Neurofibromatose

Erbliche neurokutane Syndrome, früher auch unter dem Begriff „Phakomatosen“ geläufig, stellen eine Gruppe erblicher Fehlbildungssyndrome dar, bei denen es zu Verletzungen der Haut und des Nervensystems kommt. Neben diversen anderen Erkrankungen wie dem Sturge-Weber-Syndrom und dem Von-Hippel-Lindau-Syndrom zählt zu dieser Gruppe auch die Neurofibromatose, eine langsam fortschreitende Erkrankung, bei der derzeit keine ursächliche Behandlung möglich ist.


AUTOR

Dr. med. Benjamin Gehl

Medizinischer Experte

CO-AUTOR

Miriam Ankrah

Online-Redaktion


Letztes Update: 12. November, 2019



Was versteht die Medizin unter der Neurofibromatose?

Als Neurofibromatose bezeichnen Mediziner eine Gruppe genetischer Erkrankungen, die durch das Auftreten weicher, fleischiger Wucherungen veränderten Nervengewebes (Neurofibrome) gekennzeichnet ist, die unter der Haut und in anderen Körperteilen auftreten können. Die Erkrankung lässt sich in mehrere Typen unterscheiden, wobei für die Neurofibromatose Typ 1 besonders hellbraune Flecken an der Haut, sogenannte „Café-au-lait“-Flecken beziehungsweise „Milchkaffee“-Flecken, charakteristisch sind.

Neurofibromatose

Welche Typen der Neurofibromatose gibt es?

Mediziner differenzieren mehrere Formen der Neurofibromatose, die sich molekulargenetisch und in ihrer Symptomatik unterscheiden. Am bekanntesten sind die Neurofibromatose Typ 1 (Morbus Recklinghausen oder Recklinghausen-Krankheit), Typ 2 (zentrale Neurofibromatose) und Typ 3 (eine Mischform aus Neurofibromatose Typ 1 und Typ 2). Je nach Quelle sind bis zu acht verschiedene Formen beschrieben.

Welche Ursache hat die Neurofibromatose?

Einer Neurofibromatose liegt eine Mutation eines Gens zugrunde. Bei der Neurofibromatose Typ 1 führt das veränderte Gen zu einem Mangel eines speziellen Proteins, des Neurofibromins. Dieses Protein fungiert normalerweise als Tumorsuppressor, ist also maßgeblich daran beteiligt, die Bildung bestimmter Tumore im Körper zu unterdrücken. Bei bestehendem Gendefekt kann Neurofibromin dagegen seine schützende Funktion nicht mehr wahrnehmen, wodurch die Geschwulste der Neurofibromatose Typ 1 entstehen können. Bei der Neurofibromatose Typ 2 liegt ebenfalls ein verändertes Gen vor, das unter normalen Bedingungen zur korrekten Bildung von Schwannomin, auch ein Tumorsuppressor, führen würde.

Wie sehen die Symptome bei einer Neurofibromatose aus?

Bei einer Neurofibromatose Typ 1 kommt es zur Bildung zunächst vereinzelter Hautknoten, die später zahlreich auftreten können. Diese von Ärzten bezeichneten kutanen Neurofibrome sind breitflächig oder gestielt und entstehen entlang von Nerven, die die Haut durchziehen. Sie können am gesamten Körper vorkommen, bevorzugt jedoch am Rumpf. Die kutanen Neurofibrome können sich an der Hautoberfläche befinden oder in der Unterhaut tastbar sein.

Ein weiterer Hinweis auf Vorliegen von Morbus Recklinghausen sind die sogenannten plexiformen Neurofibrome. Sie unterscheiden sich von den gutartigen kutanen Neurofibromen durch ein längliches, wurmartiges Aussehen. Zudem sind sie oft bereits von Geburt an vorhanden, wohingegen sich die kutanen Neurofibrome meist erst im Laufe des Erwachsenenalters bilden. Je nach Lokalisation und Größe der plexiformen Neurofibrome können sie durch eine Funktionseinschränkung entsprechender Nerven zu einem Taubheitsgefühl und Lähmungen im betroffenen Gebiet führen.

Neurofibromatose

Ebenfalls zur Symptomatik zählen bestimmte Pigmentflecken der Haut, von Medizinern als Café-au-lait-Flecken bezeichnet. Sie können zwar auch bei Gesunden vorhanden sein, sind bei von Morbus Recklinghausen Betroffenen jedoch meist größer und zahlreicher. Besonders gehäuft treten sie im Bereich der Achsel und der Leiste auf. Aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu Sommersprossen benennen Ärzte dieses Phänomen bei Patienten auch als „Freckling“, was sich vom englischen Begriff „freckles“ (zu Deutsch Sommersprossen) ableitet.

Die Neurofibromatose Typ 2 kann sich dagegen in ihrer Symptomatik stark von der Neurofibromatose Typ 1 unterscheiden. Die typischen Milchkaffeeflecken sind in der Regel nicht vorhanden. Zu ersten Anzeichen der Erkrankung kommt es meist im jugendlichen oder jungen Erwachsenenalter in Form von motorischen Schwierigkeiten, einer Trübung der Augenlinse sowie einem allmählichen Gehörverlust und Tinnitus.

Welche Folgen hat die Erkrankung für Patienten?

Die Veränderungen des Nervensystems können bei Kindern zu Problemen beim Lernen führen. Motorische und sprachliche Fähigkeiten entwickeln sich möglicherweise langsamer.

In fünf bis zehn Prozent der Fälle entarten plexiforme Neurofibrome zu bösartigen Tumoren, was zu einer verkürzten Lebenserwartung führen kann. Zudem können die Hautveränderungen bei Morbus Recklinghausen zu psychischen Problemen führen, wenn Betroffene sie als kosmetisch störend empfinden.

Zusätzlich kann es neben den Symptomen an Haut und Nerven zu Knochenveränderungen wie Knochenbrüchen, Knochenzysten, Skoliose, Verformungen der Wirbelkörper und am Schädelknochen kommen. In manchen Fällen leiden Erkrankte auch an Augenveränderungen, hervorgerufen durch Tumore entlang des Sehnervs mit der Folge einer eingeschränkten Sehfähigkeit, sowie rundlichen, gelb-braunen Veränderungen der Iris (Lisch-Knötchen). Weitere Folgen sind mitunter ein verzögerter Pubertätseintritt, Fehlbildungen von Blutgefäßen und Tumore des Nebennierenmarks (Phäochromozytom).

Wie diagnostiziert der Arzt eine Neurofibromatose?

Zunächst erfolgt ein ausführliches Patientengespräch mit dem Arzt, in dem dieser sich unter anderem über die persönliche Krankengeschichte sowie Erkrankungen innerhalb der Familie informiert. Bei Vorliegen der Neurofibromatose in der Familie liefert dies dem Mediziner bereits einen ersten Hinweis. Anschließend kontrolliert er die Haut auf die typischen Hautveränderungen bei einer Neurofibromatose, die den Verdacht auf die Erkrankung nahe legen. Zusätzlich können Untersuchungen der Nerven, der Augen, der Ohren und des Skeletts stattfinden.

Neurofibromatose

Gegebenenfalls entnimmt der Arzt eine Gewebeprobe, die anschließend unter einem Mikroskop untersucht wird. Tumore, die äußerlich nicht erkennbar sind, lassen sich mittels Magnetresonanztomografie identifizieren. Zur Diagnosestellung des Morbus Recklinghausen sind verschiedene Kriterien bekannt:

  • Es lassen sich sechs oder mehr Café-au-lait-Flecken finden, die bei Patienten vor der Pubertät einen Durchmesser von mindestens fünf Millimetern beziehungsweise bei erwachsenen Patienten 15 Millimetern aufweisen.
  • Es kommt zum Auftreten von zwei oder mehr kutanen Neurofibromen oder eines plexiformen Neurofibroms.
  • Es besteht ein Tumor des Sehnervs, ein sogenanntes Optikusgliom.
  • An der Iris sind mindestens zwei Lisch-Knötchen vorhanden.
  • Die Haut in der Achsel- und Leistengegend ist durch eine sommersprossenartige Pigmentierung gekennzeichnet.
  • Bei Verwandten ersten Grades wurde die Diagnose Neurofibromatose Typ 1 gestellt.
  • Bei der Untersuchung des Skeletts kann der Arzt Knochenveränderungen wie Knochenzysten feststellen.

Liegen mindestens zwei dieser Kriterien vor, kann die Diagnose als gesichert gelten.

Wer ist am häufigsten von der Erkrankung betroffen?

Bei rund der Hälfte der Betroffenen ist die Neurofibromatose vererbt. Es handelt sich dabei um einen autosomal-dominanten Erbgang, woraus folgt, dass Kinder mit einem erkrankten Elternteil ein Risiko von 50 Prozent tragen, ebenfalls unter der Neurofibromatose zu erkranken. Bei der anderen Hälfte der Menschen mit einer Neurofibromatose ist die Erkrankung Folge einer spontanen, nicht vererbten Genmutation.

In diesem Fall kann prinzipiell jede Person von einer Neurofibromatose betroffen sein.

Schätzungen zufolge kommen in Deutschland auf 100.000 Einwohner 30 bis 40 an Neurofibromatose Typ 1 Erkrankte, woraus sich ein Erwartungswert von einem betroffenen Kind pro 2500 bis 3300 Geburten ergibt. Es bestehen keine unterschiedlichen Häufigkeiten in Bezug auf die verschiedenen Regionen der Erde oder diverser Ethnien. Männer erkranken allerdings etwas häufiger als Frauen.

Wie lässt sich die Neurofibromatose behandeln?

Eine ursächliche Behandlung der Neurofibromatose ist derzeit nicht möglich. Therapiemaßnahmen zielen daher in erster Linie darauf ab, die Beschwerden zu lindern.

Neurofibrome lassen sich operativ entfernen. Um neue Tumore rechtzeitig feststellen zu können, sind regelmäßige ärztliche Kontrolluntersuchungen angezeigt, die mindestens einmal jährlich erfolgen sollten. Sollten sich bösartige Tumore entwickelt haben, können Chemotherapie oder Strahlentherapie zum Einsatz kommen. Daneben können je nach vorhandenen Beschwerden unterstützende oder orthopädische Hilfsmittel-Versorgungen im Bereich der Augen, der Ohren, des Halses oder der Nase erforderlich sein.

Dazu zählen unter anderem Hörprothesen wie Cochlea-Implantate und auditorische Hirnstamm- oder Mittelhirnimplantate. Arzneimittel wie Phenytoin, Carbamazepin oder Valproinsäure können bei Krampfanfällen helfen. Zusätzlich ist eine begleitende psychosoziale Unterstützung betroffener Kinder und Familienangehöriger durch Psychotherapie oder im Rahmen von Selbsthilfegruppen ratsam. Auch bei erwachsenen Erkrankten kann eine psychologische Unterstützung sinnvoll sein.

Wann muss operiert werden?

Ein operativer Eingriff kann dann notwendig sein, wenn die Neurofibrome zu Schmerzen führen, ein schnelles Wachstum aufweisen oder bösartig sind. In vielen Fällen erfolgen Operationen ebenfalls, wenn die Tumore entstellen, beziehungsweise sie Betroffene als kosmetisch störend empfinden. Je nach Lage und Größe der Neurofibrome können Mediziner diese herausschneiden, lasern oder mit elektrischem Strom veröden.

Welche Risiken und Komplikationen können die Behandlungen mit sich bringen?

Die Operation eines Neurofibroms kann zu einem Funktionsausfall des betreffenden Nervs führen, wodurch bleibende Lähmungen entstehen können. Insbesondere wenn Nerven in den Tumor eingeschlossen sind, gestaltet sich der Eingriff häufig schwierig. Weitere Komplikationen, die bei anderen Operationen ebenfalls auftreten können, sind unter anderem Wundinfektionen, Blutungen, Schmerzen und Wundheilungsstörungen. Zudem besteht das Risiko, dass eine Operation und eine Strahlentherapie das Tumorwachstum begünstigen können. Mediziner müssen daher genau den Nutzen gegenüber dem Risiko abwägen.

Neurofibromatose

Wie sieht die Prognose aus?

Die Prognose der Erkrankung hängt im Wesentlichen vom Schweregrad des Verlaufs ab, der individuell sehr unterschiedlich ausfallen kann. Bestehen lediglich Hautveränderungen, ist der Krankheitsverlauf im Allgemeinen günstig. Bei einem Teil der Betroffenen kommen dagegen mehr oder weniger schwere Komplikationen vor. Insbesondere bei der Bildung bösartiger Tumore verschlechtert sich die Prognose und die Lebenserwartung kann eingeschränkt sein. Daher sind eine frühzeitige Diagnosestellung und ein rechtzeitiges Erkennen sowie Einleiten entsprechender Behandlungsmaßnahmen bei möglichen Komplikationen für den Krankheitsverlauf entscheidend. Voraussetzung hierfür ist die optimale Betreuung von Menschen mit Neurofibromatose, die nur bei einer engen Zusammenarbeit verschiedener medizinischer Fachdisziplinen gewährleistet sein kann.

Kann ich die Neurofibromatose vorbeugen?

Eine Neurofibromatose lässt sich nicht vorbeugen, da es sich um eine genetische Erkrankung handelt. Wir empfehlen, Betroffenen mit Kinderwunsch eine genetische Beratung in Anspruch zu nehmen, um sich über das Krankheitsrisiko für die Kinder zu informieren.

Übernehmen die Krankenkassen die Kosten?

Die Krankenkassen übernehmen im Normalfall die Kosten für erforderliche Diagnose- und Therapiemaßnahmen. Gegebenenfalls kann jedoch ein Selbstbehalt für Dich anfallen.

 

Quellen

MSD Manuals

Achse (letzter Zugriff: 20.08.2019)

Paracelsus Medizinische Privatuniversität


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Das Wichtigste zusammengefasst

Eine Neurofibromatose ist eine Gruppe genetischer Erkrankungen, bei denen es zu weichen, fleischigen Wucherungen veränderten Nervengewebes (Neurofibrome) kommt


Plexiforme Neurofibrome können zu bösartigen Tumoren entarten


Neurofibrome lassen sich operativ entfernen. Eine Strahlentherapie oder Chemotherapie können bei bösartigen Tumoren angezeigt sein


Eine Heilung der Erkrankung ist derzeit nicht möglich