Keine Lust auf Sex zu haben ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Das sexuelle Verlangen schwankt bei jedem Menschen, mit dem Alter, der Lebensphase, dem Stresslevel und dem Zustand der Beziehung. Von Libidoverlust sprechen Ärzte erst, wenn die Lust über einen längeren Zeitraum deutlich nachlässt oder verschwindet und Du darunter leidest. Genau dieser Leidensdruck unterscheidet ein Problem von einer Phase. In diesem Beitrag erfährst Du, welche körperlichen und seelischen Ursachen bei Frauen und Männern hinter einem Libidoverlust stecken, welche Laborwerte bei der Abklärung sinnvoll sind, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt und wann Du welche Fachrichtung aufsuchen solltest.
Das Wichtigste in Kürze
Libidoverlust ist erst dann ein medizinisches Thema, wenn die fehlende Lust über Monate anhält und Dich selbst oder Deine Beziehung belastet. Bei Frauen und Männern stecken häufig körperliche Ursachen dahinter, etwa Hormonveränderungen, Schilddrüsenstörungen, Depressionen, Diabetes oder Nebenwirkungen von Medikamenten.
Die Diagnostik umfasst ein ausführliches Gespräch, eine körperliche Untersuchung und Laborwerte wie Testosteron, Prolaktin, TSH, Östradiol und Blutzucker. Die Behandlung setzt an der gefundenen Ursache an und bezieht bei Bedarf die Partnerschaft und eine sexualmedizinische Beratung ein.
Was bedeutet Libidoverlust überhaupt?
Der Begriff Libido stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Begierde oder Verlangen. In der Medizin beschreibt er das sexuelle Interesse, also den Wunsch nach sexueller Aktivität, sexuelle Fantasien und die Empfänglichkeit für erotische Reize. Libido ist nicht dasselbe wie Erregung oder Erektion: Ein Mann kann eine Erektion bekommen, ohne Lust zu empfinden, und eine Frau kann Lust haben, ohne körperlich erregt zu sein. Diese Trennung ist wichtig, weil Erektionsstörungen und Libidoverlust unterschiedliche Ursachen und Behandlungen haben, auch wenn sie häufig gemeinsam auftreten.
Im internationalen Klassifikationssystem ICD-11 wird ein anhaltender Mangel an sexuellem Verlangen als Störung mit verminderter sexueller Lust bezeichnet. Die Diagnose setzt voraus, dass das Problem seit mindestens sechs Monaten besteht, in den meisten sexuellen Situationen auftritt und einen klinisch bedeutsamen Leidensdruck verursacht. Wer keine Lust hat und damit zufrieden ist, hat definitionsgemäß keine Störung. Wichtig ist auch die Unterscheidung zwischen einem Libidoverlust, der schon immer bestand, und einem erworbenen, also neu aufgetretenen Verlust. Ein neu aufgetretener Libidoverlust nach Jahren normaler Lust ist ein stärkerer Hinweis auf eine körperliche oder situative Ursache.
Bevölkerungsstudien deuten darauf hin, dass etwa jede dritte Frau und etwa jeder sechste bis siebte Mann zumindest zeitweise ein deutlich vermindertes sexuelles Verlangen erlebt. Mit Leidensdruck, also als behandlungsbedürftige Störung, betrifft es etwa zehn Prozent der Frauen und einen etwas geringeren Anteil der Männer. Bei Männern nimmt die Häufigkeit mit dem Alter zu, bei Frauen ist der Zusammenhang mit dem Alter weniger eindeutig, weil Lebensphasen wie Schwangerschaft, Stillzeit und Wechseljahre eine große Rolle spielen.
Welche körperlichen Ursachen können hinter Libidoverlust stecken?
Sexuelles Verlangen entsteht im Gehirn, wird aber stark von Hormonen, vom Nervensystem, von der Durchblutung und vom allgemeinen Gesundheitszustand beeinflusst. Entsprechend viele körperliche Faktoren können die Lust dämpfen.
An erster Stelle stehen die Hormone. Testosteron ist bei beiden Geschlechtern der wichtigste Antreiber des sexuellen Verlangens. Bei Männern sinkt der Testosteronspiegel ab etwa 40 Jahren langsam ab, bei manchen Männern deutlich stärker als bei anderen. Ein ausgeprägter Testosteronmangel, der sogenannte Hypogonadismus, äußert sich neben Libidoverlust in Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Muskelabbau, Zunahme von Bauchfett, Stimmungstiefs und oft auch in Erektionsstörungen. Ursachen können das Alter, starkes Übergewicht, Diabetes, Schlafapnoe, Erkrankungen der Hoden oder der Hirnanhangsdrüse und die Einnahme von Anabolika oder Opioiden sein. Bei Frauen produzieren Eierstöcke und Nebennieren ebenfalls Testosteron, wenn auch in geringerer Menge. Nach der operativen Entfernung der Eierstöcke, unter der Pille und in den Wechseljahren kann der Spiegel sinken, wobei der Zusammenhang zwischen Testosteronwert und Lust bei Frauen deutlich lockerer ist als bei Männern.
Östrogen beeinflusst bei Frauen die Lust eher indirekt. Ein Östrogenmangel in der Perimenopause und nach den Wechseljahren führt zu Scheidentrockenheit, dünnerer Schleimhaut und Schmerzen beim Sex, was die Lust auf Dauer erstickt. Auch Hitzewallungen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen in dieser Phase wirken sich aus. In der Stillzeit sind Östrogen niedrig und Prolaktin hoch, weshalb viele Frauen in den Monaten nach der Geburt kaum sexuelles Verlangen spüren.
Prolaktin ist ein Hormon der Hirnanhangsdrüse, das die Milchbildung anregt und gleichzeitig die Sexualhormone bremst. Ein erhöhter Prolaktinspiegel außerhalb von Schwangerschaft und Stillzeit ist eine wichtige und oft übersehene Ursache von Libidoverlust bei beiden Geschlechtern. Auslöser können ein gutartiger Tumor der Hirnanhangsdrüse, eine Schilddrüsenunterfunktion oder Medikamente wie Antipsychotika und manche Mittel gegen Übelkeit sein.
Die Schilddrüse ist ein weiterer häufiger Faktor. Eine Schilddrüsenunterfunktion verlangsamt den gesamten Stoffwechsel und macht müde, antriebslos und lustlos, eine Überfunktion führt zu innerer Unruhe und Erschöpfung. Beides kann das sexuelle Verlangen dämpfen und lässt sich mit einem einfachen Blutwert erkennen.
Chronische Erkrankungen wirken auf mehreren Wegen. Diabetes schädigt auf Dauer Nerven und Gefäße, senkt bei Männern das Testosteron und ist eng mit Erektionsstörungen verknüpft. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Nierenerkrankungen, Lebererkrankungen, Multiple Sklerose, chronische Schmerzen und Krebserkrankungen zehren an Energie und Körpergefühl. Übergewicht und ein ungünstiger Stoffwechsel senken das Testosteron und erhöhen Entzündungsmarker, was ebenfalls mit geringerer Lust verbunden ist. Schlafmangel und Schlafapnoe drücken den Testosteronspiegel messbar, schon eine Woche mit fünf Stunden Schlaf senkt ihn bei jungen Männern um etwa zehn bis 15 Prozent.
Welche Medikamente können die Libido senken?
Medikamente gehören zu den häufigsten und am besten behandelbaren Ursachen von Libidoverlust, weil sich oft eine Alternative finden lässt. Am bekanntesten ist der Effekt von Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, die bei einem großen Teil der Behandelten das Verlangen, die Erregbarkeit und die Orgasmusfähigkeit beeinträchtigen. Auch Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer und manche Antipsychotika haben diesen Effekt, während einzelne andere Antidepressiva die Sexualfunktion weniger stark oder gar nicht beeinträchtigen.
Blutdrucksenker aus der Gruppe der Betablocker und bestimmte Entwässerungsmittel können Lust und Erektion dämpfen, neuere Substanzklassen wie ACE-Hemmer und Sartane sind in dieser Hinsicht meist unproblematisch. Opioide zur Schmerztherapie senken das Testosteron erheblich. Medikamente gegen Haarausfall und gutartige Prostatavergrößerung, die das Enzym 5-alpha-Reduktase hemmen, führen bei einem Teil der Männer zu Libidoverlust und Erektionsstörungen. Bei Frauen kann die Pille durch die Erhöhung des Sexualhormon-bindenden Globulins das freie Testosteron senken, was bei einem Teil der Anwenderinnen die Lust vermindert.
Setz ein Medikament nie eigenmächtig ab. Sprich stattdessen die Nebenwirkung offen an. Oft gibt es eine Alternative mit gleicher Wirkung und geringerem Einfluss auf die Sexualität, oder die Dosis lässt sich anpassen.
Welche Rolle spielen Psyche, Stress und Beziehung?
Auch wenn dieser Beitrag die körperlichen Ursachen betont, ist Libidoverlust in den meisten Fällen ein Zusammenspiel aus Körper, Psyche und Beziehung. Depressionen gehören zu den häufigsten Ursachen überhaupt: Der Verlust von Freude und Interesse, der eine Depression kennzeichnet, betrifft auch die Sexualität, oft schon bevor die Erkrankung erkannt wird. Umgekehrt kann ein anhaltender Libidoverlust selbst eine depressive Verstimmung auslösen, weil er das Selbstwertgefühl und die Partnerschaft belastet. Angststörungen, Burnout und posttraumatische Belastungen wirken ähnlich.
Chronischer Stress hat einen direkten hormonellen Effekt. Das Stresshormon Cortisol steht in einem Gegenspiel zu den Sexualhormonen, und wer über Monate unter Dauerbelastung steht, hat oft messbar niedrigere Testosteronwerte. Dazu kommt die Erschöpfung: Wer abends nach einem Zwölfstundentag mit Kindern, Job und Sorgen auf dem Sofa liegt, hat schlicht keine Energie für Sex, unabhängig von Hormonen.
Auf der Paarebene spielen ungelöste Konflikte, mangelnde emotionale Nähe, Routine, unterschiedliche Bedürfnisse und Leistungsdruck eine große Rolle. Ein häufiges Muster ist die Spirale aus Rückzug und Druck: Ein Partner hat weniger Lust, der andere fühlt sich abgelehnt und drängt, was die Lust weiter senkt. Auch ein negatives Körperbild, etwa nach Gewichtszunahme, einer Geburt oder einer Operation, Schamgefühle und frühere negative sexuelle Erfahrungen können das Verlangen blockieren.
Wie unterscheidet sich Libidoverlust bei Frauen und Männern?
Bei Frauen ist das sexuelle Verlangen häufiger reaktiv als spontan, das heißt, die Lust entsteht oft erst durch Nähe, Berührung und den Beginn sexueller Aktivität, nicht davor. Viele Frauen halten das fälschlich für einen Libidoverlust, obwohl es ein normales Muster ist. Typische Lebensphasen mit vermindertem Verlangen sind die Zeit nach einer Geburt, die Stillzeit und die Perimenopause. Hormonelle Verhütung, Endometriose mit Schmerzen beim Sex, Blasenentzündungen, Scheidentrockenheit und Beckenbodenprobleme sind weitere frauenspezifische Faktoren.
Bei Männern ist Libidoverlust seltener ein isoliertes Symptom. Er tritt häufig zusammen mit Erektionsstörungen, Müdigkeit und Leistungsabfall auf und ist dann ein wichtiger Hinweis auf einen Testosteronmangel, eine Depression oder eine Stoffwechselerkrankung. Bei jungen Männern unter 40 mit neu aufgetretenem Libidoverlust sollten Ärzte besonders sorgfältig nach Ursachen wie Schilddrüse, Prolaktin, Hoden, Medikamenten, Anabolika, Pornografiekonsum und psychischer Belastung suchen. Genau deshalb ist ein neu auftretender Libidoverlust beim Mann ein Anlass, den gesamten Gesundheitszustand anzuschauen, denn ein niedriges Testosteron ist häufig ein Frühzeichen für Übergewicht, Insulinresistenz und Herz-Kreislauf-Risiken.
Wie wird Libidoverlust ärztlich abgeklärt?
Die Abklärung beginnt mit einem ausführlichen Gespräch, das für viele Betroffene der schwierigste Teil ist. Dein Arzt fragt, seit wann das Verlangen fehlt, ob es plötzlich oder schleichend nachgelassen hat, ob es in allen Situationen fehlt oder nur mit dem Partner, ob Du noch sexuelle Fantasien oder morgendliche Erektionen hast, welche Medikamente Du nimmst, wie Du schläfst, wie es Dir seelisch geht und wie es in der Beziehung läuft. Erhaltene Fantasien und morgendliche Erektionen sprechen bei Männern eher für psychische oder partnerschaftliche Ursachen, ihr Fehlen eher für eine hormonelle.
Es folgt eine körperliche Untersuchung mit Blutdruck, Gewicht, Bauchumfang und bei Männern Untersuchung der Hoden, bei Frauen eine gynäkologische Untersuchung, um Schleimhautveränderungen, Entzündungen oder Schmerzursachen zu erkennen.
Bei den Laborwerten geht es darum, die behandelbaren körperlichen Ursachen zu finden. Bei Männern steht Gesamttestosteron an erster Stelle, gemessen morgens zwischen sieben und elf Uhr, nüchtern, und bei einem auffälligen Ergebnis an einem zweiten Tag wiederholt, weil der Wert tageszeitlich und von Tag zu Tag schwankt. Liegt er im Graubereich, hilft die Bestimmung von Sexualhormon-bindendem Globulin und die Berechnung des freien Testosterons. Ergänzend werden LH und FSH bestimmt, um zu unterscheiden, ob das Problem in den Hoden oder in der Steuerung durch die Hirnanhangsdrüse liegt. Prolaktin gehört bei jedem unklaren Libidoverlust dazu. TSH prüft die Schilddrüse. Nüchternblutzucker, Langzeitzucker HbA1c und Blutfette decken Stoffwechselstörungen auf, ein Blutbild schließt eine Blutarmut aus, Leber- und Nierenwerte zeigen Organstörungen, und Vitamin D, Vitamin B12 und Ferritin sind sinnvoll, wenn Erschöpfung im Vordergrund steht.
Bei Frauen sind Prolaktin, TSH und Blutzucker ebenfalls die Basis. Östradiol, FSH und LH sind vor allem in der Perimenopause aussagekräftig, um den Hormonstatus einzuordnen, wobei die Werte im Zyklus stark schwanken und einzelne Messungen begrenzt aussagekräftig sind. Testosteron und DHEA-S können bestimmt werden, die Fachgesellschaften weisen aber darauf hin, dass ein einzelner Testosteronwert bei Frauen die Lust nicht vorhersagt und deshalb nicht zur Diagnose eines Libidoverlusts taugt. Bei Verdacht auf Depression oder Angststörung gehört ein Screening mit einem Fragebogen dazu, und bei Schlafproblemen mit Schnarchen und Tagesmüdigkeit eine Abklärung auf Schlafapnoe.
Zur Kostenseite: In Deutschland übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Abklärung, wenn Beschwerden vorliegen, Libidoverlust mit Leidensdruck gilt als Symptom. Hormonbestimmungen ohne Beschwerden werden als individuelle Gesundheitsleistung abgerechnet und kosten je nach Umfang zwischen 30 und 150 Euro. In Österreich ist die Untersuchung beim Kassenarzt über die e-card abgedeckt, beim Wahlarzt bekommst Du einen Teil erstattet, und die jährliche Vorsorgeuntersuchung ab 18 deckt bereits Blutzucker, Blutfette und Blutbild ab. In der Schweiz läuft die Abklärung über die Grundversicherung, Du zahlst Franchise und zehn Prozent Selbstbehalt, ein umfangreiches Hormonprofil kann so mehrere hundert Franken kosten. In Deutschland lohnt es sich, den Check-up 35 mitzunehmen, der alle drei Jahre Blutzucker und Blutfette abdeckt.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei Libidoverlust?
Die Behandlung folgt der Ursache, und meistens sind mehrere Schritte nötig. Der erste und häufig wirksamste Schritt ist die Überprüfung der Medikamente. Ein Wechsel des Antidepressivums auf eine Substanz mit weniger sexuellen Nebenwirkungen, der Umstieg von einem Betablocker auf einen anderen Blutdrucksenker oder die Anpassung der Dosis bringen bei vielen Betroffenen die Lust zurück, ohne dass die Grunderkrankung schlechter behandelt wird.
Liegt ein nachgewiesener Testosteronmangel beim Mann vor, mit zweimal bestätigten niedrigen Werten und passenden Symptomen, kann eine Testosteronersatztherapie als Gel oder Injektion sinnvoll sein. Studien deuten darauf hin, dass sie bei diesen Männern Libido, Stimmung, Energie und Erektionsfähigkeit verbessert. Sie ist aber kein Lifestyle-Mittel: Bei normalen Testosteronwerten bringt sie nichts, sie unterdrückt die eigene Spermienproduktion, was bei Kinderwunsch entscheidend ist, und sie erfordert regelmäßige Kontrollen von Blutbild, PSA und Leberwerten. Bei Prostatakrebs, ausgeprägter Schlafapnoe und unbehandelter Herzschwäche ist sie nicht geeignet. Ein erhöhter Prolaktinspiegel lässt sich in der Regel gut mit Medikamenten behandeln, eine Schilddrüsenstörung mit der Einstellung der Schilddrüsenwerte.
Bei Frauen in und nach den Wechseljahren kann eine Hormonersatztherapie mit Östrogen die Beschwerden lindern, die die Lust erschweren, also Scheidentrockenheit, Schmerzen beim Sex, Hitzewallungen und Schlafstörungen. Lokal in die Scheide aufgetragenes Östrogen wirkt bei Trockenheit gezielt und mit sehr geringer Aufnahme in den Körper. Eine Testosterontherapie für Frauen nach den Wechseljahren mit gesichertem Libidoverlust ist in Fachkreisen anerkannt, in DACH aber nicht als Frauenpräparat zugelassen und wird deshalb nur außerhalb der Zulassung in niedriger Dosis und mit Laborkontrollen von erfahrenen Ärzten eingesetzt. Für Frauen vor den Wechseljahren gibt es dafür keine ausreichende Evidenz. Für die Behandlung des Libidoverlusts bei Frauen vor den Wechseljahren sind in den USA zwei Medikamente zugelassen, die auf Botenstoffe im Gehirn wirken, in Europa sind sie nicht verfügbar, und ihre Wirkung ist bescheiden.
Erektionsfördernde Medikamente wie PDE-5-Hemmer behandeln die Erektion, nicht die Lust. Sie können aber indirekt helfen, wenn Versagensangst die Lust blockiert hat. Für Nahrungsergänzungsmittel, die als Lustverstärker beworben werden, etwa Maca, Tribulus oder Ginseng, ist die Studienlage dünn und die Qualität der Studien gering. Sie sind in DACH als Nahrungsergänzung frei verkäuflich, dürfen aber keine Heilversprechen tragen, und Präparate aus dem Internet enthalten nicht selten nicht deklarierte Arzneistoffe. DHEA wird bei nachgewiesenem Mangel manchmal eingesetzt, die Datenlage für Libido ist uneinheitlich.
Bei Depressionen, Ängsten und Stress ist die Behandlung der Grunderkrankung mit Psychotherapie und gegebenenfalls Medikamenten der wichtigste Schritt, wobei die Auswahl des Antidepressivums die Sexualität berücksichtigen sollte. Sexualtherapie und Paartherapie helfen, wenn Kommunikationsprobleme, Druck und Routine im Vordergrund stehen. Ein bewährter Ansatz ist, den Fokus zunächst weg vom Geschlechtsverkehr auf Berührung und Nähe ohne Leistungsanspruch zu lenken, was den Druck aus der Situation nimmt. In Deutschland kann Psychotherapie bei einer diagnostizierten Störung Kassenleistung sein, Paar- und Sexualtherapie in der Regel nicht. In Österreich gibt es Kassenplätze und Teilrückerstattung für Psychotherapie, in der Schweiz zahlt die Grundversicherung Psychotherapie auf ärztliche Anordnung.
Auf der Lebensstilebene wirken Schlaf, Bewegung und Gewicht am stärksten. Regelmäßiges Kraft- und Ausdauertraining hebt bei Männern mit Übergewicht das Testosteron und verbessert bei beiden Geschlechtern Körperbild, Stimmung und Durchblutung. Gewichtsabnahme bei Übergewicht steigert das Testosteron messbar. Sieben bis acht Stunden Schlaf, weniger Alkohol, Rauchstopp und der Umgang mit chronischem Stress sind keine Nebensächlichkeiten, sondern oft die Basis, auf der jede andere Therapie erst wirkt.
Wie kannst Du das Thema in der Partnerschaft ansprechen?
Libidoverlust ist selten nur das Problem einer Person. Der Partner mit mehr Lust fühlt sich zurückgewiesen, der Partner mit weniger Lust fühlt sich unter Druck gesetzt und schuldig, und beide schweigen, um den anderen nicht zu verletzen.
Hilfreich ist, das Gespräch außerhalb des Schlafzimmers und ohne Vorwurf zu beginnen, also nicht mitten in einer abgelehnten Annäherung, sondern in einem ruhigen Moment. Sprich über Dein eigenes Erleben, nicht über das Versäumnis des anderen. Sätze wie „Ich merke, dass ich seit Monaten kaum Lust habe, und das macht mir selbst Sorgen“ öffnen mehr als „Du willst ja nie“. Wichtig ist auch, Intimität von Sex zu trennen: Körperliche Nähe, Umarmungen und Zärtlichkeit ohne die Erwartung, dass daraus Sex wird, halten die Verbindung aufrecht, während die Ursachen abgeklärt werden.
Wenn Gespräche zu zweit nicht weiterführen, ist eine Paarberatung oder Sexualtherapie kein Zeichen des Scheiterns, sondern ein Werkzeug.
Wann solltest Du zu welchem Arzt gehen?
Als Faustregel gilt: Wenn das sexuelle Verlangen seit mehr als drei bis sechs Monaten deutlich nachgelassen hat und Dich das belastet, ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll. Warte nicht länger, wenn zusätzlich Symptome wie anhaltende Müdigkeit, Gewichtsveränderungen, Stimmungstief, Schlafstörungen, Erektionsstörungen, ausbleibende Periode oder Milchfluss aus der Brust auftreten, weil sie auf eine hormonelle oder seelische Erkrankung hinweisen.
Der Hausarzt ist die erste Anlaufstelle für beide Geschlechter. Er kann das Gespräch führen, die Basislaborwerte abnehmen und die Medikamente prüfen. Bei Männern mit Verdacht auf Testosteronmangel oder gleichzeitigen Erektionsstörungen ist der Urologe oder Androloge der Facharzt der Wahl, bei komplexen Hormonstörungen wie erhöhtem Prolaktin der Endokrinologe. Bei Frauen ist der Gynäkologe zuständig, insbesondere in der Perimenopause, nach einer Geburt, bei Schmerzen beim Sex oder bei Fragen zur hormonellen Verhütung. Bei depressiven Symptomen, Angst oder Traumafolgen gehört das Thema zum Psychiater oder Psychotherapeuten.
Sexualmedizin ist in DACH ein eigenes Fachgebiet mit Zusatzweiterbildung, das in Universitätskliniken, spezialisierten Ambulanzen und einzelnen Praxen angeboten wird. Dort arbeiten Ärzte, Psychologen und Therapeuten zusammen und betrachten Körper, Psyche und Partnerschaft gemeinsam. Ein Termin dort ist besonders sinnvoll, wenn die Basisabklärung keine Ursache gefunden hat oder wenn mehrere Ebenen betroffen sind. Über die Arztsuche auf MOOCI findest Du Fachärzte für Gynäkologie, Urologie und Endokrinologie in Deiner Region.
Was hat Libidoverlust mit Deiner langfristigen Gesundheit zu tun?
Sexuelles Verlangen ist mehr als Lebensqualität. Es gilt zunehmend als Indikator für den allgemeinen Gesundheitszustand, ähnlich wie Schlaf, Fitness oder Blutdruck. Ein neu auftretender Libidoverlust beim Mann ist häufig das erste Zeichen eines Testosteronmangels, und niedriges Testosteron geht in Studien mit einem höheren Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose und Gesamtsterblichkeit einher, wobei unklar ist, wie viel davon Ursache und wie viel Folge ist. Erektionsstörungen gelten als Frühwarnzeichen für Gefäßerkrankungen, die im Schnitt drei bis fünf Jahre später als Herzinfarkt oder Schlaganfall auftreten können. Bei Frauen fällt ein Libidoverlust häufig in die Perimenopause, also genau in die Phase, in der Herz-Kreislauf-Risiko, Knochendichte und Stoffwechsel neu bewertet werden sollten.
Wer Libidoverlust ernst nimmt und abklären lässt, entdeckt deshalb nicht selten Erkrankungen, die sich behandeln lassen, lange bevor sie größeren Schaden anrichten: eine beginnende Insulinresistenz, eine Schilddrüsenunterfunktion, eine Schlafapnoe oder eine Depression. Umgekehrt zeigt sich, dass die Faktoren, die die Lust erhalten, dieselben sind, die die gesunde Lebensspanne verlängern: ausreichend Schlaf, regelmäßige Bewegung, ein gesundes Gewicht, wenig Alkohol, gute Beziehungen und ein Umgang mit Stress, der nicht in Dauererschöpfung mündet. Libidoverlust ist also kein Schicksal, das man mit dem Alter hinnehmen muss, sondern ein Symptom, das eine Abklärung verdient.
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