Facettensyndrom (Spondylarthrose)

Bandscheibenvorfälle kennt jeder zumindest aus dem Bekanntenkreis. Sie verursachen starke Schmerzen und können auch zu neurologischen Ausfällen führen. Aber was ist, wenn anstatt der Bandscheibe der Wirbelkörper selbst sprichwörtlich aus den Fugen gerät und sich verschiebt? Dann nennt man das Krankheitsbild ‚Facettensyndrom‘. Was es damit genau auf sich hat und wie die Ursachen eines Facettensyndroms aussehen, erklären wir hier.


AUTOR

Medizinischer Experte

CO-AUTOR

Online-Redaktion

Dieser Text wurde nach höchsten wissenschaftlichen Standards verfasst und von Medizinern geprüft.


Zuletzt aktualisiert: 24. Juni, 2020



Hinweis: Dieser Beitrag dient zur Information über das Facettensyndrom. Es ist jedoch möglich, dass einzelne der hier aufgeführten Leistungen noch nicht von unseren Ärzten angeboten werden. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, Dir bald für weitere Behandlungsfelder einen Spezialisten bieten zu können. Bei Fragen zu unserem Leistungsspektrum kannst Du Dich gerne jederzeit bei uns melden!

Was versteht die Medizin unter einem Facettensyndrom?

In der Medizin bezeichnet man mit dem Begriff „Facettensyndrom“, auch Spondylarthrose genannt, Rückenbeschwerden, die eine Gleitbewegung einzelner Wirbelkörper nach vorne oder in selteneren Fällen nach hinten verursacht. Wenn sich ein einzelner Wirbel aus seinem Gelenk löst, verschiebt sich mit ihm auch der über ihm liegende Teil der Wirbelsäule. Das alles kann zu teilweise starken Schmerzen führen. Mediziner unterscheiden zusätzlich noch verschiedene Schweregrade des Facettensyndroms: Mit den Graden I bis IV nach Meyerding bezeichnet man, wie weit der Wirbel sich von seiner ursprünglichen Position entfernt hat. Ein komplettes Herauskippen des Wirbels aus seiner Position ohne jedweden Kontakt zu den unteren Wirbeln nennen Ärzte dann „Spondyloptose“. Zusätzlich lässt sich das Facettensyndrom auch noch nach Ort der Entstehung bezeichnen: Bei einem zervikalen Facettensyndrom ist ein Wirbelkörper in der Halswirbelsäule betroffen, beim thorakalen Facettensyndrom die Brustwirbelsäule, und beim lumbalen Facettensyndrom die Lendenwirbelsäule.

Facettensyndrom

Wie sehen die Symptome beim Facettensyndrom aus?

Die Symptome eines Facettensyndroms können vielfältig sein. In den meisten Fällen und bei schwacher Ausprägung verläuft das Facettensyndrom asymptomatisch, Betroffene bemerken also keinerlei Einschränkungen. In schwereren Fällen stellen belastungsabhängige Schmerzen ein Hauptsymptom dar. Oftmals sind diese Schmerzen dumpf und nicht genau lokalisierbar, treten sowohl ein- als auch beidseitig auf und können in Gesäß und Beine ausstrahlen. Tritt das Facettensyndrom an den Halswirbeln auf, strahlen die Schmerzen eher in Schultern und Arme aus. Auch Druckschmerzen können ein Symptom des Facettensyndroms darstellen, ebenso wie Steifheit im betroffenen Wirbelsäulenabschnitt. Charakteristisch ist zudem ein zunehmender Schmerz im Laufe des Tages. Während das Liegen unsere Wirbelsäule in der Nacht entlastet, belastet das aufrechte Gehen sie am Tag. Dies wiederum verstärkt den Schmerz. Unter Umständen können diese Beschwerden zu starken Einschränkungen im Alltag führen.

Welche Ursachen hat ein Facettensyndrom?

Die genaue Ursache des Facettensyndroms ist noch ungeklärt. Infrage kommt unter anderem eine altersbedingte, degenerative Veränderung im Knochen, die Arthrose. Durch diese verändern sich die Facettengelenke zwischen den Wirbeln und können sich unter Umständen voneinander lösen. Aber auch vorangegangene Bandscheiben-Beschwerden könnten die Ursache für ein Facettensyndrom darstellen. Weil Bandscheiben und Facettengelenke sehr eng beieinanderliegen und sich ihre Funktionen überschneiden, beeinflusst eine Veränderung der Bandscheibe auch die Lage des Facettengelenks. Zudem können Zysten oder Bindegewebswucherungen wie Ganglien in der Nähe der Gelenke ein Facettensyndrom auslösen. Diese entwickeln sich besonders in stark beanspruchten Bereichen des Rückens wie der Lendenwirbelsäule. Dort drücken sie dann auf die aus dem Rückenmark austretenden Nerven und verursachen starke Schmerzen. Ebenfalls kommen Spinalkanalstenosen, also Verengungen des Rückenmark-Kanals, als Ursache des Facettensyndroms infrage. Neben Schmerzen können sie auch zu direkten Gelenkproblemen führen.

Schließlich können auch chronische Muskelverspannungen eine Ursache des Facettensyndroms darstellen. Denn starke wiederkehrende Verspannungen führen unter anderem zu Instabilität in der Wirbelsäule, welche wiederum zu einem Facettensyndrom beiträgt. Zu betonen ist aber auch die entscheidende Rolle von übertragenen Schmerzen im Rahmen der Diagnose Facettensyndrom. Beschwerden in Organen können sich auf andere Bereiche des Körpers dadurch übertragen, dass die Schmerzsignale verschiedener Körperteile im gleichen Nerv verlaufen. Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse können so zum Beispiel die Beschwerden eines Facettensyndroms imitieren.

Wie diagnostiziert der Arzt ein Facettensyndrom?

Um ein Facettensyndrom zu diagnostizieren, führt der Arzt zunächst eine körperliche Untersuchung durch. Bei dieser klopft er unter anderem auf die Wirbelsäule, um Schmerzareale festzustellen und andere Rückenbeschwerden auszuschließen. Eine Verstärkung des Schmerzes in der Rückbeuge stellt zudem einen Hinweis auf ein Facettensyndrom dar. Auch eine generelle Einschränkung in der Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule kann den Verdacht verstärken. Bildgebende Verfahren wie Röntgen, Computertomografie (CT) und Magnet-Resonanz-Tomografie (MRT) können bei der Diagnosestellung ebenfalls hilfreich sein. Sie ermöglichen einen genaueren Blick auf die Wirbelsäule und die Facettengelenke, ebenso wie auf den Wirbelkanal und das Rückenmark, und können so wichtige Hinweise liefern. Allerdings erkennt man beim konventionellen Röntgen nur starke Veränderungen der Facettengelenke, für eine genauere Diagnostik eignet sich eine Verbindung von MRT und CT. Mit keinem dieser Verfahren ist aber sicher ein Facettensyndrom auszuschließen.

Facettensyndrom

Zur Diagnosestellung benötigt man letztendlich eine Mischung aus Krankheitsgeschichte, körperlicher Untersuchung und bildgebenden Verfahren. Einen weiteren Hinweis auf ein Facettensyndrom kann auch eine Facetteninjektion geben. Hierbei spritzt der Facharzt unter Röntgenkontrolle eine Mischung aus lokalen Betäubungsmitteln und Kortison in den Kapselraum der Facettengelenke. Dies betäubt den zwischen den Facettengelenken verlaufenden Nerv. Wenn dadurch die Schmerzen verschwinden, spricht dies für ein Facettensyndrom. Schließlich kann auch eine sogenannte Schmerzprovokation durchgeführt werden. Dies spielt vor allem eine Rolle, wenn eine operative Sanierung des Facettensyndroms im Raum steht. Um den Ort des Schmerzes genau festzustellen und sicherzugehen, dass die Facettengelenke der Auslöser sind, spritzt der Therapeut eine verhältnismäßig große Menge hochprozentiger Salzlösung in die Gelenkkapsel. Liegt wirklich ein Facettensyndrom vor, verstärkt dies den Schmerz deutlich.

Wer ist am häufigsten davon betroffen?

Vom Facettensyndrom besonders betroffen sind junge Frauen. Der Altersgipfel des Erkrankungsbeginns liegt zwischen 12 und 17 Jahren. Sportarten, die vor allem die Beweglichkeit trainieren, wie beispielsweise Kunstturnen, können die Entstehung eines Facettensyndroms deutlich begünstigen. Auch Delphinschwimmen, Gewichtheben und Speerwerfen belasten vor allem die Lendenwirbelsäule, an der das Facettensyndrom am häufigsten auftritt. Doch auch ab dem 50. Lebensjahr lässt sich noch mal ein deutlicher Anstieg an Personen erkennen, die unter dem Facettensyndrom leiden.

Welche Folgen hat das Facettensyndrom für die Patienten?

Die Folgen der Erkrankung sind stark von der Ausprägung des Facettensyndroms abhängig. Die meisten degenerativen Veränderungen der Facettengelenke verursachen keinerlei Symptome oder nur leichte Beschwerden. Bei starkem Wirbelgleiten oder schon anatomisch ungünstigen Verhältnissen in den Wirbelgelenken, kann die Erkrankung zu starken Schmerzen und sogar neurologischen Ausfällen wie Sensibilitätsverlusten in betroffenen Arealen führen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Auch die Therapie eines Facettensyndroms hängt sehr stark von der Ausprägung der Symptome ab. Die Behandlungsmöglichkeiten reichen von einfachen Schmerzmitteln wie Ibuprofen über stärkere Medikamente bis zu einer operativen Sanierung des Wirbelgleitens. Zunächst beginnt der Arzt die Therapie mit einfachen, als Tabletten eingenommen Schmerzmitteln. Helfen diese nicht ausreichend, kann man eine Infiltrationstherapie in das Facettengelenk mit lokalen Betäubungsmitteln und Kortison in Erwägung ziehen. Außerdem kann das regelmäßige Tragen eines speziell angefertigten Korsetts durch eine Entlastung des betroffenen Wirbelabschnitts zu teilweise deutlichen Verbesserungen führen. Wie bei den meisten Erkrankungen der Wirbelsäule ist auch regelmäßige Krankengymnastik wichtig für den Therapieerfolg.

Bei Physiotherapeuten und Fachärzten kann man außerdem eine sogenannte Transkutane Nervenstimulation (TENS) durchführen. Bei dieser Behandlungsmethode stimulieren elektrische Signale, die sich über Elektroden auf der Haut auf das darunterliegende Gewebe übertragen, die überreizten Nerven und führen zu einer zeitweiligen Blockierung einlangender Schmerzsignale. Gerade bei chronischen Schmerzzuständen hat sich dieses Verfahren bewährt. Zudem gibt es die Möglichkeit einer Ultraschall- oder Wärmetherapie, aber auch bestimmte physiotherapeutische Übungen können dazu führen, dass sich die Symptome stetig verbessern und sogar komplett verschwinden. In einigen Fällen ist auch ein Chiropraktiker die richtige Anlaufstelle. Mit sanften Bewegungen justiert dieser die Wirbel wieder an die richtige Stelle und kann so den Schmerz verringern oder ganz nehmen.

Facettensyndrom

Wann muss bei einem Facettensyndrom operiert werden?

Kommt zu neurologischen Ausfällen, wie Sensibilitätsstörungen in einzelnen Arealen ist eine operative Therapie in Erwägung zu ziehen. Die Entscheidung trifft letztendlich der Facharzt in einer Zusammenschau von klinischen Symptomen und den Befunden der bildgebenden Verfahren. Außerdem spricht ein Ausbleiben jeglichen Therapieerfolgs mit konservativen Therapien und eine deutliche Einschränkung im Alltag für eine Operation.

Wie verläuft die Operation bei einem Facettensyndrom?

Die Operationsmethode eines Facettensyndroms ist stark von seiner Ausprägung abhängig.

Mit einer minimalinvasiven Facettenkoagulation, bei der der Arzt nur einen kleinen Schnitt setzt, um zum betroffenen Facettengelenk zu gelangen, kann man in manchen Fällen eine Besserung erzielen. Bei dieser Methode führt der Chirurg eine spezielle Elektrode zum betroffenen Gelenk, um dort die für die Weiterleitung des Schmerzes zuständigen Nerven zu veröden. Dieses Verfahren nennen Spezialisten Radiofrequenz-Neurotomie. In schweren Fällen kann aber auch eine operative Versteifung des ganzen betroffenen Wirbelsäulenabschnitts nötig sein.

Was muss ich nach der Operation beachten?

Was nach der Operation zu beachten ist, ist stark von der gewählten Operationsmethode abhängig. Während man bei einem minimalinvasiven Eingriff spätestens nach einigen Wochen wieder alle Bewegungen ausführen und nur am Tag der Operation selbst nicht am Straßenverkehr teilnehmen darf, zieht sich die Rehabilitation bei einer Versteifung eines Wirbelsäulenabschnitts länger. Sportliche Aktivitäten dürfen Patienten nach dieser Operation beispielsweise erst nach drei Monaten wieder ausüben. Die Einzelheiten, sowie etwaige Reha-Aufenthalte, bespricht man am besten schon zuvor mit dem Operateur.

Wie lange bin ich arbeitsunfähig?

Bei einer minimalinvasiven Neurotomie beträgt die Zeit der Arbeitsunfähigkeit nur drei bis vier Tage. Nach einer Spondylodese, wie Mediziner eine Wirbelgelenksversteifung nennen, ist ein deutlich längere Rehabilitationszeit nötig. Die genaue Länge der Arbeitsunfähigkeit hängt jedoch stark von den körperlichen Belastungen der Arbeit ab und liegt zwischen sechs Wochen und einem halben Jahr.

Welche Risiken und Komplikationen können auftreten?

Operationen an der Wirbelsäule sind immer mit Risiken verbunden. Bei einer Neurotomie beschränken sich diese aber in der Regel auf Entzündungen der Operationsstelle und zeitlich begrenzte Druckschmerzen. Ein größerer Eingriff wie die Wirbelgelenkversteifung kann dauerhafte Sensibilitätsstörungen, anhaltende Schmerzen und deutliche Bewegungseinschränkung zur Folge haben.

Kann ich dem Facettensyndrom vorbeugen?

Regelmäßiger, rückenschonender Sport stärkt die Rückenmuskulatur und entlastet so beanspruchte Wirbelsäulengebiete. Gleichzeitig kann man durch den Verzicht auf Sportarten wie Kunstturnen das Risiko für ein Facettensyndrom verringern.

Facettensyndrom

Übernehmen die Krankenkassen die Kosten?

Die Krankenkassen übernehmen in der Regel alle Kosten für die Therapie eines Facettensyndroms. Bei einigen alternativmedizinischen Therapien wie Akupunktur sollte man sich allerdings genauer erkundigen.

 

Quellen

Aerzteblatt.at

AWMF (letzter Zugriff: 16.07.2019)

Stein, V. et al.: „Leitlinie zur konservativen und rehabilitativen Versorgung bei Bandscheibenvorfällen mit radikulärer Symptomatik“, OUP Orthopädische und Unfallchirurgische Zeitschrift, 02/2014


Dauer Dauer

20-30 Minuten

Ausfallzeit Ausfallzeit

Bis zu 6 Wochen

Stationärer Aufenthalt Stationär

7-10 Tage

Das Wichtigste zusammengefasst

Unter einem Facettensyndrom versteht man Rückenbeschwerden durch eine in den meisten Fällen abnutzungsbedingte Veränderung im Facettengelenk zwischen den Wirbelkörpern


Die Hauptsymptome eines Facettensyndroms sind bewegungsabhängige, über den Tag stärker werdende Schmerzen


Oft ist eine konservative Therapie in Form leichter Schmerzmittel und regelmäßiger Physiotherapie ausreichend. Bei schweren Formen können Betroffene eine operative Therapie in Erwägung ziehen


Zur Vorbeugung eignet sich vor allem ein schonender Aufbau der Rückenmuskulatur durch regelmäßige Bewegung

Arzt finden