa beim Heben, Bücken oder Husten. Manche verursachen plötzliche, starke Rückenschmerzen, andere bleiben unbemerkt. Mehrere eingesunkene Wirbel führen mit der Zeit zu einem Verlust an Körpergröße und zu einem Rundrücken, der auch als Witwenbuckel bezeichnet wird.
Durch die veränderte Haltung ist die Rückenmuskulatur dauerhaft angespannt. Viele Betroffene berichten dann über chronische Rückenschmerzen, eingeschränkte Beweglichkeit und rasche Ermüdung beim Stehen. Ein messbarer Größenverlust ist laut DVO-Leitlinie 2023 ein Grund für eine bildgebende Untersuchung der Wirbelsäule.
Wie unterscheiden sich Osteoporose-Rückenschmerzen von anderen Rückenschmerzen?
Die meisten Rückenschmerzen haben muskuläre oder degenerative Ursachen und keinen Bezug zur Knochendichte. Bei Osteoporose sind Rückenschmerzen fast immer Folge eines Wirbelbruchs. Hinweise darauf sind ein plötzlicher Beginn ohne erkennbaren Anlass, ein klopfempfindlicher Bereich über der Wirbelsäule und eine Verschlechterung beim Aufrichten. Frische Wirbelbrüche sind laut DVO-Leitlinie im Röntgenbild in der Frühphase nicht immer eindeutig sichtbar, weshalb bei anhaltendem Verdacht eine Kontrolle oder weitere Bildgebung sinnvoll sein kann.
Was ist Osteoporose, und welche Ursachen hat sie?
Knochen ist lebendes Gewebe, das sich ständig erneuert. Knochenabbauende Zellen, die Osteoklasten, entfernen alte Substanz, knochenaufbauende Zellen, die Osteoblasten, bilden neue. Bei Osteoporose überwiegt der Knochenabbau über längere Zeit. Die Knochenmasse sinkt, die feinen inneren Knochenbälkchen werden dünner und verlieren Verbindungen, und die Stabilität nimmt ab.
Was ist eine primäre Osteoporose?
Bei der primären Osteoporose lässt sich keine einzelne auslösende Erkrankung finden. Sie entsteht durch das Zusammenspiel von Alter, Hormonveränderungen, Erbanlagen und Lebensstil. Die häufigste Form ist die postmenopausale Osteoporose bei Frauen nach den Wechseljahren. Mit zunehmendem Alter kommt bei beiden Geschlechtern eine altersbedingte Form hinzu.
Was ist eine sekundäre Osteoporose?
Eine sekundäre Osteoporose ist Folge einer anderen Erkrankung oder einer Behandlung. Die DVO-Leitlinie 2023 nennt unter anderem folgende Ursachen und Risikofaktoren:
- Medikamente: Glukokortikoide (Kortison) als Tabletten über mehr als drei Monate, Aromatasehemmer bei Brustkrebs, eine hormonablative Therapie bei Prostatakrebs, Protonenpumpenhemmer über längere Zeit sowie Opioide.
- Hormonstörungen: eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen, Cushing-Syndrom, männlicher Hypogonadismus (Testosteronmangel) und eine zu hoch eingestellte Schilddrüsenhormon-Therapie.
- Stoffwechsel- und Darmerkrankungen: Diabetes mellitus Typ 1 und länger bestehender Typ-2-Diabetes, Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen sowie Zustand nach Magenentfernung oder bariatrischer Operation.
- Entzündliche und andere Erkrankungen: rheumatoide Arthritis, axiale Spondyloarthritis, systemischer Lupus erythematodes, chronische Nierenerkrankung, Herzinsuffizienz und die monoklonale Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS).
Welche Risikofaktoren erhöhen das Osteoporose-Risiko zusätzlich?
Neben Alter und Geschlecht berücksichtigt die DVO-Leitlinie 2023 einen Hüftbruch eines Elternteils, Untergewicht mit einem Body-Mass-Index unter 20, Rauchen, hohen Alkoholkonsum und Stürze in den vergangenen zwölf Monaten. Ein bereits erlittener Wirbel- oder Hüftbruch ist einer der stärksten Hinweise auf weitere Brüche, besonders im ersten Jahr danach.
Warum steigt das Osteoporose-Risiko in den Wechseljahren?
Östrogene bremsen den Knochenabbau. Wenn die Eierstöcke ihre Hormonproduktion in den Wechseljahren einstellen, fällt diese Bremse weg. In den Jahren rund um die Menopause und unmittelbar danach nimmt die Knochendichte deshalb schneller ab als in anderen Lebensphasen. Frauen, deren Menopause vor dem 45. Lebensjahr eintritt oder deren Eierstöcke operativ entfernt wurden, haben über einen längeren Zeitraum einen Östrogenmangel und damit ein höheres Risiko.
Hilft eine Hormontherapie gegen Osteoporose in den Wechseljahren?
Eine systemische Hormontherapie mit Östrogenen verringert während der Anwendung den Knochenverlust. Die DVO-Leitlinie 2023 stuft die Senkung von Wirbel-, Hüft- und anderen Brüchen durch Östrogene als belegt ein. Trotzdem empfiehlt die Leitlinie Östrogene zur Behandlung einer Osteoporose nur dann, wenn andere Osteoporose-Medikamente nicht vertragen werden oder nicht infrage kommen.
Der Grund liegt im Nutzen-Risiko-Verhältnis. Eine Hormontherapie kann das Risiko für Thrombosen, Schlaganfall und je nach Präparat auch für Brustkrebs beeinflussen. Sie wird deshalb vor allem wegen Wechseljahresbeschwerden begonnen, der Knochenschutz ist ein zusätzlicher Effekt.
Wann ist in den Wechseljahren eine Abklärung sinnvoll?
Die Wechseljahre allein sind kein Grund für eine Knochendichtemessung. Sinnvoll wird sie, wenn zusätzliche Risikofaktoren vorliegen, etwa ein früherer Knochenbruch, eine längere Kortisonbehandlung, deutliches Untergewicht oder eine Hüftfraktur bei Mutter oder Vater. Entscheidend ist, ob das Ergebnis eine medizinische Entscheidung verändern würde.
Wie zeigt sich Osteoporose bei Männern?
Osteoporose gilt oft als Frauenkrankheit, betrifft aber auch Männer. Bei ihnen beginnt der Knochenverlust meist später und verläuft langsamer, weil der abrupte Hormonabfall der Menopause fehlt. Wenn Männer eine Hüftfraktur erleiden, sind die Folgen nach Einschätzung der Fachgesellschaften jedoch nicht geringer als bei Frauen.
Welche Ursachen stehen bei Männern im Vordergrund?
Bei Männern finden sich häufiger als bei Frauen sekundäre Ursachen. Dazu gehören Testosteronmangel, eine antihormonelle Behandlung bei Prostatakrebs, eine langfristige Kortisontherapie, hoher Alkoholkonsum und chronische Lungenerkrankungen wie die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD). Die DVO-Leitlinie 2023 empfiehlt bei Männern deshalb, Testosteron im Blut bei Bedarf mitzubestimmen.
Wie wird Osteoporose bei Männern erkannt und behandelt?
Die DVO-Leitlinie 2023 gilt für Männer ab 50 Jahren und verwendet dieselbe Logik der Risikoberechnung wie bei Frauen, mit eigenen Tabellen für das männliche Geschlecht. Für Männer sind nicht alle Osteoporose-Medikamente zugelassen. Laut DVO-Leitlinie stehen Alendronat, Risedronat, Zoledronat, Teriparatid und Denosumab zur Verfügung, während Romosozumab und Abaloparatid nach dem Zulassungstext der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) auf Frauen nach der Menopause beschränkt sind.
In Deutschland hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) am 16. April 2026 beschlossen, das strukturierte Behandlungsprogramm (Disease-Management-Programm, kurz DMP) Osteoporose für Männer bereits ab 50 statt ab 60 Jahren zu öffnen. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) sollte die Änderung nach Prüfung durch das Bundesgesundheitsministerium voraussichtlich zum 1. Oktober 2026 in Kraft treten.
Wie wird Osteoporose diagnostiziert?
Die Diagnose beginnt mit einem ausführlichen Gespräch und einer körperlichen Untersuchung. Ärzte und Ärztinnen fragen nach früheren Knochenbrüchen, Stürzen, Medikamenten, Vorerkrankungen, Ernährung und der Familiengeschichte.
Welche Rolle spielt die Knochendichtemessung?
Die Knochendichtemessung mit Doppelröntgen-Absorptiometrie, kurz DXA, ist der Standard. Gemessen wird an der Lendenwirbelsäule und an beiden Hüften. Das Ergebnis wird als T-Wert angegeben, der die Abweichung von der durchschnittlichen Knochendichte junger Erwachsener beschreibt. Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus 1994 spricht man ab einem T-Wert von minus 2,5 oder niedriger von Osteoporose, zwischen minus 1 und minus 2,5 von Osteopenie.
Die DVO-Leitlinie 2023 empfiehlt eine Basisdiagnostik nach jedem Knochenbruch ab 50 Jahren, vor einer längeren Behandlung mit höher dosiertem Kortison, ab dem 70. Lebensjahr als Angebot und bei einer ärztlich als relevant eingeschätzten Risikokonstellation. Ohne Risiko ist keine Routinemessung vorgesehen.
Welche Laborwerte und Röntgenbilder gehören dazu?
Das Basislabor dient dazu, sekundäre Ursachen, andere Knochenerkrankungen und Gegenanzeigen für Medikamente zu erkennen. Die DVO-Leitlinie 2023 nennt unter anderem Kalzium, Phosphat, Natrium, Nierenwerte, alkalische Phosphatase, Blutbild, Entzündungswerte, Eiweißelektrophorese und das schilddrüsenstimulierende Hormon (TSH). Vitamin D wird nur in ausgewählten Fällen bestimmt. Ein Röntgenbild oder eine andere Bildgebung der Wirbelsäule folgt bei Rückenschmerzen, Größenverlust oder Verdacht auf einen Wirbelbruch.
Gibt es einen Osteoporose-Test?
Einen einzelnen Bluttest oder Schnelltest, der Osteoporose sicher nachweist, gibt es nicht. Fragebögen und Online-Selbsttests können helfen, das eigene Risiko einzuschätzen und das ärztliche Gespräch vorzubereiten. Sie ersetzen aber weder die Knochendichtemessung noch die Berechnung des Frakturrisikos. Ultraschallmessungen an der Ferse sind laut österreichischer Leitlinie 2024 weniger gut validiert als die DXA und nicht zur Diagnose geeignet.
Wie wird das Frakturrisiko berechnet?
Die DVO-Leitlinie 2023 schätzt das Risiko für einen Wirbelkörper- oder hüftnahen Oberschenkelbruch in den kommenden drei Jahren. Grundlage sind Alter, Geschlecht, der T-Wert der gesamten Hüfte und bis zu zwei der stärksten Risikofaktoren. In Österreich und der Schweiz wird dagegen der international verbreitete Rechner FRAX (Fracture Risk Assessment Tool) verwendet, der eine Wahrscheinlichkeit für die kommenden zehn Jahre angibt und mit länderspezifischen Daten arbeitet.
Wann wird Osteoporose behandelt?
Die Therapieentscheidung richtet sich heute nach dem absoluten Frakturrisiko. Ein T-Wert von minus 2,5 bedeutet laut österreichischer Leitlinie 2024 bei einer jungen Frau nach der Menopause ohne weitere Risikofaktoren nicht automatisch, dass Medikamente nötig sind. Umgekehrt kann bei einem T-Wert im Bereich der Osteopenie eine Behandlung angezeigt sein, wenn bereits ein Wirbelbruch vorliegt.
Welche Therapieschwellen gelten in Deutschland?
Die DVO-Leitlinie 2023 ist eine S3-Leitlinie, also eine Leitlinie der höchsten methodischen Stufe. Laut dem Übersichtsartikel von Pfeil und Lange aus 2024 in der Zeitschrift für Rheumatologie empfiehlt sie ab einem geschätzten Risiko von drei Prozent in drei Jahren eine spezifische Therapie, vorrangig mit knochenabbauhemmenden Wirkstoffen. Ab fünf Prozent kann ein knochenaufbauender Wirkstoff erwogen werden, ab zehn Prozent soll die Behandlung mit einem knochenaufbauenden Wirkstoff beginnen und danach mit einem knochenabbauhemmenden Wirkstoff fortgesetzt werden.
Ohne Risikoberechnung besteht laut DVO-Leitlinie eine Therapieindikation nach einem hüftnahen Oberschenkelbruch, nach einem deutlichen oder mehreren Wirbelbrüchen bei geringem Trauma sowie bei einer Kortisontherapie ab 7,5 Milligramm Prednisolon-Äquivalent täglich über mehr als drei Monate mit erniedrigter Knochendichte. Die Leitlinie von 2023 ist im AWMF-Register verlängert, eine Neufassung liegt nicht vor.
Welche Empfehlungen gelten in Österreich?
Die Österreichische Gesellschaft für Knochen- und Mineralstoffwechsel hat ihre Leitlinie 2024 in der Wiener Klinischen Wochenschrift aktualisiert (Dimai und Kollegen und Kolleginnen). Sie ordnet Patienten und Patientinnen über die österreichische FRAX-Version vier Risikokategorien zu: niedrig, mittel, hoch und sehr hoch. Bei sehr hohem Risiko soll bevorzugt eine knochenaufbauende Therapie durch Spezialisten und Spezialistinnen eingeleitet werden. Ein organisiertes Knochendichte-Screening besteht in Österreich laut Leitlinie nicht.
Welche Empfehlungen gelten in der Schweiz?
Die Schweizerische Vereinigung gegen die Osteoporose (SVGO) hat am 8. Oktober 2026 eine überarbeitete Fassung ihrer Empfehlungen im Swiss Medical Weekly veröffentlicht (Ferrari und Kollegen und Kolleginnen). Sie unterscheidet fünf Risikostufen von niedrig bis unmittelbar drohend auf Basis der Schweizer FRAX-Wahrscheinlichkeiten. Bei sehr hohem oder unmittelbarem Risiko empfiehlt sie zuerst einen knochenaufbauenden Wirkstoff und anschließend eine Festigung mit einem knochenabbauhemmenden Wirkstoff. Neu ist ein Zielwert-Ansatz, der sich vor allem an der Knochendichte der Hüfte orientiert und nach zwei Jahren eine Neubewertung vorsieht.
Wie wird Osteoporose behandelt?
Jede Osteoporose-Behandlung beginnt mit Basismaßnahmen, die für alle Risikogruppen gelten. Medikamente ergänzen diese Maßnahmen, ersetzen sie aber nicht. Die DVO-Leitlinie 2023 fordert für die Auswahl ausdrücklich eine gemeinsame Entscheidung von Behandlungsteam und Patient oder Patientin, die Therapieziele, Nebenwirkungen, Anwendungsform und Kosten berücksichtigt.
Welche Basismaßnahmen gehören zur Therapie?
Regelmäßige Bewegung und ein individuelles Programm für Kraft, Gleichgewicht und Koordination empfiehlt die DVO-Leitlinie 2023 mit der höchsten Empfehlungsstärke. Krafttraining belastet den Knochen über den Muskelzug und verbessert gleichzeitig die Standsicherheit. Ab 70 Jahren und nach jedem Sturz sollte jährlich nach Stürzen und ihren Ursachen gefragt werden. Dazu gehören Sehtests, eine Medikamentenprüfung und das Entfernen von Stolperfallen.
Kalzium und Vitamin D sind Bausteine des Knochenstoffwechsels. Die DVO-Leitlinie nennt Zielwerte für die Gesamtzufuhr, wobei Kalzium vorrangig über die Ernährung aufgenommen werden soll und Vitamin D durch Sonnenlicht oder Nahrung. Unter Medikamenten wie Denosumab oder Zoledronat ist eine gesicherte Versorgung besonders wichtig, weil sonst ein gefährlich niedriger Kalziumspiegel auftreten kann. Für gesunde, gut versorgte Menschen ist durch zusätzliche Präparate kein Nutzen beim Frakturschutz nachgewiesen.
Nach einem stabilen Wirbelbruch empfiehlt die Leitlinie eine möglichst rasche Mobilisierung, eine angemessene Schmerztherapie und Physiotherapie. Eine aufrichtende Rückenorthese kann vorübergehend erwogen werden, um die Mobilisation zu erleichtern.
Wie wirken Bisphosphonate?
Bisphosphonate lagern sich im Knochen ein und hemmen die knochenabbauenden Zellen. Alendronat und Risedronat werden als Tabletten eingenommen, Ibandronat als Tablette oder Infusion und Zoledronat einmal jährlich als Infusion. Sie sind seit vielen Jahren zugelassen und häufig der Einstieg in die Therapie. Häufige Nebenwirkungen und seltene Risiken:
- Magen-Darm-Beschwerden bei Tabletten, weshalb eine bestimmte Einnahmeweise mit Wasser und in aufrechter Haltung vorgeschrieben ist.
- Grippeähnliche Beschwerden nach der ersten Infusion.
- Selten eine Kiefernekrose, also ein Absterben von Kieferknochen, weshalb die DVO-Leitlinie zu Therapiebeginn eine zahnärztliche Vorstellung empfiehlt.
- Selten atypische Oberschenkelbrüche bei Langzeitanwendung.
Bei dauerhaft niedrigerem Risiko kann laut DVO-Leitlinie nach einer Bisphosphonat-Behandlung eine Therapiepause sinnvoll sein.
Was ist bei Denosumab zu beachten?
Denosumab ist ein Antikörper, der ein Signal für die Bildung knochenabbauender Zellen blockiert. Die EMA hat ihn 2010 zur Behandlung der Osteoporose bei Frauen nach der Menopause und bei Männern mit erhöhtem Frakturrisiko zugelassen, inzwischen sind auch Nachahmerpräparate, sogenannte Biosimilars, zugelassen. Der Wirkstoff wird alle sechs Monate unter die Haut gespritzt und ist auch bei eingeschränkter Nierenfunktion einsetzbar.
Wichtig ist das Absetzen. Endet die Behandlung ohne Anschlusstherapie, beschleunigt sich der Knochenabbau stark, und das Risiko für mehrere Wirbelbrüche steigt. Die DVO-Leitlinie 2023 schreibt deshalb vor, am Ende des Behandlungsintervalls auf einen knochenabbauhemmenden Wirkstoff zu wechseln, meist eine Zoledronat-Infusion.
Wie wirken Teriparatid und Abaloparatid?
Teriparatid ist ein Teil des Parathormons und regt bei täglicher Gabe unter die Haut die Knochenneubildung an. Die EMA hat es 2003 zugelassen, die Behandlungsdauer ist laut DVO-Leitlinie auf insgesamt 24 Monate begrenzt.
Abaloparatid ist ein verwandter Wirkstoff, der an denselben Rezeptor bindet. Die EMA hat ihn am 12. Dezember 2022 für Frauen nach der Menopause mit erhöhtem Frakturrisiko zugelassen, die Behandlung ist auf 18 Monate begrenzt. Swissmedic hat Abaloparatid am 7. März 2024 für dieselbe Gruppe zugelassen. Nach beiden Wirkstoffen folgt eine knochenabbauhemmende Behandlung.
Für wen kommt Romosozumab infrage?
Romosozumab ist ein Antikörper, der den Knochenaufbau fördert und gleichzeitig den Abbau bremst. Die EMA hat ihn am 9. Dezember 2019 für schwere Osteoporose bei Frauen nach der Menopause mit hohem Frakturrisiko zugelassen. Die Behandlung dauert zwölf Monate mit monatlichen Spritzen, danach folgt eine knochenabbauhemmende Therapie.
In den Zulassungsstudien traten unter Romosozumab zahlenmäßig mehr Herzinfarkte und Schlaganfälle auf als unter Alendronat. Nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall darf der Wirkstoff laut EMA deshalb nicht eingesetzt werden, und vor Therapiebeginn wird das Herz-Kreislauf-Risiko geprüft. Eine Auswertung des US-amerikanischen Meldesystems für Nebenwirkungen von Sun und Kollegen und Kolleginnen aus 2026 fand Meldesignale für Herz-Kreislauf-Ereignisse. Solche Spontanmeldungen zeigen statistische Auffälligkeiten, aber keine Häufigkeiten und keinen ursächlichen Zusammenhang.
Welche Rolle spielen SERM und Hormontherapie?
Selektive Östrogenrezeptor-Modulatoren (SERM) wie Raloxifen und Bazedoxifen wirken am Knochen ähnlich wie Östrogene, an der Brust dagegen nicht. Sie senken laut DVO-Leitlinie 2023 vor allem das Risiko für Wirbelbrüche und erhöhen das Risiko für venöse Thrombosen. Raloxifen verringert zusätzlich das Risiko für hormonempfindlichen Brustkrebs. Die Hormontherapie mit Östrogenen bleibt laut DVO-Leitlinie Frauen vorbehalten, bei denen andere Wirkstoffe nicht infrage kommen.
Kann eine Osteoporose-Behandlung gesundes Altern unterstützen?
Knochenbrüche im höheren Alter gehen häufig mit dem Verlust von Selbstständigkeit einher. Die US-amerikanische Präventions-Arbeitsgruppe (USPSTF) beschreibt in ihrer Empfehlung aus 2025, dass osteoporotische Brüche mit psychischer Belastung, weiteren Brüchen, eingeschränkter Alltagsfähigkeit und erhöhter Sterblichkeit verbunden sind. Diese Zusammenhänge stammen überwiegend aus Beobachtungsstudien.
Beobachtung ist nicht Kausalität. Menschen mit Osteoporose sind im Durchschnitt älter, häufiger gebrechlich und haben mehr Begleiterkrankungen, die ihre Lebenserwartung ebenfalls beeinflussen. Dass Osteoporose-Medikamente Brüche verhindern, ist in randomisierten Studien belegt. Dass sie die Lebensspanne verlängern, ist nicht gesichert.
Ein allgemeines Knochendichte-Screening ohne Risikofaktoren ist dagegen keine Longevity-Maßnahme: Die USPSTF empfiehlt 2025 eine Messung bei Frauen ab 65 und bei jüngeren Frauen nach der Menopause mit Risikofaktoren, sieht bei Männern aber keine ausreichende Evidenz für ein Screening.
Wann ist ärztliche Hilfe nötig?
Bei folgenden Situationen sollte umgehend ärztliche Hilfe gesucht oder bei Bedarf der Notruf 112 in Deutschland, 144 in Österreich oder 144 in der Schweiz gewählt werden:
- Nach einem Sturz mit starken Hüft- oder Leistenschmerzen, einem verkürzten oder nach außen gedrehten Bein oder der Unfähigkeit, aufzustehen.
- Bei plötzlich einsetzenden, heftigen Rückenschmerzen, besonders mit Taubheit, Lähmungen in den Beinen oder Problemen beim Wasserlassen oder Stuhlgang.
- Bei Muskelkrämpfen, Kribbeln um den Mund oder in den Fingern nach einer Denosumab-Spritze oder Bisphosphonat-Infusion, weil dies auf einen niedrigen Kalziumspiegel hinweisen kann.
- Bei Brustschmerz, Atemnot, einseitiger Lähmung oder Sprachstörung unter Romosozumab.
- Bei neu auftretenden Leisten- oder Oberschenkelschmerzen unter Langzeittherapie oder bei freiliegendem Kieferknochen.
Welche Fachrichtung behandelt Osteoporose?
Erste Ansprechpartner sind meist die Hausarztpraxis und die Orthopädie, bei Frauen in den Wechseljahren auch die Gynäkologie. Bei sekundären Ursachen, auffälligen Laborwerten oder Hormonstörungen kommt die Endokrinologie hinzu, bei entzündlichen Erkrankungen die Rheumatologie. Komplexe Fälle, Therapieversagen und knochenaufbauende Behandlungen werden häufig von Ärzten und Ärztinnen mit osteologischer Zusatzqualifikation betreut. Nach einem Bruch empfiehlt die DVO-Leitlinie 2023 eine strukturierte Nachbetreuung, etwa über einen Fracture Liaison Service, der sicherstellt, dass nach der Unfallversorgung auch die Osteoporose behandelt wird.
Was kostet die Behandlung von Osteoporose?
Die Kosten hängen davon ab, ob eine medizinische Begründung vorliegt und welches Land zuständig ist. Diagnostik und Medikamente werden in allen drei Ländern übernommen, wenn die jeweiligen Voraussetzungen erfüllt sind.
Welche Regeln gelten in Deutschland?
Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) bezahlt die Knochendichtemessung mittels DXA nach einem Beschluss des G-BA aus 2013, wenn aufgrund konkreter Befunde eine spezifische medikamentöse Therapie beabsichtigt ist, etwa nach einem Bruch ohne angemessenen Unfall. Eine Wiederholung ist in der Regel frühestens nach fünf Jahren vorgesehen, außer besondere Befunde erfordern eine frühere Kontrolle. Ohne diese Voraussetzungen ist die Messung eine individuelle Gesundheitsleistung (IGeL), die selbst bezahlt wird.
Verordnete Osteoporose-Medikamente übernimmt die GKV abzüglich der gesetzlichen Zuzahlung. Kalzium- und Vitamin-D-Präparate sind rezeptfrei und werden nur in festgelegten Ausnahmefällen erstattet, etwa bei manifester Osteoporose. Die private Krankenversicherung (PKV) erstattet nach dem jeweiligen Tarif.
Welche Regeln gelten in Österreich?
In Österreich übernimmt die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) die DXA-Messung mit ärztlicher Zuweisung bei Verdacht auf Osteoporose, nach einem Bruch oder bei relevanten Risikofaktoren, sofern die Messung in einer Vertragseinrichtung erfolgt. Bei Wahlärzten und Wahlärztinnen sowie in Privatinstituten wird zunächst selbst bezahlt, die Erstattung orientiert sich am Kassentarif. Osteoporose-Medikamente werden über den Erstattungskodex abgerechnet, für einen Teil der Wirkstoffe ist eine chefärztliche Bewilligung oder eine dokumentierte Erfüllung bestimmter Kriterien nötig.
Welche Regeln gelten in der Schweiz?
In der Schweiz übernimmt die obligatorische Krankenpflegeversicherung die DXA-Messung bei Voraussetzungen, die in der Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV) festgelegt sind, darunter eine klinisch manifeste Osteoporose, ein Bruch bei geringem Trauma, eine Langzeittherapie mit Kortison oder ein Hormonmangel. Medikamente auf der Spezialitätenliste werden nach den dort festgelegten Bedingungen bezahlt. Franchise und Selbstbehalt gelten wie bei anderen Leistungen der Grundversicherung.
Quellen
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Pfeil, A.; Lange, U. (2024): Update der DVO-Leitlinie 2023 „Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose bei postmenopausalen Frauen und bei Männern ab dem 50. Lebensjahr“. Was ist neu für die Rheumatologie? Zeitschrift für Rheumatologie, 83(5), 401–406. DOI: 10.1007/s00393-024-01495-x
Dimai, H. P. et al. (2024): Osteoporose. Definition, Risikoerfassung, Diagnose, Prävention und Therapie (Update 2024). Leitlinie der Österreichischen Gesellschaft für Knochen- und Mineralstoffwechsel. Wiener Klinische Wochenschrift, 136(Suppl 16), 599–668. DOI: 10.1007/s00508-024-02441-2
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European Medicines Agency (2003): Forsteo (Teriparatid), EPAR. https://www.ema.europa.eu/en/medicines/human/EPAR/forsteo
Swissmedic (2024): Public Summary SwissPAR Tymlos (Abaloparatid). https://www.swissmedic.ch/swissmedic/de/home/ueber-uns/publikationen/public-summary-swiss-par/public-summary-swiss-par-tymlos.html
Kassenärztliche Bundesvereinigung (16. April 2026): DMP Osteoporose wird aktualisiert, künftig bereits für Männer ab 50. https://www.kbv.de/praxis/tools-und-services/praxisnachrichten/2026/04-16/dmp-osteoporose-wird-aktualisiert-kuenftig-bereits-fuer-maenner-ab-50
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