Multiple Sklerose (MS)

Die Multiple Sklerose gilt als die häufigste chronisch-entzündliche Erkrankung des Nervensystems und betrifft weltweit ca. 2,5 Millionen Menschen, wobei Frauen tendenziell häufiger betroffen sind als Männer. Obwohl eine tatsächliche Heilung der Erkrankung bislang nicht existiert, sind heutzutage hochpotente Medikamente am Markt, die die MS gut behandelbar machen, sodass schwere Behinderungen sehr selten geworden sind und die betroffenen Patienten meist auf eine gute Lebenserwartung hoffen dürfen.


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Zuletzt aktualisiert: 5. Juni, 2020



Was versteht die Medizin unter Multiple Sklerose?

Bei der Multiplen Sklerose handelt es sich um eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Durch autoimmunologisch vermittelte Reaktionen kommt es zur sogenannten Demyelinisierung, also zum Abbau der die Nervenfasern umgebenden Schutzschicht (Myelinscheide), wodurch die Nervenleitgeschwindigkeit abnimmt. Fehlerhafte Antikörper richten sich dabei gegen körpereigenes Gewebe, die Myelinscheide, und greifen diese an. Mit steigender Anzahl der Entzündungsphasen degenerieren die Nerven selbst und führen dabei zu nicht mehr zurückbildbaren Defiziten. Die Entzündungsherde können das gesamte zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) betreffen und dadurch sehr unterschiedliche neurologische Symptome verursachen.

Bei der Multiplen Sklerose handelt es sich um eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems

Wie sehen die Symptome einer Multiplen Sklerose aus?

Je nachdem welche Region des Nervensystems beziehungsweise des Gehirns betroffen ist, treten unterschiedliche neurologische Symptome auf. Dies sind in erster Linie entweder motorische oder sensible Ausfälle.

 

Die Einschränkung des motorischen Systems führt zu Bewegungsstörungen, Lähmungserscheinungen, Muskelschwäche, Muskelkrämpfen, Schluck- und Sprechstörungen sowie verlangsamter Muskelaktivität. Eine Erhöhung des Muskeltonus, also der Anspannungskraft der Muskulatur, führt zu krampfartigen Schmerzen und großflächigen Muskelverspannungen, auch ein sogenannter Tremor (Muskelzittern) ist typisch. Sensible Einschränkungen zeigen sich in Form von Sensibilitätsstörungen, Kribbelempfindungen, Taubheitsgefühlen oder brennenden Schmerzen.

 

Ein Befall des Sehnervs, führt zu Sehstörungen, Abnahme der Sehschärfe oder einem schleierartigen Sehen. Bei Entzündungsherden im Bereich des Kleinhirns ist vor allem die Feinmotorik betroffen, wodurch vor allem Gangunsicherheiten und Gleichgewichtsstörungen entstehen. Kognitives System: Auch Konzentration, Leistungsfähigkeit und Gedächtnis sind
betroffen. Bei Entzündungsherden an den unteren Rückenmarksabschnitten kann es zu Harnblasen- und Darmentleerungsstörungen kommen, da sowohl die motorische Schließmuskulatur als auch jene Nerven, die Signale über den Füllungszustand ans Gehirn schicken, beeinträchtigt sein können.

Was sind die Ursachen für eine Multiple Sklerose?

Eine eindeutige Ursache der Multiplen Sklerose konnte bis heute nicht sicher festgestellt werden. Angenommen wird ein Zusammenspiel aus mehreren Faktoren – dazu gehört die genetische Prädisposition, Autoimmunprozesse, aber auch Lebensstil und Umwelteinwirkungen. Diskutiert wird die MS immer wieder als Autoimmunerkrankung, bei der infolge einer Infektion durch unterschiedliche Viren (die häufig nur sehr milde oder gar symptomlos verläuft) Antikörper gegen die schützenden Myelinscheiden gebildet werden.

Eine eindeutige Ursache der Multiplen Sklerose konnte bis heute nicht sicher festgestellt werden

Welche Formen der Multiplen Sklerose gibt es?

Es lassen sich drei Formen bezüglich Verlauf, Symptombeginn und -schwere unterscheiden:

 

Schubförmiger Verlauf

 

Hier verläuft die Erkrankung in Schüben, diese gehen mit einem raschen Symptombeginn und durchaus auch schweren Beeinträchtigungen einher, welche sich nach dem Schub vollständig zurückbilden. Über die Jahre hinweg bleiben je nach Anzahl und Schwere der Schübe Beeinträchtigungen zurück, die durch die immer wiederkehrenden Entzündungen und Vernarbungen entstehen.

 

Primäre-progredienter Verlauf

 

Dieser verläuft völlig ohne Entzündungsschübe, sondern ist von einer kontinuierlichen schleichenden Zunahme der neurologischen Defizite gekennzeichnet.

 

Sekundär-progredienter Verlauf

 

Bei dieser Form lassen sich zwar auch einzelne Schübe abgrenzen, diese treten allerdings nicht so zahlreich auf, wie beim typisch schubförmigen Verlauf und bilden sich auch nicht vollständig zurück. Dadurch kommt es zu einer stetigen Zunahme der Symptomatik.

Wie lässt sich Multiple Sklerose diagnostizieren?

Die Diagnose wird in Zusammenschau mehrerer Kriterien gestellt. Dazu gehört das sowohl zeitlich als auch örtlich versetzte Auftreten von entzündlichen Veränderungen – sprich mindestens zwei Schübe mit mindestens zwei unterschiedlichen neurologischen Ausfällen müssen vorhanden sein. Zusätzlich werden MRT-Befunde und die sogenannte Liquordiagnostik (Entnahme und mikroskopische Untersuchung des Gehirnwassers) zurate gezogen. Bei der progredient verlaufenden Form wird die Zunahme der Symptome über ein Jahr beurteilt und zusätzlich MRT- und Liquorbefund hinzugezogen.

Zur Behandlung von Multiple Sklerose kommen in der Regel Medikamente zum Einsatz

Welche Folgen hat Multiple Sklerose für den Betroffenen?

Die Erkrankung ist grundsätzlich nicht heilbar. Mit einer guten medikamentösen Einstellung und Unterstützung durch Physiotherapie und Ergotherapie ist ein weitgehend normales Privat- und Berufsleben allerdings durchaus möglich. Die Folgen der Erkrankung sind wie auch die Symptome sehr unterschiedlich. Manche Patienten, vor allem jene mit progredientem Verlauf, sind mitunter stark beeinträchtigt, in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkt, ermüden rasch und sind weniger leistungs- und konzentrationsfähig.

Wie ist der Verlauf einer Multiplen Sklerose?

Der Verlauf der Erkrankung richtet sich grundsätzlich nach der vorhandenen MS-Form, in diesem Spektrum können allerdings erhebliche individuelle Unterschiede bestehen. Patienten mit schubhaft verlaufenden Formen sind während eines akuten Schubs häufig sehr stark eingeschränkt, befinden sich im Krankenstand, da sie durch den Leistungsabfall und die Einschränkung der Beweglichkeit nicht arbeiten können, sind hingegen in den schubfreien Perioden häufig (vor allem in den ersten Jahren nach Krankheitsausbruch) wenig bis gar nicht eingeschränkt.

 

Patienten mit der sich kontinuierlich verschlechternden Form haben in der Regel einen rascheren Krankheitsverlauf und müssen früher mit gewissen Einschränkungen im Alltag und im Berufsleben rechnen.

Welche Komplikationen können auftreten?

Komplikationen treten am ehesten nach sehr fortgeschrittenem Krankheitsverlauf oder schlechter medikamentöser Einstellung auf. Dazu gehören anhaltende Lähmungserscheinungen, die eine Fortbewegung ohne Krücken oder Rollstuhl unmöglich machen, starke Muskelkrämpfe, Epilepsien und Anfälligkeit für Infektionen (Lungenentzündung).

Zusätzlich zur medikamentösen Therapie sollten stets begleitend Bewegungstraining in Form von Physiotherapie, Logopädie, Ergotherapie oder etwaigen Reha-Aufenthalten stattfinden

Wie lässt sich Multiple Sklerose behandeln?

In der Behandlung unterscheidet man zwischen der Dauertherapie und der Anfallstherapie, die nur im akuten Schub zur Anwendung kommt. Zur Behandlung des akuten Schubs werden vor allem Steroide (Cortison) verabreicht. Diese sind äußerst wirksam, indem sie das Immunsystem hinunterregulieren und die übermäßige Entzündungsreaktion dadurch bremsen. Es handelt sich hierbei um keine Dauertherapie, da eine Einschränkung des Immunsystems stets auch mit der erhöhten Gefahr von Infektionen einhergeht. Eine effiziente und rasch einsetzende Behandlung des akuten Schubs ist die wichtigste Maßnahme und dauerhafte Defizite zu vermeiden.

 

Die Dauertherapie zielt darauf ab, das Immunsystem langfristig zu modulieren und dadurch die Schubfrequenz zu vermindern. Zur Anwendung kommen Interferone und sogenannte Biologika (biotechnologisch hergestellte Medikamente), Letztere greifen sehr gezielt bestimmte Rezeptoren an und bewirken dadurch eine verminderte Tätigkeit bestimmter Zellen (beispielsweise Lymphozyten).

 

Zusätzlich zur medikamentösen Therapie sollten stets begleitend Bewegungstraining in Form von Physiotherapie, Logopädie, Ergotherapie oder etwaigen Reha-Aufenthalten stattfinden.

Kann ich Multiple Sklerose vorbeugen?

Grundsätzlich nein. Es wird zwar vermutet dass Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Ernährung oder Übergewicht zur Erkrankungsentstehung beitragen, umgekehrt ist allerdings eine Aussage darüber, ob lediglich ein gesunder Lebensstil die Entstehung der Erkrankung verhindert, nicht möglich.

Was kann ich selbst gegen Multiple Sklerose tun?

Im Falle der schubförmig verlaufenden MS steht oftmals ein bestimmte Trigger, meist Stress, als Auslöser im Vordergrund. Dementsprechend sollten Betroffene lernen, mit Stressfaktoren umzugehen beziehungsweise diese so gut als möglich vermeiden, was häufig auch mit einer beruflichen Umstellung einhergeht. Begleitende Psychotherapie kann hier durchaus hilfreich und sinnvoll sein.

Begleitende Psychotherapie kann durchaus hilfreich und sinnvoll sein

Übernehmen die Krankenkassen die Kosten?

Grundsätzlich ja, häufig ist es allerdings ein langer Weg, bis das individuell passende Medikament gefunden wird, da die Kassen hier schrittweise Genehmigungen erteilen und Kosten für hochwirksame Biologika meist erst übernehmen, wenn andere Medikamentenklassen versagt haben. Auch Kosten für Physiotherapie, Ergotherapie und Rehabilitation werden in der Regel bei bestehender Notwendigkeit und hausärztlicher Anordnung übernommen.


Dauer Dauer

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Ausfallzeit Ausfallzeit

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Stationärer Aufenthalt Stationär

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Das Wichtigste zusammengefasst

Unter Multiple Sklerose wird eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Nervensystems verstanden, bei der nach momentanen Stand der Forschung Autoimmunprozesse ursächlich im Vordergrund stehen


Drei verschiedene Formen der MS können beobachtet werden – eine mit schubhaften Verlauf, bei der sich nach einem kurzen, symptomreichen Intervall die Beschwerden wieder vollständig zurückbilden, eine mit stetig progredientem, schublosen Verlauf und eine Zwischenform, die Merkmale von beidem vorweist


MS wird nicht ohne Grund als “Erkrankung der vielen Gesichter” bezeichnen. Je nach betroffenen Areal im Gehirn oder Rückenmark treten unterschiedliche Symptome auf, diese können von Patient zu Patient und von Schub zu Schub variieren


Die Therapie der MS ist stets multimodal, setzt sich also sowohl aus dem Einsatz von Medikamenten als auch unterschiedlichen bewegungstherapeutischen Ansätzen (Physiotherapie, Heilgymnastik, Ergotherapie, Logopädie, Reha,...) zusammen. Zudem gibt es zahlreiche Organisationen und Hilfsnetzwerke, die sich auf psychotherapeutische Betreuung und Unterstützung beim Umgang mit Beruf, Familie und Beziehung spezialisiert haben

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