Coronavirus – Informationen von einem Biostatistiker!

Man kommt nicht mehr daran vorbei und mittlerweile ist den meisten Menschen bewusst, dass die Lage ernster ist, als zuvor angenommen. Das Coronavirus verbreitet sich rasend schnell. Trotzdem ist es wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren und nicht in Panik zu verfallen! Wir haben mit Markus Falk, Biostatistiker am Eurac Research in Bozen, gesprochen. Er hat uns wichtige Fragen zum Virus beantwortet und eine ehrliche Einschätzung zur momentanen Lage abgeben.


AUTOR

Biostatistiker am Eurac Research

CO-AUTOR

Online-Redaktion


Zuletzt aktualisiert: 14. März, 2020

Woher kommt das Virus und was ist die genaue Ursache?

Wie den meisten wahrscheinlich bereits bekannt ist, hat das Virus seinen Ursprung in Wuhan, China. Die genaue Ursache ist weiterhin noch unbekannt. Man weiß bisher nur soviel, dass es voraussichtlich von einem Tier auf den Menschen übertragen wurde. Von welchem Tier genau ist noch unklar. Es gibt einige Vermutungen, keine von diesen ist jedoch bestätigt.

Wieso wird das Virus als so gefährlich eingestuft? Bei der Grippe gibt es doch viel mehr Todesfälle?

Dass bei der Grippe mehr Menschen sterben ist nicht wahr, es handelt sich hierbei um eine Fehlinformation. Die Letalität, sprich die Wahrscheinlichkeit, an einer Erkrankung zu sterben, ist bei COVID deutlich höher als bei der Grippe (Influenza). Das liegt unter anderem daran, dass das Coronavirus ebenfalls in die Organe eindringen kann und so das Sterberisiko erhöht. Dies macht es gefährlicher als die Grippe.

Das Coronavirus kann ebenfalls in die Organe eindringen

Wie überträgt sich das Virus?

Das Virus überträgt sich von Tier auf Mensch und auch von Mensch auf Mensch und das auf eine sehr einfache und effiziente Art und Weise, weshalb es auch so infektiös ist. Das Virus transferiert sich über Tröpfchen, wie beim Sprechen, Husten, Niesen oder Küssen. Zudem vermehrt es sich ebenfalls im Darm, weshalb die Möglichkeit einer Schmierinfektion besteht. Anders als zuvor angenommen, dringt das Virus über die Mandeln und nicht über die Lunge ein.

Ein Irrglaube ist, dass sich das Virus über den Wind verbreiten kann!

Wie lange hält sich das Virus?

Es gibt noch keine gesicherten Befunde, man geht jedoch davon aus, dass es sich über mehrere Stunden halten kann.

Wie viele Menschen kann ein Mensch anstecken?

Momentan geht man davon aus, dass eine erkrankte Person bis zu drei Menschen anstecken kann. Allerdings ist dies noch nicht gesichert. Die tatsächliche Zahl kann höher, aber auch niedriger ausfallen.

Welche Menschen gelten als besonders gefährdet?

Bereits ab dem 50. Lebensjahr ist Vorsicht geboten, denn das Immunsystem ist nicht mehr so stark wie in jüngeren Jahren. Das ist allerdings ein normaler Vorgang, der mit dem Älterwerden kommt. Problematisch ist es vor allem ab dem 70. Lebensjahr, gerade dann, wenn bereits Vorerkrankungen vorliegen. Der Faktor „Vorerkrankung“ gilt aber auch für jüngere Patienten, das heißt, dass auch sie dementsprechend zur Risikogruppe gehören.

Das Virus kann in bestimmte Organe vordringen, das ist zwar sehr selten, aber dennoch möglich. In Kombination mit einer Vorerkrankung ist das Risiko eines Todesfalls hoch. Das ist die eigentliche Gefahr gegenüber einer normalen Grippe. Für Schwangere gibt es momentan Entwarnung, da es keine Zusatzrisiken zu geben scheint, auch nicht für das Ungeborene.

Wie sehen die Symptome aus und wie unterscheiden sie sich von denen einer Grippe?

Das Problem des Coronavirus ist, dass die Symptome sehr stark denen einer Grippe ähneln und somit sehr schwer zu unterscheiden sind. Schnupfen, Fieber oder Husten kommen bei beiden Erkrankungen vor. Oftmals setzt der Husten indes später ein, als bei einer normalen Grippe, allerdings verlaufen die Symptome bei einer Grippe auch nicht immer gleich. Ein Unterschied ist jedoch, dass die Grippe normalerweise nach einer Woche überstanden ist, bei Corona halten die Beschwerden bis zu zwei Wochen an. Es gibt aber auch eine sehr hohe Anzahl an Erkrankten, die absolut keine Symptome zeigen.

Schnupfen, Fieber oder Husten kommen bei beiden Erkrankungen vor

Wann wird auf Corona getestet und kann sich jeder testen lassen? Wann soll ich mich testen lassen?

Man kann sich nicht einfach so testen lassen. Momentan werden nur bei Menschen Tests durchgeführt, die aus Risikogebieten zurückkommen und gewisse Symptome zeigen und an Personen, die Kontakt zu infizierten Personen hatten. Das bedeutet, dass man sich nicht einfach bei einem Verdacht testen lassen kann. Bei den Hotlines, welche extra für Corona eingerichtet wurden, sollte trotzdem angerufen werden, wenn man den Verdacht hat, dass man eventuell daran erkrankt ist. Allerdings werden auch dann in der Regel nicht sofort Tests durchgeführt.

Wie lange dauert es, bis die Testergebnisse vorliegen?

Mittlerweile sind die Tests bereits ausgereifter, bedeutet, dass die Ergebnisse innerhalb weniger Stunden vorliegen und nicht mehr einen kompletten Tag benötigen. Jedoch auch nur dann, wenn die Kapazität vorhanden ist.

Wie sieht der Behandlungsverlauf aus?

Momentan gibt es kein Heilmittel, allerdings wird symptomatisch behandelt, also beispielsweise fiebersenkende Medikamente verabreicht. In Italien ist es indes so, dass mittlerweile 10% der Erkrankten, welche sich im Krankenhaus aufhalten, künstlich beatmet werden müssen, da es zu Atemwegsproblemen kommen kann.

Wie lange dauert der Heilungsverlauf?

Ohne größere Komplikationen ist die Erkrankung nach einer Woche überstanden. Anschließend werden noch Tests durchgeführt, ob der Patient weitere Viren ausscheidet. Ist dem nicht so, darf er nach Hause gehen. Wenn doch, dann wird der Patient entlassen, muss aber in Absonderung verbleiben bis erneute Tests nach ein paar Tagen negativ ausfallen. Dieser schnelle Heilungsverlauf gilt nur für Personen, die zuvor komplett gesund waren.

Ist bereits ein Impfstoff in der Entwicklung und wie lange wird es dauern, bis es eine Impfung oder passende Medikamente gibt?

Ja, es wird bereits an einem Impfstoff geforscht. Es ist aber so, dass die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, dass es noch in diesem Jahr zu einem Durchbruch kommt. Realistischer sind drei Jahre, die es benötigt, um eine passende Impfung auf den Markt zu bringen, die Hoffnung sollte somit nicht zu groß sein, dass sich in dem Bereich in nächster Zeit etwas tut. Es wird natürlich mit Hochdruck geforscht, es ist jedoch eher zu erwarten, dass es bald eine medikamentöse Behandlung gibt.

Kann der Körper auch Antikörper bilden?

Ja, kann er. Wie auch bei der normalen Grippe, ist der Körper imstande Antikörper auszubilden und es baut sich ein gewisser Langzeitschutz auf. Allerdings ist es wie bei der Grippe, dass das Virus auch mutieren kann, wofür es aber noch zu wenig Erfahrungswerte gibt! Wichtig zu wissen: Für unser Immunsystem ist das Virus einfach nur ein Virus und im ersten Moment nichts Besonderes, da sich unser Körper jeden Tag mit Viren und Bakterien auseinandersetzen muss. Es „erschrickt“ sich also nicht vor dem Eindringling, die Angst entsteht eher in den Köpfen der Menschen.

Doe Krankenhäuser stoßen mittlerweile an ihre Grenzen

Wie ist die Einschätzung des weiteren Verlaufes und was ist noch zu erwarten?

Ganz realistisch betrachtet, wird uns die momentane Situation noch Jahre beschäftigen, es lässt sich aber nicht genau sagen, wie. Geschätzt wird, dass die „heiße“ Phase noch mindestens zwei Monate andauert und anschließend weitere sechs Monate, bis wir tatsächlich über den Berg sind. Es ist also mit mindestens acht Monaten zu rechnen, bis sich die Situation wieder beruhigt hat. Aber auch danach werden die Auswirkungen noch zu spüren sein.

Lässt sich das Virus vollkommen ausrotten?

Es gibt natürlich die Chance einer Ausrottung, diese ist allerdings eher unrealistisch. Das Virus kann sich sehr geschickt vermehren und ist aus diesem Grund so erfolgreich. Je erfolgreicher ein Virus ist, desto schwerer lässt es sich kontrollieren. Zudem ist es auch noch nicht klar, ob es sich auch von Mensch auf Tier überträgt, oder nur andersherum. Momentan ist die Hoffnung sehr gering, das Virus komplett aus der Welt zu schaffen.

Wäre eine Ausgangssperre sinnvoll? Wenn ja, wann könnte man damit rechnen, dass die Pandemie vorbei ist?

Eine Ausgangssperre hätte man vor allem in Deutschland und Österreich bereits vor ein bis zwei Wochen verhängen müssen. Die Ausbreitung nimmt gerade in Deutschland sehr schnell zu. In Südtirol ist die Lage bereits so ernst, dass die Krankenhäuser langsam an ihr Grenzen stoßen. Auch aus diesem Grund ist es in Italien zu einem „Lockdown“ gekommen, denn nur auf diese Weise besteht die Chance, dass sich die Lage in den Krankenhäusern auch langsam wieder beruhigt.

In Österreich und Deutschland gehen die Regierungen momentan nicht davon aus, dass es auch bei ihnen zu einem „Lockdown“ kommt, allerdings sind die Chancen hoch, dass sich dies noch ändert, da die Situation anders nicht in den Griff zu bekommen ist. Ansonsten wird es zu Szenarien wie in Italien Kommen, da die Fälle noch einmal rasant ansteigen. Damit wäre ein „Lockdown“ dann praktisch unvermeidbar. Die Situation kann sich somit jeden Tag ändern, weshalb momentan kein Zustand wirklich sicher ist.

Wie kann ich mich schützen?

Händewaschen ist wichtig und sollte auch regelmäßig geschehen, bringt aber leider nicht so viel, wie es sich die meisten erhoffen. Das gilt ebenfalls für Desinfektionsmittel. Wichtig sind diese Hygienemaßnahmen trotzdem, vor allem für Menschen, welche in Heilberufen arbeiten! Ansonsten dient die übermäßige Anwendung von Desinfektionsmitteln mehr dem eigenen Wohlbefinden. Trotzdem ist es natürlich wichtig, auf einen gewissen Hygienestandard zu achten.

Der wichtigste und hilfreichste Schutz ist es, wenn möglich, vorerst jegliche Kontakte mit Menschen zu vermeiden!

Markus Falk, Biostatistiker am Eurac Research, privates Zentrum für angewandte Forschung in Bozen


Arzt finden