Totale Gesichtstransplantation: Wie das jüngste Mädchen in der OP-Geschichte ein neues Gesicht bekam

Bei einer 31-stündigen Operation machten die Chirurgen der amerikanischen Cleveland Clinic das möglich, worauf Katie Stubblefield sehnsüchtig wartete: sie transplantierten ihr ein komplett neues Gesicht und gaben ihr damit die Chance auf ein neues Leben. Wir berichten über die unglaubliche Geschichte des 22-jährigen Mädchens und wie sie ihr drittes Gesicht bekam. Lesen Sie über die angewendeten OP-Techniken und sehen Sie sich spannende Vorher/Nachher Fotos an.


Zuletzt aktualisiert: 27. Januar, 2020

Weltweit wurden bisher erst ungefähr 40 Gesichtstransplantationen durchgeführt. Die Cleveland Clinic in den USA war das erste Krankenhaus, das eine komplette Gesichtstransplantation durchführte. Die letzte Transplantation fand Ende 2017 bei Katie Stubblefield statt, der jüngsten Gesichtstransplantations-Patientin der USA.

 

Katie erfuhr 2014 einen schlimmen Schicksalsschlag und überlebte einen selbst-zugefügten Schuss mit der Waffe ihres Bruders inmitten ihr Gesicht. Das damals 18-jährige Mädchen konnte von den Ärzten zwar gerettet werden, allerdings war ihr Gesicht komplett entstellt. Die Chirurgen der Cleveland Clinic führten 13 Operationen durch und versuchten ihre Gesichtsfunktionen wiederherzustellen – erfolglos.

 

Drei Jahre nach dem schweren Unglück bekam sie die Chance auf ein neues Leben, als ein Spender-Gesicht in der Klinik zur Verfügung stand. Bei einer 31-stündigen Operation transplantierten ihr die Ärzte 100% ihres Gesichtes. Damit ist sie die jüngste amerikanische Patientin, die eine komplette Gesichtstransplantation bekam. 

 

https://twitter.com/CleClinicNews/status/1029578678735237121 

 

OP-Techniken

Um die OP erfolgreich durchzuführen bedienten sich die Ärzte besonderer Techniken wie beispielsweise dem 3D-Druck oder Virtual Reality Technologien. Besonders spannend war beispielsweise die Nutzung der HoloLens (darüber haben wir dieses Jahr in unserem Newsletter bereits berichtet: siehe Virtual Reality). HoloLens ist ein mixed-reality Computer in Form eines Headsets, der Hologramme in die Umgebung einfügt. So konnten die Ärzte diese Technik nutzen, um die schwere Operation der Transplantation im Vorhinein wiederholt zu testen.

 

“Our biomedical engineers were able to create a virtual model of the patient’s face, where you can see everything – including the bone structure and blood vessels. With the HoloLens on, you can virtually walk around and ‘see’ inside the patient’s face. It’s the next level of surgical modeling”, sagt Brian Gastman, MD, einer der behandelnden Ärzte.

 

Die 3D-Technologie wurde dazu benutzt um das Kiefer der Patientin wiederherzustellen. Dazu machten die Ärzte ein 3D-CT der Schwester der Patientin und nutzten das 3D-Modell als anatomische Vorlage. Das Ärzteteam kreierte anhand dieses Modells einen neuen Kiefer aus den Bein-Knochen von Katie.

 

https://twitter.com/CleClinicNews/status/1030238023219175424 

 

Erst die Spenderin, dann Katie

In einem ersten Schritt setzten die Ärzte der Spenderin eine Trachealkanüle. Die Krankenschwestern reinigten das Gesicht und schnitten die Haare am Haaransatz ab. Anschließend begann ein langer Prozess um den Cranialnerv VII ( Nervus facialis) vorsichtig zu trennen. Dieser Gesichtsnerv durchzieht sich auf beiden Seiten des Gesichtes vom Stammhirn über das Ohr und teilt sich dann in fünf Äste ,die zu Stirn, Augenlidern, Wangen, Lippen und Hals führen. Sie besitzen sowohl motorische, als auch sensorische Fasern und sind daher von enormer Bedeutung. 

 

Anschließend begannen die Ärzte den Kiefer der Spenderin zu trennen. In einem weiteren Schritt trennten sie die Blutgefäße, zerlegten Venen und Arterien und markierten sie mit unterschiedlichen Längen, damit diese zu Katies Gefäßen passten. Dies taten sie bewusst zuletzt, um die Zeit zu minimieren, in der das Gesicht ohne Blutzufuhr war.

 

Erst, als die Ärzte sicher waren, dass das transplantierte Gesicht stabil war, begannen sie mit der Operation an Katie. Auch bei ihr wurden die Blutgefäße zuletzt getrennt. Sofort danach begannen sie damit die Gefäße zu verbinden und das Blut floss durch, das Gesicht färbte sich wieder leicht rosa. “There was a very large internal sigh of relief by almost all of us surgeons,” sagt Gastman. Sie befestigten das Gesicht wieder in umgekehrter Reihenfolge, als sie es zuvor bei der Durchtrennung taten.

 

Die Ergebnisse

So sieht Katie aktuell aus. Weitere Operationen stehen ihr noch bevor.

 

https://twitter.com/CleClinicNews/status/1029578930636943360

 

Wie geht es Katie? Und wie geht es weiter?

Genau wie bei fast allen Organtransplantationen muss auch Katie ein Leben lang Immunsuppressiva zu sich nehmen, um zu verhindern, dass ihr Körper das transplantierte Gesicht wieder abstößt. Die genaue Erforschung der Toleranz und Intoleranz eines transplantierten Gesichtes ist daher ein weiterer Meilenstein der Cleveland Clinic.

 

Katie blieb noch mehr als 3 Monate im Spital, hatte teilweise sehr starke Schmerzen und konnte kaum reden oder essen. Zudem musste sie sich noch drei weiteren Operationen unterziehen. Beispielsweise wurde in einer weiteren Operation überschüssige Haut entfernt, die die Ärzte zur Sicherheit transplantiert hatten, falls es zur Ablehnung gewisser Bereiche des Transplantats gekommen wäre.

 

Ihre Familie kümmert sich nach wie vor vorbildlich um sie. Täglich muss Katie eine zweieinhalb Seiten lange Liste an Medikamenten zu sich nehmen. Physotherapie, Training mit dem Personal Trainer, Ergotherapie und Sprachtherapie gehören ebenfalls zum Wochenplan. Besonders das Sprechen fällt ihr sehr schwer, da der komplette Bereich des Mundes von der Spenderin stammt. Ihre Zunge ist zu kurz und kann die Zähne nicht berühren, weshalb sie kaum verständlich sprechen kann.

 

Fast 100% von Katies eigener Gesichtsmuskulatur wurde von der der Spenderin ersetzt. Jetzt muss Katie lernen diese Muskeln zu aktivieren, ohne sie dabei zu fühlen. Ihre Nerven brauchen laut der Ärzte mindestens ein Jahr, um sich zu regenerieren.

 

Weder für Katie noch die ihre Familie ist es einfach das fremde Gesicht an Katie zu akzeptieren und sie als “die alte Katie” zu sehen. Dennoch sind sie alle überaus dankbar für das neue Gesicht. Sie beschäftigen sich viel mit der Geschichte der Spenderin und versuchen so viel wie möglich über sie herauszufinden. Katie vereinbarte sogar ein Treffen mit der Großmutter der Spenderin. Weil sich das Gesicht anhand der Metamorphose an Katie anpasste, sah sie der Spenderin längst nicht mehr so ähnlich. Die Spenderin, Andrea Schneider, half mit der Spende ihrer Organen noch mindestens 7 weiteren PatientInnen, die schon lange auf Organspender warteten.

 

Auf Katies OP-Plan stehen immer noch Veränderungen, wie beispielsweise zur Verbesserung ihrer Augenlider, die Verringerung der Narben oder der Verschmälerung des Gesichtes.

 

Momentan sind Katie und ihre Familie mit der Genesung beschäftigt. Danach möchte sie ihr College fortsetzen und eventuell eine Beratungs-Karriere starten. “So many people have helped me, now I want to help other people”, sagt Katie und möchte zukünftig anderen Teenagern mit Selbstmordgedanken helfen.

 

Weiterführende Informationen

Bei Interesse an zusätzlichen Informationen, spannenden Fotos oder Videos über die Gesichtstransplantation empfehlen wir Ihnen den ausführlichen Bericht von National Geographic oder den Bericht der Cleveland Clinic News