Polymyalgia rheumatica

Fühlst Du Dich in letzter Zeit sehr krank, müde und angeschlagen? Kannst Du seit Kurzem einen Appetitmangel und einen daraus resultierenden Gewichtsverlust an Dir feststellen? Bist Du depressiv und leidest an Schweißausbrüchen? Leidest Du zudem an Fieber und einem allgemeinen Unwohlsein? Dann könnte es sein, dass Du möglicherweise an einer Polymyalgia rheumatica leidest. Was unter diesem Krankheitsbild genau zu verstehen ist, wann Du Deinen Arzt aufsuchen solltest und vor allem, wer davon am meisten betroffen ist, kannst Du in folgendem Artikel lesen.


AUTOR

Medizinische Expertin

CO-AUTOR

Online-Redaktion

Dieser Text wurde nach höchsten wissenschaftlichen Standards verfasst und von Medizinern geprüft.


Zuletzt aktualisiert: 9. September, 2020



ICD-10-GM-2020 M35.3

Was versteht die Medizin unter einer Polymyalgia rheumatica?

Bei der Polymyalgia rheumatica handelt es sich um eine Überaktivität des Immunsystems gegen Deinen eigenen Körper. Weil hierbei das Immunsystem körpereigenes Gewebe angreift, handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung. Im Volksmund ist die Erkrankung besser unter dem Namen “Polymyalgia” bekannt. Umgangssprachlich nennt sich die Erkrankung auch “Weichteilrheuma” oder “Muskelrheuma”. Die Erkrankung führt zu Entzündungen und Schmerzen in Deinen Muskeln und Gelenken.

Die Polymyalgia rheumatica tritt meist ab dem 50. Lebensjahr auf und betrifft vor allem Frauen.

Wer ist von der Polymyalgia rheumatica betroffen?

Die Polymyalgia rheumatica ist die zweithäufigste entzündlich-rheumatische Erkrankung im höheren Lebensalter. Betroffen sind vor allem Frauen. Die Polymyalgia rheumatica tritt bei Frauen zwei- bis dreimal häufiger auf als bei Männern. Am häufigsten sind Menschen zwischen dem 70. und 80. Lebensjahr betroffen. Es ist sehr selten, dass Du an einer Polymyalgia rheumatica vor Deinem 50. Lebensjahr erkrankst.
 
Auch geographische Unterschiede lassen sich feststellen: So tritt diese Erkrankung häufiger im Norden als im Süden Europas auf. Europäer sind häufiger von Polymyalgia rheumatica betroffen als beispielsweise Asiaten, Afroamerikaner oder Latinos.
 

Was sind die Symptome einer Polymyalgia rheumatica?

Die Symptome einer Polymyalgia rheumatica können plötzlich und schleichend auftreten. Meistens beginnen sie akut über Nacht. Du kannst heftige Schmerzen in Nacken, Schultern, Deinem oberem und unterem Rücken und in Deiner Hüfte verspüren. Manchmal können die Schmerzen so stark sein, dass Du das Bett gar nicht mehr verlassen kannst und nicht in der Lage bist, einfache Tätigkeiten auszuführen.
 
Bei einer Polymyalgia rheumatica verspürst Du zunächst Kopfschmerzen, ein allgemeines Krankheits- und Schwächegefühl sowie eine erhöhte Körpertemperatur. Oftmals denken Betroffene zu Beginn der Erkrankung an eine Virusinfektion wie einen grippalen Infekt. Betroffene klagen zudem über starke Muskel- und Gelenkschmerzen. Betroffene weisen zudem Symptome einer Riesenzellarteriitis auf – Kopf- und Kopfhautschmerzen, Kiefer– und Zungenschmerzen sowie Sehstörungen, die voranschreiten und zu einer Erblindung führen können.
 
Deine Gelenke und Deine Muskeln fühlen sich morgens über 45 Minuten lang steif an. Sogar das Treppensteigen oder das seitliche Anheben der Arme kann Dir große Schmerzen bereiten. Auch Fieber, Unwohlsein, Depressionen, Appetitmangel und Gewichtsverlust sind häufig auftretende Symptome. Sogar das Liegen in der Nacht auf Schulter und Hüfte kann Dich quälen; denn auch wenn Du nicht in Bewegung bist, kann ein ständiger Ruheschmerz einsetzen.
 

Welche Ursachen hat eine Polymyalgia rheumatica?

Die Ursachen der Polymyalgia rheumatica sind nach wie vor unbekannt. Wie viele andere entzündlich-rheumatische Erkrankungen ist auch die Polymyalgia rheumatica mit einem fehlgesteuerten Immunsystem verbunden. Das Immunsystem richtet sich nicht gegen eindringende Krankheitserreger, sondern gegen Deinen eigenen Körper. Die Polymyalgia rheumatica zählt somit zu den Autoimmunerkrankungen.
 
Eine mögliche Ursache für ihre Entstehung könnte sein, dass die im Blut zirkulierenden Zellen des Immunsystems bei Menschen in höherem Alter dazu neigen, außer Kontrolle zu geraten. Es werden unkontrolliert Botenstoffe gebildet (Zytokine) und somit eine Entzündung verursacht, die Deinen gesamten Körper betrifft. Experten vermuten jedoch, dass es eine genetische Veranlagung für diese Erkrankung gibt. Die Erkrankung tritt nämlich familiär gehäuft auf.
 
Allerdings handelt es sich bei der Polymyalgia rheumatica nicht um eine klassische Erbkrankheit. Experten gehen davon aus, dass Antikörper gegen körpereigene Strukturen gebildet werden, die dann eine Entzündung dieser Strukturen auslösen. Neben den Genen spielen auch äußere Faktoren (Umwelteinflüsse) eine zentrale Rolle. Beispielsweise diskutieren Experten über Infektionen mit dem Parvovirus B19, dem Erreger des Erythema infectiosum(Ringelröteln).
 

Wie hängt die Polymyalgia rheumatica mit der Riesenzellarteriitis zusammen?

Sowohl bei der Polymyalgia rheumatica als auch bei der Riesenzellarteriitis handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, die überwiegend – aber nicht ausschließlich – bei Menschen weit über 50 Jahren auftritt. Ihre Ursachen sind noch nicht geklärt. Es kommt zu entzündlichen Veränderungen der großen Blutgefäße (Riesenzellarteriitis) und der Muskulatur (Polymyalgia rheumatica). Die Polymyalgia rheumatica tritt häufig als Begleiterkrankung der Riesenzellarteriitis auf. Was die beiden Erkrankungen miteinander verknüpft ist jedoch weiterhin unklar.

Starke Rückenschmerzen sind typisch für eine Polymyalgia rheuamtica.

Wie diagnostiziert der Arzt eine Polymyalgia rheumatica?

Dein Arzt stellt die Diagnose normalerweise basierend auf Deinen Symptomen und einer körperlichen Untersuchung. Ein Bluttest kann ihm dabei helfen, Anzeichen auf Entzündungen in Deinem Körper zu erkennen. Mittels Bluttest kann er aber auch mögliche andere Ursachen für die Symptome erkennen. Eine Ultraschalluntersuchung der betroffenen Gelenke kann Deinem Arzt die Entzündung oder Schwellung Deines Gelenks zeigen.
 
Normalerweise veranlasst er folgende Bluttests:
 

  • Blutsenkung (Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit), C-reaktiver Proteinspiegel oder beides: Leidest Du an Polymyalgia rheumatica, so sind beide Werte normalerweise sehr hoch, was Deinem Arzt den Hinweis auf eine aktive Entzündung gibt.
  • Großes Blutbild: Dein Arzt untersucht die grundsätzliche Zusammensetzung Deines  Blutes. Er ermittelt die Anzahl der roten und weißen Blutkörperchen und Blutplättchen in Deinem Blut.
  • Thyrotropin (Thyreoidea-stimulierendes Hormon, kurz TSH): Mithilfe dieser Untersuchung kann Dein Arzt eine Schilddrüsenunterfunktion ausschließen, die Schwäche und Schmerzen in Deinen Schulter- und Hüftmuskeln verursachen kann.
  • Kreatinkinase: Mit dieser Untersuchung kann Dein Arzt eine Schädigung des Muskelgewebes ausschließen. Ist der Kreatinkinase-Wert im Blut erhöht, so liegt sehr wahrscheinlich eine Muskelschädigung vor. Bei einer Polymyalgia rheumatica erfolgt keine Schädigung Deiner Muskeln. Daher ist dieser Wert normal.

 
Bei der Blutuntersuchung findet Dein Arzt immer die typischen Anzeichen einer schweren Entzündung. Auch andere Entzündungsmarker wie das C-reaktive Protein (CRP) und diverse Serum-Eiweiße sind meist deutlich erhöht. Der Rheumafaktor selbst ist meistens negativ. Um andere Erkrankungen ausschließen zu können, untersucht Dein Arzt Dein Blut auf Antikörper. Mithilfe bildgebender Verfahren kann er Entzündungen Deiner Schultergelenke aufzeigen.
 

Wie wird eine Polymyalgia rheumatica behandelt?

Sobald Du unter Kopfschmerzen, Muskelschmerzen beim Kauen, ungewöhnlichen Krämpfen oder Schwäche in Deinen Armen und Beinen leidest, solltest Du sofort einen Arzt aufsuchen! Bereits eine geringe Dosis des Kortikosteroids Prednison kann Deine Polymyalgia rheumatica zum Guten verändern. Liegt zudem eine Riesenzellarteriitis vor, so verordnet Dir Dein Arzt eine erhöhte Dosis, um eine Erblindung zu vermeiden.
 
Treten die Symptome nach der Kortikosteroid-Prednison-Gabe schwächer auf, reduziert Dein Arzt das Medikament auf die geringste wirksame Dosis. Die Glukokortikoide – wie Prednison – hemmen Dein Immunsystem und wirken dadurch Entzündungen entgegen. Mit einer Gabe von 15 bis 25 Milligramm Prednison pro Tag startet der Arzt Deine Therapie.
 
Er kontrolliert die Wirkung der Behandlung und die Krankheitsaktivität regelmäßig. Dein Arzt verschreibt Dir zudem Kortisontabletten, die Du täglich morgens einmal einnehmen sollst. Die Dosierung sollte dabei so hoch wie nötig, aber so gering wie möglich sein. Denn die langfristige Anwendung von kortisonhaltigen Medikamenten kann das Risiko für die Entwicklung von Osteoporose erhöhen.
 
Um das Risiko einer Osteoporose zu senken, solltest Du auf regelmäßige körperliche Aktivität achten. Dein Arzt empfiehlt Dir möglicherweise zusätzlich regelmäßig Calcium und Vitamin D einzunehmen. In manchen Fällen kann auch eine intensivere Behandlung mit anderen verschreibungspflichtigen Medikamenten angewandt werden.
 
Viele Patienten können Prednison bereits nach einer Einnahme von zwei Jahren absetzen. Es kann aber auch sein, dass Du zu der geringen Menge an Menschen gehörst, die das Medikament über mehrere Jahre in kleinen Dosen einnehmen muss. Bei älteren Menschen können Kortikosteroide in der Regel zu Nebenwirkungen führen. Einige Personen müssen die Medikamente über einen längeren Zeitraum einnehmen. Dabei kann die langfristige Einnahme von Steroiden zu Komplikationen führen, die Du mit Deinem Arzt oder Apotheker besprechen solltest.
 
Solltest Du einen besonders aggressiven Verlauf der Polymyalgia haben, so verabreicht Dir Dein Arzt neben Kortison zusätzlich auch Immunsuppressiva. Das sind Substanzen, die die erhöhte Aktivität Deines Immunsystems auf ein Normalniveau herunterbringen. Dadurch kannst Du einiges an Kortison einsparen. Wende Dich für diese Therapie bitte an einen Spezialisten.
 
Bei Bedarf kannst Du zusätzliche Therapiemaßnahmen ergreifen. Die Physiotherapie kann Dir beispielsweise dabei helfen, Beschwerden, Verletzungen und Erkrankungen vorzubeugen und bestehende Beschwerden zu behandeln und an ihrer Ausbreitung zu hindern.
 
Dein Physiotherapeut kann die Therapie stationär oder ambulant durchführen. Bei der mobilen Physiotherapie kommt Dein Physiotherapeut zu Dir nach Hause. Bei der Physiotherapie kannst Du Deine Muskeln, Deine Bewegungsabläufe und Deine körperliche Leistungsfähigkeit trainieren.
 

Wie ist die Prognose bei einer Polymyalgia rheumatica?

Unter Behandlung fällt die langfristige Prognose meist gut aus. Die Behandlung dauert durchschnittlich zwei Jahre. Der Verlauf der Erkrankung erstreckt sich im Regelfall über zwei bis vier Jahre. Manche Patienten leiden aber auch zehn Jahre oder noch länger daran. Daher ist eine frühzeitige Erkennung der Krankheit sehr wichtig.
 
Etwa 50 bis 70 Prozent aller Patienten mit Polymyalgia rheumatica sind nach Abschluss der Kortisontherapie beschwerdefrei. Durch eine ausreichend lange Kortisontherapie, kannst Du die andauernde Beschwerdefreiheit erreichen. Hast Du das Kortison weniger als zwölf Monate eingenommen, bist Du anfälliger für einen Rückfall.
 
Wichtig ist, dass Du die auftretenden Kopfschmerzen und Sehstörungen – oder andere Symptome für eine Polymyalgia rheumatica – sofort erkennst und Deinen Arzt kontaktierst. Erkennt er die Erkrankung rechtzeitig, so bist Du rasch schmerzfrei und kannst nach ungefähr ein bis zwei Jahren das Kortison allmählich absetzen oder zumindest auf eine sehr geringe Dosis reduzieren. Lässt Du die Polymyalgia rheumatica nicht behandeln, so drohen Dir Komplikationen wie Erblindung oder Schlaganfall.
 

Was kann ich selbst bei einer Polymyalgia rheumatica tun?

Du kannst einer Polymyalgia rheumatica nicht vorbeugen. Bei einer bestehenden Polymyalgia rheumatica gibt es allerdings Maßnahmen zur Vorbeugung von Begleiterkrankungen inklusive Nebenwirkungen der Kortisontherapie:
 

  • Eine rechtzeitige und angemessene Kortisontherapie begünstigt den Verlauf einer Polymyalgia rheumatica und beugt somit möglichen Komplikationen vor.
  • Ein Schmerztagebuch kann Dir helfen, einen Überblick über Deinen Krankheitsverlauf zu behalten.
  • Nimm zusätzlich Kalzium und Vitamin D, um Nebenwirkungen der Kortisonbehandlung (wie Osteoporose) vorzubeugen.
  • Hast Du selbst den Verdacht, an einer Polymyalgia rheumatica – und insbesondere an einer Riesenzellarteriitis – zu leiden, solltest Du schnellstmöglich Deinen Rheumatologen aufsuchen, da die Gefahr einer Erblindung besteht.
  • Eine langfristige Therapie ist aufwendig und umfasst häufig mehrere Fachdisziplinen. Daher solltest Du alle Untersuchungen von Spezialisten (in vielen Fällen Rheumatologen) durchführen lassen.

Ein Schmerztagebuch kann Dir helfen, einen Überblick über den Verlauf Deiner Polymyalgia rheumatica zu behalten.

Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für die Behandlung einer Polymyalgia rheumatica?

Eine Polymyalgia rheumatica ist eine sehr ernst zu nehmende Erkrankung. Deine Krankenkasse übernimmt die Kosten für die Untersuchung und Behandlung einer Polymyalgia rheumatica.

 


Dauer Dauer

Durchschnittlich 2 Jahre

Ausfallzeit Ausfallzeit

Je nach Krankheitsverlauf

Stationärer Aufenthalt Stationär

Je nach Krankheitsverlauf

Das Wichtigste zusammengefasst

Bei der entzündlich-rheumatischen Polymyalgia rheumatica handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung. Es handelt sich um eine Überaktivität Deines Immunsystems gegen Deinen eigenen Körper, bei dem Dein Immunsystem das körpereigene Gewebe angreift.


Bei einer Polymyalgia rheumatica verspürst Du zunächst Kopfschmerzen, ein allgemeines Krankheits- und Schwächegefühl sowie eine erhöhte Körpertemperatur. Oftmals denken Betroffene zu Beginn der Erkrankung an eine Virusinfektion wie einen grippalen Infekt. Betroffene klagen zudem über starke Muskel- und Gelenkschmerzen.


Bereits eine geringe Dosis des Kortikosteroids Prednison kann Deine Polymyalgia rheumatica zum Besseren verändern. Liegt zudem eine Riesenzellarteriitis vor, so verordnet Dir Dein Arzt eine erhöhte Dosis, um eine Erblindung zu vermeiden.


Unter Behandlung fällt die langfristige Prognose meist gut aus. Der Verlauf der Erkrankung streckt sich im Regelfall über zwei bis vier Jahre. Manche Patienten leiden aber auch zehn Jahre oder noch länger daran. Daher ist es wichtig, dass Du eine Erkrankung frühzeitig bei Deinem Arzt erkennen lässt.

Anfrage Stellen