Polyzystisches Ovarialsyndrom

Obwohl ungefähr zehn Prozent der europäischen Frauen von dem Polyzystischen Ovarialsyndrom betroffen sind, ist der Allgemeinheit diese Erkrankung ein oft gehörter, jedoch meist nicht verstandener Begriff. Es handelt sich hierbei um die häufigste hormonelle Störung von Frauen im gebärfähigen Alter. PCOS äußert sich unter anderem durch unregelmäßige Blutungen und eine verstärkte Behaarung. Besonders belastend sind Symptome, die auf einen Überschuss an männlichen Hormonen zurückzuführen sind. Das Polyzystische Ovarialsyndrom ist nicht heilbar, jedoch gibt es Möglichkeiten, die Symptome zu lindern.


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Online-Redaktion

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Zuletzt aktualisiert: 27. Juli, 2020



ICD-10-GM-2020 E28.2

Was versteht die Medizin unter einem Polyzystischen Ovarialsyndrom?

Das Polyzystische Ovarialsyndrom ist die häufigste hormonelle Störung von Frauen im gebärfähigen Alter. Trotz des hohen Vorkommens ist relativ wenig über die Auslöser und die genauen Pathomechanismen, also die genaue Entwicklung der Erkrankung, bekannt.
 
Jedoch gibt es klare Diagnosekriterien, die dem Arzt als Leitfaden dienen. Dazu gehören die sogenannte Virilisierung, das bedeutet die Vermännlichung der Frau, die namensgebenden Zysten im Eierstock und das Ausbleiben des Eisprungs mit einhergehenden unregelmäßigen Menstruationszyklen. Weiters hilft eine Labordiagnostik dem Arzt, um die Diagnose des PCOS zu stellen. Patientinnen zeigen häufig erhöhte Spiegel von männlichen Hormonen und ein Missverhältnis von Sexualhormonen aus der Hirnanhangsdrüse.

Betroffene leiden vor allem unter den Vermännlichungssymptomen, zu denen beispielsweise Akne und übermäßiger Haarwuchgs im Gesicht gehören.

Was sind die Symptome vom Polyzystischen Ovarialsyndrom?

Mit dem Ungleichgewicht der Sexualhormone geht eine Ovulationsstörung, also eine Störung des Eisprungs, einher. Betroffene stellen sich demnach oftmals das erste Mal mit Fruchtbarkeitsproblemen bei ihrem Gynäkologen vor, denn ohne Eisprung ist auch keine Befruchtung und damit keine Schwangerschaft möglich.
 
Weiters fallen den Frauen unregelmäßige Blutungen auf, es kann eine seltene Blutung, auch Oligomenorrhoe genannt, oder eine sekundäre Amenorrhoe, also ein Ausbleiben der Regelblutung über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten, vorkommen.
 
Für Patientinnen ist besonders das Symptom der Vermännlichung oder Maskulinisierung sehr belastend. Dabei zeigt sich ein verstärkter männlicher Behaarungstyp an Brust und Gesicht (Hirsutismus), eine tiefere Stimme, Akne sowie ein männlicherer Körperbau. Dies ist auf den bereits erwähnten Überschuss an Androgenen, also männlichen Hormonen wie Testosteron, zurückzuführen.
 
Viele Erkrankte leiden außerdem an einer Insulin-Resistenz. Das bedeutet, dass die Insulin-Rezeptoren, die sonst das Signal für den Zuckertransport in die Zellen geben, nicht mehr ausreichend auf das ausgeschüttete Insulin reagieren. Die Frauen präsentieren sich dann mit einer diabetischen Stoffwechsellage, die dem bekannten Alterszucker gleicht. Etwas mehr als die Hälfte der Patientinnen sind übergewichtig. Hierbei ist noch nicht vollständig geklärt, ob die Fettleibigkeit eine Ursache oder Folge der Erkrankung ist.

Welche Ursachen hat das Polyzystische Ovarialsyndrom? 

Die Ursachen der Entstehung des Polyzystischen Ovarialsyndroms sind bis dato großteils ungeklärt. Eine genetische Komponente scheint jedoch ein beeinflussender Faktor zu sein, da die Erkrankung in manchen Familien gehäuft auftritt.
 
Die wohl am weitesten verbreitete Theorie des Missverhältnisses verschiedener Hormone besagt, dass die ursächliche Störung ihren Anfang in der Hirnanhangsdrüse, auch Hypophyse genannt, findet. Dort werden nämlich die Hormone FSH (Follikel stimulierendes Hormon) und LH (luteinisierendes Hormon) freigesetzt. Die beiden Hormone dienen als eine Art Signalgeber an die Ovarien, wo sie sowohl die Eizellreifung, als auch die Produktion von Östrogenen und Androgenen anregen. Letzteres wird besonders von LH stimuliert, weshalb die bei Patientinnen häufig gefundene Erhöhung des LH bei gleichbleibendem FSH wohl einen wesentlichen Faktor in der Krankheitsentstehung innehält.
 
Das Verhältnis der beiden Hypophysenhormone hilft dem Arzt bei der Diagnosefindung, denn bei gesunden Frauen beträgt LH/FSH ungefähr eins, also beide Hormone haben die gleiche Konzentration im Blut, während sich bei PCOS-Patientinnen die Ratio der Hormone zugunsten von LH auf zwei oder gar drei erhöhen kann.
 
Auch die bereits erwähnte Insulin-Resistenz scheint eine ursächliche oder zumindest krankheitsverstärkende Rolle zu spielen. Denn der erhöhte Insulinspiegel soll die Androgenproduktion im Eierstock (Ovar) anregen.
 
Weiters verringert die hohe Insulinproduktion die Bildung eines Proteins, das Sexualhormone, aber vor allem Testosteron, bindet. Dadurch ist das freie und wirksame Testosteron im Blut erhöht, was die Vermännlichungsvorgänge erklären könnte. Da die Insulin-Resistenz oftmals durch Übergewicht bedingt ist, spielt auch dies wahrscheinlich eine ursächliche Rolle.

Welche Risikofaktoren begünstigen die Entstehung von PCOS?

Wie bereits beschrieben, steht ein erhöhtes Körpergewicht mit dem PCOS in Verbindung. Es scheint sich hierbei um eine Art Teufelskreis zu handeln, denn das Übergewicht wirkt krankheitsfördernd und gleichzeitig nehmen die Erkrankten durch das Syndrom zu. Dies alles ist fest mit einer Insulin-Resistenz verknüpft, weshalb sowohl die Fettleibigkeit, als auch ein Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) Risikofaktoren für die Entstehung des Syndroms darstellen.
 
Doch auch schlanke Frauen ohne diabetische Stoffwechselstörungen können an dem PCOS erkranken. Hier kommen vor allem genetische Faktoren, übermäßiger Stress, Essstörungen oder Suchterkrankungen als risikofördernde Aspekte infrage.

Wie diagnostiziert der Arzt ein Polyzystisches Ovarialsyndrom?

Die Diagnosestellung erfolgt durch sorgfältige Patientengespräche, Ultraschalluntersuchungen und einer Blutuntersuchung mit Hormonstatus. Zum Ausschluss anderer Ursachen der Beschwerden, wie zum Beispiel ein hormonbildender Tumor, kann bei Verdacht auch eine bildgebende Diagnostik (MRT, CT) Einsatz finden.
 
Im Jahre 2003 wurde ein Schema zur Diagnosestellung entwickelt. Dafür müssen zwei der drei folgenden Kriterien erfüllt sein:

  • Ovulationsstörungen, die sich durch Zyklusstörungen im Sinne einer Oligomenorrhoe oder einer sekundären Amenorrhoe manifestieren
  • Klinische und laborchemische Zeichen einer Überproduktion an männlichen Hormonen
  • Mehrere Zysten im Ovar, die durch einen Transvaginalultraschall darstellbar sind

Da heutzutage schon weitaus mehr über das PCOS bekannt ist, dient dieses Diagnoseschema heutzutage eher als Hilfestellung und nicht mehr als ausschlaggebendes Kriterium. Denn der behandelnde Arzt sollte neben einer ausführlichen Menstruationsanamnese auch ein Gespräch über familiäre Häufungen der Erkrankung, der Pubertätsentwicklung und etwaige Schwangerschaften führen.
 
Auch eine genaue Blutuntersuchung mit Augenmerk auf Sexualhormone der Hirnanhangsdrüse hilft dem Arzt bei der Unterscheidung zwischen dem PCOS und anderen hormonellen Störungen. 

PCOS ist nicht heilbar, jedoch können mit einer gezielten Therapie Symptome gelindert und eine Schwangerschaft ermöglicht werden.

Welche Therapie kann beim PCOS zum Einsatz kommen?

Da das PCOS nicht heilbar ist, ist das Ziel der Therapie eine Symptomlinderung. Hierbei richtet sie sich hauptsächlich danach, ob bei der Patientin ein Kinderwunsch besteht oder nicht. In jedem Falle empfiehlt der Arzt eine Gewichtsreduktion bei adipösen Patientinnen und dadurch auch eine Verbesserung der Insulin-Sensitivität. Auch die Ovulationsrate steigt bei Normalisierung des Körpergewichts an und erhöht die Chance auf eine Schwangerschaft.
 
Äußert eine Patientin keinen Kinderwunsch, kann der Arzt eine klassische Antibabypille verschreiben. Diese enthält Östrogene, die die Ovulation in den Eierstöcken und gleichzeitig die übermäßige Androgenproduktion hemmen. Auch Cyproteronacetat, ein Gestagen, das aber gleichzeitig die Rezeptoren für männliche Hormone blockiert, hat sich als wirksam in der Behandlung eines PCOS erwiesen. Oftmals nehmen Frauen auch eine Kombination beider Medikamente ein.
 
Metformin ist ein vielfach verwendetes Diabetes-Medikament und wirkt sich auch positiv beim PCOS aus, da es die Insulin-Rezeptoren wieder sensibilisiert und damit der entstehenden Insulin-Resistenz entgegenwirkt. Grundsätzlich können auch Patientinnen mit Kinderwunsch Metformin einnehmen, sollten dies jedoch bei Eintritt der Schwangerschaft absetzen.
 
Klagen Betroffene über einen unerfüllten Kinderwunsch, kann eine Ovulationsstimulation durch Clomifen, ein Anti-Östrogen, oder low dose-FSH erfolgen. Diese Behandlung zielt jedoch hauptsächlich auf die Fertilitätssteigerung ab und verbessert viele Symptome des PCOS nicht.
 
Zuletzt steht eine operative Methode zur Behandlung bei Kinderwunsch zur Verfügung: das „ovarian drilling“. Hierbei sticht der Operateur mit einer heißen Nadel 20 bis 30 Mal in die Eierstöcke. Diese Methode erhöht die Ovulationswahrscheinlichkeit enorm und hilft vielen Frauen auf dem Weg zur Schwangerschaft. Die positiven Effekte des „drillings“ halten jedoch nur ein bis maximal zwei Jahre an. Wodurch dieser Eingriff wirkt, ist weitgehend unklar.

Wie ist der Krankheitsverlauf beim PCO-Syndrom?

Da sich PCOS in unterschiedlichsten Lebensabschnitten zeigt, ist der Krankheitsverlauf äußerst individuell. Einige Betroffene präsentieren sich schon während der Pubertät, da ein männlicher Behaarungstyp oder andere Maskulinisierungssymptome immer mehr auffallen. Viele Betroffene wenden sich aber erstmals bei einem unerfüllten Kinderwunsch an Ärzte.
 
In jedem Fall gilt aber, dass die eingesetzte Therapie an die Patientin angepasst ist und deren Wünsche und Symptome berücksichtigt. Der Arzt muss außerdem die massive psychische Belastung, die mit dieser Erkrankung einhergeht, beachten. So trägt psychologische Unterstützung, beispielsweise in Form von Psychotherapie oder Selbsthilfegruppen, maßgeblich zum Wohlbefinden der Patientin bei und verringert den Leidensdruck durch die Krankheit. 

Wie ist die Prognose beim Polyzystischen Ovarialsyndrom?

Das PCOS ist eine chronische Krankheit, die betroffene Frauen ihr Leben lang begleitet. Jedoch können die Erkrankten mit der richtigen Therapie ein uneingeschränktes Leben führen. Selbst eine Schwangerschaft ist mittlerweile möglich, wenn auch risikoreicher.
 
Tendenziell gilt, je früher das Syndrom erkannt und behandelt wird, desto weniger Langzeitfolgen birgt die Erkrankung. Denn aufgrund des gestörten Hormongleichgewichts kommt es bei unbehandelten Frauen häufiger zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie beispielsweise Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Thrombosen, Fettstoffwechselstörungen, der Zuckerkrankheit oder sogar Gebärmutterkrebs. Demnach sind eine zeitige Diagnosestellung und Behandlung ausschlaggebend für die Prognose einer PCOS-Erkrankten. 

Was bedeutet die Diagnose PCOS für den Kinderwunsch?

Durch genannte Medikamente und Eingriffe ist eine Schwangerschaft trotz PCOS oftmals erreichbar. Diese zeichnen sich jedoch durch eine erhöhte Fehlgeburtsrate, einem höheren Risiko für Schwangerschaftsdiabetes und häufigere Mehrlingsschwangerschaften aus. Um dies möglichst früh zu erkennen und behandeln zu können, führt der Arzt bei diesen Schwangeren vermehrte Kontrolluntersuchungen durch.

Auf welche Ernährung sollte beim Polyzystischen Ovarialsyndrom geachtet werden?

Nachdem circa 50 bis 70 Prozent aller erkrankten Frauen übergewichtig sind, nimmt die Ernährung eine wichtige Rolle im Krankheitsverlauf ein. Eine gesunde, ausgewogene Ernährung und vermehrte sportliche Aktivität sind zielführend in der Gewichtsabnahme, welche einen essenziellen Ansatz der Therapie darstellt. Für viele Betroffene ist ein Ernährungsberater sinnvoll, da dieser auf die Frau angepasste Ernährungspläne erstellen und sie beim Gewichtsverlust unterstützen kann.
 
Grundsätzlich sollten die Erkrankten viel Gemüse, wenig Fett und wenig Zucker zu sich nehmen. Dadurch fördern sie ihre Gewichtsabnahme und verringern gleichzeitig das Risiko einer Insulinresistenz. Besteht bereits eine diabetische Stoffwechsellage, sollte sich die Ernährung nach den Empfehlungen bei Alterszucker richten. Demnach sollen die betroffenen Frauen viel Gemüse, Hülsenfrüchte und Nüsse zu sich nehmen.
 
Auch mageres Fleisch, Fisch und Milchprodukte sind erlaubt, die Fettzufuhr sollte jedoch eher pflanzlich erfolgen. Bei Kohlenhydraten können Vollkornprodukte und weitere ballaststoffreiche Nahrungsmittel gerne konsumiert werden. Einfache Zucker, wie sie bei Torten oder Süßigkeiten zu finden sind, sollten eher Ausnahme als Norm darstellen.

Beim PCOS gehört Übergewicht zu einen der wichtigsten Risikofaktoren.

Wie kann ich einem Polyzystischen Ovarialsyndrom vorbeugen?

Da die Ursachen der Erkrankung nicht vollständig geklärt sind, ist eine Vorbeugung per se nicht möglich. Jedoch scheint ein Gewicht im Normbereich einen gewissen Schutz zu bieten. Obwohl auch schlanke Frauen an dem PCOS erkranken können, sind mehr als die Hälfte der Patientinnen übergewichtig und zeigen eine deutliche Verbesserung bei Gewichtsabnahme. Ähnliches gilt bei der Zuckerkrankheit. Wenngleich nicht vollständig erforscht ist, inwieweit eine Insulinresistenz Auslöser des Syndroms ist, scheint auch eine Normalisierung des Blutzuckers vorbeugend zu wirken.
 
Zuletzt sei gesagt, dass bei familiären Häufungen des PCOS der Arzt bei den gynäkologischen Kontrolluntersuchungen ein Augenmerk auf etwaige Zystenbildung oder hormonelle Auffälligkeiten legen sollte, um dies frühzeitig zu erkennen und zu therapieren.

Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für die Therapie von PCOS?

Die Kosten einer PCOS-Therapie werden meist vollständig von den Krankenkassen übernommen. In wenigen Fällen müssen die Patientinnen einen Selbstbehalt zahlen, dazu zählt beispielsweise der Besuch eines Wahlarztes. Bei manchen Krankenversicherungen fallen für die Frauen auch bei Besuch eines Kassenarztes Kosten an, dies sollte vorab mit der jeweiligen Versicherung abgeklärt werden.


Dauer Dauer

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Ausfallzeit Ausfallzeit

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Stationärer Aufenthalt Stationär

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Das Wichtigste zusammengefasst

Beim Polyzystischen Ovarialsyndrom handelt es sich um eine chronische Erkrankung, die bis zu zehn Prozent der Frauen in Europa betrifft.


Die Erkrankten merken Unregelmäßigkeiten oder Ausbleiben der Menstruationsblutung sowie Vermännlichungsprozesse, die vermehrten Haarwuchs, Stimmveränderungen, Akne und Ähnliches beinhalten.


Bei früh gestellter Diagnose und einer gut angepassten Therapie können die Patientinnen ein uneingeschränktes Leben führen und bei Wunsch auch schwanger werden.


Mit dem PCOS geht oftmals Übergewicht und eine Insulinresistenz einher. Bis jetzt ist nicht vollständig geklärt, wie sehr diese Faktoren das Entstehen der Erkrankung beeinflussen, jedoch ist die Normalisierung des Körpergewichts und eine ausgewogene Ernährung sowohl Therapie des Syndroms als auch eine Empfehlung zur Vorbeugung der Krankheit.

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