Selen wird häufig im Zusammenhang mit dem Immunsystem, der Schilddrüse und dem Schutz vor Zellschäden genannt. Tatsächlich benötigt der menschliche Körper dieses Spurenelement für verschiedene lebenswichtige Funktionen. Daraus folgt jedoch nicht, dass eine zusätzliche Einnahme automatisch gesundheitliche Vorteile bringt.
Bei Selen ist der Abstand zwischen einer ausreichenden und einer möglicherweise schädlichen Zufuhr vergleichsweise gering. Wer mehrere Nahrungsergänzungsmittel kombiniert oder regelmäßig besonders selenreiche Lebensmittel verzehrt, kann unbeabsichtigt hohe Mengen aufnehmen. Eine langfristige Überversorgung kann zu erheblichen gesundheitlichen Beschwerden führen.
Deshalb unterscheiden Fachbehörden zwischen dem täglichen Nährstoffbedarf, der tolerierbaren Gesamtzufuhr und empfohlenen Höchstmengen für Nahrungsergänzungsmittel. Diese Werte erfüllen unterschiedliche Zwecke und dürfen nicht verwechselt werden. In diesem Artikel erfährst Du, welche Funktionen Selen übernimmt, welche Lebensmittel es liefern und wann ein Mangel oder eine Überversorgung medizinisch relevant wird.
Das Wichtigste in Kürze
Selen ist ein essenzielles Spurenelement und Bestandteil wichtiger Enzyme. Es unterstützt den Schutz vor oxidativem Stress, den Schilddrüsenhormonstoffwechsel und die normale Funktion des Immunsystems.
Für erwachsene Frauen gelten 60 Mikrogramm und für Männer 70 Mikrogramm täglich als angemessene Zufuhr. Die EFSA setzt die tolerierbare Höchstmenge für Erwachsene bei 255 Mikrogramm pro Tag an.
Der Selengehalt pflanzlicher Lebensmittel hängt stark von den Anbaubedingungen ab. Besonders Paranüsse können ungewöhnlich hohe und stark schwankende Mengen enthalten.
Eine dauerhafte Überversorgung kann Haarausfall, Nagelveränderungen und weitere gesundheitliche Schäden verursachen. Selenpräparate sollten deshalb nur bei begründetem Bedarf und nach fachlicher Abklärung verwendet werden.
Wofür braucht der Körper Selen?
Selen gehört zu den essenziellen Spurenelementen, die der Körper regelmäßig über die Nahrung aufnehmen muss. Es wird unter anderem als Bestandteil der Aminosäure Selenocystein in bestimmte Proteine eingebaut. Beim Menschen sind etwa 25 Gene für solche sogenannten Selenoproteine bekannt.
Diese Proteine erfüllen unterschiedliche Aufgaben im Stoffwechsel. Einige unterstützen den Umgang mit reaktiven Sauerstoffverbindungen, andere sind am Schilddrüsenhormonstoffwechsel beteiligt. Außerdem gibt es Selenoproteine, die für bestimmte Funktionen des Immunsystems und der Fortpflanzung wichtig sind.
Wie schützt Selen die Zellen vor oxidativem Stress?
Zu den bekanntesten Selenoproteinen gehören die Glutathionperoxidasen. Diese Enzyme helfen dabei, Wasserstoffperoxid und bestimmte andere reaktive Verbindungen abzubauen. Solche Stoffe entstehen auch während normaler Stoffwechselvorgänge und können bei einem Ungleichgewicht Zellbestandteile schädigen.
Selen ist damit Bestandteil der körpereigenen antioxidativen Schutzsysteme. Die entsprechenden Enzyme arbeiten jedoch mit weiteren Molekülen und Regulationsmechanismen zusammen. Eine höhere Selenzufuhr bedeutet deshalb nicht automatisch einen besseren Schutz vor Zellschäden.
Bei ausreichender Versorgung kann der Körper die notwendigen Selenoproteine normalerweise bilden. Zusätzliche Selenpräparate haben bei gut versorgten Menschen keinen allgemein nachgewiesenen antioxidativen Gesundheitsnutzen. Eine Überdosierung kann vielmehr selbst unerwünschte Wirkungen verursachen.
Warum ist Selen für die Schilddrüse wichtig?
Die Schilddrüse benötigt Selen für bestimmte Enzyme, die am Stoffwechsel ihrer Hormone beteiligt sind. Zu diesen Enzymen gehören die Dejodasen, die Jodatome aus Schilddrüsenhormonen entfernen. Einige ermöglichen die Umwandlung von Thyroxin (T4) in das wirksamere Trijodthyronin (T3), während andere am Hormonabbau beteiligt sind.
Außerdem tragen selenabhängige Enzyme zum Schutz des Schilddrüsengewebes vor oxidativen Belastungen bei. Das ist relevant, weil bei der Herstellung von Schilddrüsenhormonen reaktive Verbindungen entstehen. Die Schilddrüse weist bezogen auf ihre Gewebemasse eine besonders hohe Selenkonzentration auf.
Ein ausreichender Selenstatus ist deshalb für die normale Schilddrüsenfunktion wichtig. Daraus lässt sich jedoch keine allgemeine Empfehlung zur zusätzlichen Einnahme bei Schilddrüsenerkrankungen ableiten. Ob Selen im Einzelfall sinnvoll ist, hängt unter anderem von der Erkrankung und der tatsächlichen Versorgung ab.
Welche Bedeutung hat Selen für das Immunsystem?
Selenoproteine sind an verschiedenen Funktionen von Immunzellen beteiligt. Sie beeinflussen unter anderem zelluläre Regulationsmechanismen und den Umgang mit oxidativen Belastungen. Eine ausgeprägte Unterversorgung kann deshalb auch Immunfunktionen beeinträchtigen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass mehr Selen automatisch zu einer stärkeren Immunabwehr führt. Bei Menschen mit ausreichender Versorgung ist eine zuverlässige Vorbeugung gewöhnlicher Infektionen durch zusätzliche Selengaben nicht nachgewiesen. Eine Ergänzung ohne entsprechenden Bedarf kann dagegen das Risiko einer Überversorgung erhöhen.
Auch für die männliche Fortpflanzung ist Selen relevant. Bestimmte Selenoproteine sind an der normalen Entwicklung und Funktion von Spermien beteiligt. Eine zusätzliche Einnahme verbessert die Fruchtbarkeit bei ausreichend versorgten Männern jedoch nicht nachweislich allgemein.
Wie viel Selen wird täglich empfohlen?
Die Ernährungsgesellschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz geben Schätzwerte für eine angemessene Selenzufuhr an. Für erwachsene Frauen liegen diese bei 60 Mikrogramm und für erwachsene Männer bei 70 Mikrogramm pro Tag. Die Werte orientieren sich unter anderem an der Versorgung bestimmter Selenoproteine.
Während der Schwangerschaft bleibt der Schätzwert bei 60 Mikrogramm täglich. Für Stillende gilt aufgrund der Selenabgabe über die Muttermilch ein höherer Wert von 75 Mikrogramm. Diese Angaben beziehen sich auf die gesamte Aufnahme über die Ernährung und sind keine Dosierungsempfehlungen für Präparate.
Welche Höchstmenge gilt für Selen?
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat für Erwachsene eine tolerierbare Gesamtzufuhr von 255 Mikrogramm Selen täglich festgelegt. Dieser Wert berücksichtigt die längerfristige Aufnahme aus allen Quellen, einschließlich Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln. Er beschreibt keine anzustrebende Menge.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfiehlt für Nahrungsergänzungsmittel eine deutlich niedrigere Höchstmenge. Nach seiner aktualisierten Bewertung beträgt diese 40 Mikrogramm Selen pro empfohlener Tagesdosis eines Präparats für Menschen ab 15 Jahren. Dabei handelt es sich um eine behördliche Empfehlung und nicht um eine einheitliche gesetzliche EU-Höchstmenge.
Der Unterschied ist wichtig, weil die gewöhnliche Ernährung bereits Selen liefert. Wer zusätzlich mehrere Präparate einnimmt, muss deren enthaltene Mengen zusammenrechnen. Auch besonders selenreiche Lebensmittel können die Gesamtzufuhr deutlich erhöhen.
Die tolerierbare Höchstmenge ist außerdem keine scharfe Grenze zwischen harmloser und gefährlicher Aufnahme. Eine einmalige Überschreitung führt nicht zwangsläufig zu einer Vergiftung. Eine dauerhaft zu hohe Zufuhr kann jedoch gesundheitliche Schäden verursachen.
Welche Lebensmittel enthalten Selen?
Selen kommt sowohl in tierischen als auch in pflanzlichen Lebensmitteln vor. Wie viel davon enthalten ist, hängt unter anderem von Herkunft, Anbaubedingungen und Verarbeitung ab. Besonders bei pflanzlichen Lebensmitteln können die Gehalte erheblich schwanken.
Viele europäische Böden weisen eine vergleichsweise geringe Selenverfügbarkeit auf. In anderen Regionen können Pflanzen dagegen deutlich größere Mengen aufnehmen. Deshalb lässt sich der Selengehalt pflanzlicher Lebensmittel nicht zuverlässig allein aus ihrer Lebensmittelgruppe ableiten.
Welche tierischen Lebensmittel liefern Selen?
Zu den tierischen Selenquellen gehören Fisch, Fleisch, Eier und verschiedene Milchprodukte. Auch Innereien können relevante Mengen enthalten. Der tatsächliche Gehalt hängt unter anderem von der Fütterung und den Produktionsbedingungen ab.
In der Europäischen Union darf Selen unter bestimmten Voraussetzungen dem Nutztierfutter zugesetzt werden. Dadurch können tierische Lebensmittel zur Selenversorgung beitragen, selbst wenn die regionalen Böden vergleichsweise selenarm sind. Die Gehalte bleiben dennoch je nach Lebensmittel und Herkunft unterschiedlich.
Eine ausreichende Selenversorgung setzt allerdings nicht zwingend den Verzehr tierischer Lebensmittel voraus. Auch pflanzliche Lebensmittel können Selen liefern. Bei einer rein pflanzlichen Ernährung ist die Versorgung wegen der stärkeren Schwankungen jedoch schwieriger einzuschätzen.
Welche pflanzlichen Lebensmittel enthalten Selen?
Zu den pflanzlichen Selenquellen gehören Getreide, Hülsenfrüchte, Pilze und verschiedene Gemüsesorten. Der Gehalt kann sich bei vergleichbaren Lebensmitteln je nach Anbaugebiet erheblich unterscheiden. Deshalb sind pauschale Mengenangaben häufig wenig aussagekräftig.
Bei einer abwechslungsreichen pflanzlichen Ernährung können unterschiedliche Lebensmittel zur Versorgung beitragen. Ob die insgesamt aufgenommene Menge ausreichend ist, hängt jedoch von ihrer tatsächlichen Zusammensetzung ab. Eine vegane Ernährung bedeutet deshalb nicht automatisch einen Selenmangel.
Bestehen zusätzliche Risikofaktoren wie eine Aufnahmestörung oder eine stark eingeschränkte Lebensmittelauswahl, kann eine ärztliche Abklärung sinnvoll sein. Eine routinemäßige Selenbestimmung allein aufgrund veganer Ernährung ist dagegen nicht grundsätzlich erforderlich. Auch eine vorsorgliche hoch dosierte Einnahme ist keine geeignete allgemeine Lösung.
Warum ist bei Paranüssen Vorsicht geboten?
Paranüsse können außergewöhnlich hohe Selenmengen enthalten. Ihre Gehalte schwanken stark und können sich sogar zwischen einzelnen Nüssen derselben Packung deutlich unterscheiden. Deshalb lässt sich die aufgenommene Selenmenge nicht zuverlässig anhand einer festen Stückzahl berechnen.
Bereits wenige besonders selenreiche Paranüsse können den täglichen Bedarf deutlich überschreiten. Bei regelmäßig größeren Portionen kann dadurch eine hohe Gesamtzufuhr entstehen, insbesondere wenn zusätzlich Selenpräparate verwendet werden. Paranüsse eignen sich deshalb nicht als verlässlich dosierbare Selenquelle.
Hinzu kommt, dass Paranüsse natürlicherweise vergleichsweise hohe Mengen bestimmter Radiumisotope anreichern können. Auch aus diesem Grund empfehlen Fachbehörden einen zurückhaltenden Verzehr. Eine tägliche feste Anzahl an Paranüssen sollte daher nicht als allgemeine Methode zur sicheren Bedarfsdeckung empfohlen werden.
Wie ist die Selenversorgung bei veganer Ernährung einzuschätzen?
Bei einer veganen Ernährung entfallen tierische Selenquellen wie Fleisch, Fisch und Eier. Gleichzeitig kann der Selengehalt pflanzlicher Lebensmittel je nach Herkunft stark variieren. Deshalb verdient die Versorgung mit diesem Spurenelement besondere Aufmerksamkeit.
Das bedeutet jedoch nicht, dass vegan lebende Menschen zwangsläufig einen Selenmangel entwickeln. Eine abwechslungsreiche Lebensmittelauswahl kann zur Versorgung beitragen. Wie gut der individuelle Bedarf gedeckt wird, lässt sich aus der Ernährungsform allein nicht sicher ableiten.
Bei zusätzlichen Risikofaktoren oder einem begründeten Mangelverdacht kann eine gezielte medizinische Beurteilung sinnvoll sein. Eine eigenständige Einnahme hoher Selenmengen ist dagegen nicht empfehlenswert. Auch bei veganer Ernährung müssen mögliche Überdosierungen berücksichtigt werden.
Woran lässt sich ein Selenmangel erkennen?
Ein ausgeprägter Selenmangel ist in Mitteleuropa bei abwechslungsreicher Ernährung ungewöhnlich. Schwere Mangelerkrankungen wurden vor allem in Regionen mit extrem selenarmen Böden beschrieben, darunter die Keshan-Krankheit, eine Erkrankung des Herzmuskels. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass die Selenversorgung bei allen Menschen ausreichend ist.
Ein erhöhtes Risiko besteht insbesondere bei Erkrankungen, die die Nährstoffaufnahme beeinträchtigen. Dazu gehören bestimmte chronische Darmerkrankungen, Zustände nach größeren Magen-Darm-Operationen und ausgeprägte Mangelernährung. Auch bei langfristiger künstlicher Ernährung oder Dialyse kann eine gezielte Überprüfung sinnvoll sein.
Welche Symptome können bei Selenmangel auftreten?
Ein Selenmangel kann mit Muskelschwäche, Muskelschmerzen und weiteren unspezifischen Beschwerden einhergehen. Bei schwerer Unterversorgung können auch die normale Herz- und Immunfunktion beeinträchtigt werden. Allerdings sind solche Symptome nicht charakteristisch genug, um daraus allein eine Diagnose abzuleiten.
Müdigkeit oder dünner werdendes Haar haben zahlreiche mögliche Ursachen. Auch weiße Flecken auf den Fingernägeln sind kein verlässliches Zeichen eines Selenmangels, sondern entstehen häufig durch kleinere Verletzungen der Nagelmatrix. Eine Einnahme von Selen auf Grundlage solcher Beobachtungen ist deshalb nicht sinnvoll.
Wie wird der Selenstatus untersucht?
Bei medizinisch begründetem Verdacht kann die Selenkonzentration im Serum, Plasma oder Vollblut bestimmt werden. In spezialisierten Untersuchungen werden auch selenabhängige Biomarker wie Selenoprotein P berücksichtigt. Die Aussagekraft hängt vom verwendeten Verfahren und der konkreten Fragestellung ab.
Während akuter Entzündungen können die Selenwerte im Blut sinken, ohne dass daraus unmittelbar auf einen langfristigen Ernährungsmangel geschlossen werden kann. Auch bestehende Erkrankungen und die bisherige Nährstoffzufuhr müssen berücksichtigt werden. Deshalb sollte das Ergebnis ärztlich eingeordnet und nicht isoliert interpretiert werden.
Was passiert bei einer Selenüberdosierung?
Eine dauerhaft zu hohe Selenzufuhr kann eine sogenannte Selenose verursachen. Besonders bekannt sind Haarausfall, brüchige Nägel und Veränderungen der Haut. Auch Magen-Darm-Beschwerden und neurologische Symptome können auftreten.
Weitere mögliche Anzeichen sind ein metallischer Geschmack und ein knoblauchartiger Geruch der Atemluft. Diese Merkmale treten jedoch nicht bei allen Betroffenen auf und erlauben allein keine sichere Diagnose. Bei länger anhaltender erheblicher Überversorgung können unter anderem Missempfindungen und Störungen der Nervenfunktion entstehen.
Eine akute Selenvergiftung ist selten, kann bei stark überdosierten Präparaten jedoch schwer verlaufen. Solche Fälle wurden unter anderem nach Herstellungsfehlern bei Nahrungsergänzungsmitteln dokumentiert. Bei Verdacht auf eine erhebliche Überdosierung sollte unverzüglich medizinischer Rat eingeholt werden.
Erhöht zusätzliches Selen das Diabetesrisiko?
Einige große Interventionsstudien haben untersucht, ob zusätzliche Selengaben langfristige Erkrankungsrisiken beeinflussen. Dabei fanden einzelne Auswertungen Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes bei zusätzlicher Einnahme. Die Ergebnisse sind allerdings nicht in allen Untersuchungen einheitlich.
Besonders relevant ist die Ausgangsversorgung der untersuchten Menschen. Eine zusätzliche Selengabe hat bei bereits ausreichender Versorgung keinen überzeugend belegten allgemeinen Gesundheitsnutzen. Deshalb sollte Selen nicht ohne begründeten Bedarf langfristig ergänzt werden.
Kann Selen Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen?
Große randomisierte Studien konnten keinen überzeugenden Nutzen zusätzlicher Selengaben zur allgemeinen Krebsprävention nachweisen. Auch die SELECT-Studie zur Vorbeugung von Prostatakrebs zeigte keinen entsprechenden Schutz. Die Supplementierung wurde nach einer Zwischenanalyse wegen fehlender Erfolgsaussichten und möglicher Sicherheitsbedenken beendet.
Für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ergibt sich ebenfalls kein ausreichend gesicherter vorbeugender Nutzen bei Menschen mit guter Selenversorgung. Eine ausreichende Zufuhr bleibt notwendig, eine darüber hinausgehende Einnahme ist jedoch keine belegte Präventionsmaßnahme. Bei einem nachgewiesenen Mangel kann dagegen eine gezielte Behandlung medizinisch sinnvoll sein.
Welche Selenformen gibt es?
In Lebensmitteln und Präparaten kommt Selen in unterschiedlichen chemischen Formen vor. Dazu gehören organische Verbindungen wie Selenomethionin sowie anorganische Formen wie Natriumselenit und Natriumselenat. Diese unterscheiden sich unter anderem in ihrem Stoffwechsel und ihrer Speicherung.
Selenomethionin kann anstelle der Aminosäure Methionin in körpereigene Proteine eingebaut werden. Dadurch kann sich bei regelmäßiger Aufnahme ein größerer Bestand an proteingebundenem Selen bilden. Das beeinflusst auch die Entwicklung bestimmter Selenwerte im Blut.
Anorganische Selenverbindungen werden ebenfalls aufgenommen und können für die Bildung von Selenoproteinen genutzt werden. Sie werden jedoch anders verarbeitet und nicht auf dieselbe Weise unspezifisch in Körperproteine eingebaut. Welche Form im Einzelfall geeignet ist, lässt sich nicht allein aus ihrer Aufnahmefähigkeit ableiten.
Besondere Vorsicht gilt bei der Kombination mehrerer Nahrungsergänzungsmittel. Selen kann in Produkten für Schilddrüse, Haut oder Immunsystem gleichzeitig enthalten sein. Die aufgenommenen Mengen addieren sich unabhängig davon, in welcher chemischen Form das Spurenelement vorliegt.
Zwischen Selen und bestimmten Quecksilberverbindungen bestehen zwar biochemische Wechselwirkungen. Daraus ergibt sich jedoch keine Empfehlung, Selen zur Behandlung einer Schwermetallbelastung einzunehmen. Für eine solche Anwendung fehlt eine ausreichend belegte medizinische Wirksamkeit.
Welche Bedeutung hat Selen bei Schilddrüsenerkrankungen?
Selen ist Bestandteil von Enzymen, die Schilddrüsenhormone umwandeln oder abbauen. Außerdem tragen bestimmte Selenoproteine zum Schutz des Schilddrüsengewebes vor oxidativen Belastungen bei. Deshalb wird die Bedeutung der Selenversorgung bei verschiedenen Schilddrüsenerkrankungen untersucht.
Besonders viele Studien liegen zur Hashimoto-Thyreoiditis vor. Dabei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem gegen Bestandteile der Schilddrüse reagiert. Einige Untersuchungen zeigen unter Selengabe eine Verringerung bestimmter Schilddrüsenantikörper.
Hilft Selen bei Hashimoto?
Eine Abnahme von Schilddrüsenantikörpern bedeutet nicht automatisch, dass sich Beschwerden oder Krankheitsverlauf verbessern. Bisher ist nicht überzeugend nachgewiesen, dass eine allgemeine Seleneinnahme bei Hashimoto den Bedarf an Schilddrüsenhormonen senkt oder langfristig bessere Behandlungsergebnisse erzielt. Deshalb wird eine routinemäßige Ergänzung ohne entsprechenden Bedarf nicht allgemein empfohlen.
Bei nachgewiesenem Selenmangel kann eine gezielte Behandlung unabhängig von der Hashimoto-Diagnose sinnvoll sein. Die weitere Therapie richtet sich nach Schilddrüsenfunktion, Beschwerden und medizinischen Befunden.
Wann wird Selen bei endokriner Orbitopathie eingesetzt?
Eine besondere Situation besteht bei der endokrinen Orbitopathie, einer entzündlichen Erkrankung des Gewebes rund um die Augen, die häufig im Zusammenhang mit Morbus Basedow auftritt. Bei milden, aktiven und erst kürzlich aufgetretenen Verlaufsformen kann eine zeitlich begrenzte Selengabe fachärztlich empfohlen werden. Die entsprechende Evidenz stammt insbesondere aus Untersuchungen in Regionen mit niedriger Selenversorgung.
Diese Empfehlung gilt nicht automatisch für alle Menschen mit Morbus Basedow. Bei mittelschweren oder schweren Erkrankungsverläufen können andere Behandlungen notwendig sein. Eine Seleneinnahme sollte deshalb ausschließlich im Rahmen der individuellen fachärztlichen Betreuung beurteilt werden.
Kann Selen gesundes Altern unterstützen?
Selen wird in der Alternsforschung häufig im Zusammenhang mit oxidativem Stress untersucht. Bestimmte Selenoproteine helfen dem Körper, reaktive Verbindungen zu verarbeiten, die während normaler Stoffwechselvorgänge entstehen. Daraus lässt sich jedoch keine nachgewiesene Anti-Aging-Wirkung zusätzlicher Selengaben ableiten.
In Beobachtungsstudien wurden teilweise U-förmige Zusammenhänge zwischen Selenwerten und gesundheitlichen Risiken beschrieben. Sowohl sehr niedrige als auch hohe Werte waren dabei in bestimmten Bevölkerungsgruppen mit ungünstigeren Ergebnissen verbunden. Solche Beobachtungen beweisen allerdings keine unmittelbare Ursache-Wirkungs-Beziehung.
Auch die Vorstellung, möglichst viele antioxidative Stoffe würden den Alterungsprozess verlangsamen, ist wissenschaftlich nicht ausreichend belegt. Reaktive Sauerstoffverbindungen erfüllen zudem normale Signalfunktionen im Körper. Für Selen besteht deshalb kein Grund, den Blutwert gezielt möglichst hoch anzustreben.
Der gesundheitlich sinnvolle Ansatz besteht darin, eine ausreichende Versorgung sicherzustellen und eine Überdosierung zu vermeiden. Ein zusätzlicher Nutzen zur Lebensverlängerung ist nicht nachgewiesen. Allgemeine Empfehlungen zur Stärkung des Immunsystems durch Mikronährstoffe müssen deshalb ebenfalls zwischen notwendiger Versorgung und unbelegten Ergänzungsversprechen unterscheiden.
Welche Leistungen übernehmen Krankenkassen?
Eine Bestimmung des Selenstatus kann bei medizinisch begründetem Verdacht auf einen Mangel oder eine Überversorgung sinnvoll sein. Ob die Untersuchung von der Krankenversicherung bezahlt wird, hängt von der Indikation und den jeweiligen Versicherungsbedingungen ab. Ohne konkreten medizinischen Anlass handelt es sich häufig um eine privat zu bezahlende Untersuchung.
In Deutschland können medizinisch notwendige Laboruntersuchungen Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung sein. In Österreich gelten die Regelungen des jeweiligen Sozialversicherungsträgers, während in der Schweiz die Voraussetzungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung zu beachten sind. Eine automatische Kostenübernahme bei jeder chronischen Erkrankung besteht jedoch nicht.
Bei Selenpräparaten muss zwischen Nahrungsergänzungsmitteln und Arzneimitteln unterschieden werden. Für Deutschland und Österreich gelten die entsprechenden europäischen und nationalen lebensmittelrechtlichen Vorschriften, während die Schweiz eigene Regelungen besitzt. Die Einstufung als Arzneimittel hängt nicht allein von der enthaltenen Selenmenge ab.
Besonders wichtig ist die gleichzeitige Verwendung verschiedener Nahrungsergänzungsmittel. Selen kann beispielsweise in Produkten für das Immunsystem, die Haut oder die Schilddrüse enthalten sein. Wenn Du mehrere Präparate einnimmst, solltest Du die angegebenen Selenmengen berücksichtigen und bei Unsicherheit ärztlichen oder pharmazeutischen Rat einholen.
Quellen
Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Referenzwerte für Selen. Schätzwerte für Erwachsene, Schwangere und Stillende.https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/selen/
Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Ausgewählte Fragen und Antworten zu Selen. Informationen zu Selenoproteinen, Lebensmitteln, Paranüssen und zur Versorgung bei pflanzlicher Ernährung.https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/faq/selen/
Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA): Scientific opinion on the tolerable upper intake level for selenium, 2023. Toxikologische Bewertung der langfristigen Gesamtzufuhr.https://doi.org/10.2903/j.efsa.2023.7704
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Höchstmengenvorschläge für Selen in Nahrungsergänzungsmitteln, aktualisierte Bewertung 2024.https://www.bfr.bund.de/
National Institutes of Health (NIH), Office of Dietary Supplements: Selenium: Fact Sheet for Health Professionals. Biologische Funktionen, Nährstoffformen, Mangel, Überversorgung und klinische Studien.https://ods.od.nih.gov/factsheets/Selenium-HealthProfessional/
Bartalena L. et al.: The 2021 European Group on Graves‘ Orbitopathy Clinical Practice Guidelines. European Journal of Endocrinology, 2021. Fachärztliche Empfehlungen zur Behandlung der endokrinen Orbitopathie.https://doi.org/10.1530/EJE-21-0479
Cochrane: Selenium supplementation for Hashimoto’s thyroiditis. Wissenschaftliche Bewertung des möglichen Nutzens bei Autoimmunthyreoiditis.https://www.cochrane.org/evidence/CD010223_selenium-supplementation-hashimotos-thyroiditis
Lippman S. M. et al.: Effect of Selenium and Vitamin E on Risk of Prostate Cancer and Other Cancers: The SELECT Randomized Controlled Trial. JAMA, 2009.https://doi.org/10.1001/jama.2008.864
Stranges S. et al.: Effects of Long-Term Selenium Supplementation on the Incidence of Type 2 Diabetes. Annals of Internal Medicine, 2007.https://doi.org/10.7326/0003-4819-147-4-200708210-00175
Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES): Informationen zur Sicherheit von Nahrungsergänzungsmitteln.https://www.ages.at/
Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), Schweiz: Informationen zu Nahrungsergänzungsmitteln und lebensmittelrechtlichen Anforderungen.https://www.blv.admin.ch/
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